Wolmirstedt/Senegal l Die Bilder aus der senegalesischen Schule „Case de Keur Thomas“ schickt Ute Moritz per Smartphone. Sie zeigen die Welt „ihrer“ Kinder: Die Haut der Kleinen ist sehr dunkel, die Augen sehr groß, die schwarzen Haare sehr kurz oder lang und geflochten. Sie tragen leuchtende Farben, rosa Kleidchen, rote Shirts, weiße Hosen, sie tanzen, klatschen, springen Seil, legen Figuren aus bunten Steinchen und lernen, ihre Zähne zu putzen.

Ute Moritz zeigt ihnen, wie das geht, hat die Zahnbürsten besorgt, ebenso Creme. Das Eincremen sei wichtig, sagt sie, weil die Haut durch den heißen Wind austrocknet und reißt. Das tut sehr weh. Die 58-Jährige möchte, dass die Kleinen gern in die Schule kommen, dass die Familien erleben, wie sich die Kinder entwickeln. Wenn es gut läuft, entwickeln sich die Familien gleich mit.

In den Senegal verliebt

Wie aber gerät eine Wolmirstedterin nach Westafrika, was treibt sie an, dort eine Schule zu bauen? „Bis November 2016 wusste ich nicht viel über den Senegal“, gesteht die Ute Moritz am Telefon, „aber vier Wochen Urlaub mit meiner französischen Freundin haben das schlagartig geändert.“ An jedem senegalesischen Morgen wurde sie vom Geschrei der Vögel begrüßt, kleine Äffchen turnten herum. „Ich habe mich in das Land verliebt.“

Bilder

Es wurde ein Verliebtsein mit Folgen: Ute Moritz kaufte ein Haus in Saly, einer kleinen Stadt an der Atlantikküste. Drei Monate blieb sie dort, so lange gilt ein Besuchervisum, kehrte nach Europa zurück, reiste wieder für drei Monate nach Saly. Sie mochte das Land und besonders die Menschen. Irgendwann hat sie mit ihnen über das Glück gesprochen und dabei erfahren, dass der Traum ihres Gärtners die Viehzucht sei. Also schenkte sie ihm einen Bullen und eine Kuh für die Zucht. „Die Dankbarkeit war so groß, dass mir die Dorfgemeinschaft ein Stück Land schenkte.“ Ute Moritz war sprachlos.

Gelände für Schule gekauft

Das Gelände gehört ihr nun, liegt in Malicounda, 20 Autominuten von Saly entfernt. „In mir reifte schnell die Idee, auf diesem Stück Land eine Schule zu bauen.“

Zwar gibt es im Senegal staatliche Schulen, doch die Kinder werden kaum auf den Unterricht vorbereitet. Viele Eltern sind Analphabeten, ziehen zehn bis 18 Kinder groß, haben selbst nie erlebt, wie es ist, zur Schule zu gehen. Die Familien reden miteinander in den Heimatsprachen, können oft kein Französisch, das seit der Kolonialzeit als Amtssprache gilt.

Lernen soll Spaß machen

Ute Moritz will den Kindern zeigen, dass Lernen Spaß machen kann, möchte das Gefühl für Zahlen, Formen und Sprache vermitteln, Französisch lehren. Im europäischen Sinne ist ihre Schule also eine Art Vorschule. „Am Anfang hatten die Kinder etwas Angst vor meiner weißen Hautfarbe“, beschreibt Ute Moritz die ersten Schultage, „in die Gegend kommen kaum Weiße.“ Doch die Skepsis wich schnell. Die Bilder, die sie per Smartphone verschickt, zeigen Kinder, die lachen, hüpfen oder in der Mittagshitze entspannen.

Seit drei Monaten gibt es die Schule nun. Bis zur Eröffnung hat Ute Moritz regen Kontakt mit Behörden und Baufirmen gepflegt und war erstaunt, wie offen und bereitwillig viele dabei geholfen haben, die Schulidee in die Tat umzusetzen, das Gebäude zu bauen, auszustatten und zu gestalten. Im November 2018 wurde die Schule eröffnet. Sie trägt den Namen „Case de Keur Thomas“. Der Platz von Thomas. Und dieser Name erzählt die eigentliche Geschichte der Ute Moritz.

Sabbat-Jahr in der Bretagne

Thomas ist der Name ihres Sohnes, der vor über zehn Jahren bei einen Autounfall gestorben ist. Thomas war 26 Jahre alt. Seinen Namen hat sie auf ihren Oberarm tätowieren lassen, nah am Herzen, wo die Erinnerung an ihn weiterlebt. Fünf Jahre später verlor sie ihren Mann an den Krebs. Ute Moritz blieb mit ihrem Sohn Tobias zurück, unterrichtete weiter Französisch, Russisch und Deutsch an der Gutenberg-Schule, doch wo sollte sie die viele Trauer bloß lassen?

Sie bat um ein Sabbat-Jahr und verbrachte es in Frankreich, in der Bretagne, begann ein Buch zu schreiben, übersetzte für Freunde, kehrte zurück nach Wolmirstedt, lehrte wieder an der Gutenberg-Schule, versuchte, das alte Leben zu leben, bis zu jener Tour durch den Senegal.

Arbeitsmaterialien ungeschützt

Nun also die Schule „Case de Keur Thomas“. Damit schließt sich ein Kreis. Den Bau hat sie mit dem Erbe ihres Mannes bezahlt, sie lebt dauerhaft dort von der Witwenrente, Sohn Tobias (24) kommt regelmäßig zu Besuch und bringt jedes Mal so viel Schulmaterial mit, wie die Fluggesellschaft erlaubt.

Was brauchen Schulkinder im Senegal dringend? „Laminierfolie“ sagt Ute Moritz prompt, „die ist wie Goldstaub.“ Die feuchte Luft zerfrisst das Papier, ungeschützt werden Arbeitsmaterialien nach kurzer Zeit unbrauchbar.

Zahnpflege weitgehend unbekannt

Auch Zahnbürsten stehen hoch im Kurs, in den Familien ist Zahnpflege weitgehend unbekannt. „Wir kennzeichnen die Zahnbürsten, sodass jedes Kind seine eigene hat und auch mit nach Hause nehmen kann“, erzählt Ute Moritz, „und sie lernen, ihre Zahnbürste nicht mit allen Familienmitgliedern zu teilen.“ Dieser Gedanke ist manchmal schwer zu vermitteln in einer Kultur, die weitgehend auf Gemeinschaft setzt.

Die Gemeinschaft wird trotzdem gelebt, die Familien beteiligen sich am Schulleben, kochen, putzen und bezahlen für jedes Kind, das dort lernt, 1,50 Euro pro Monat. Es soll ihnen etwas wert sein, die Kinder in die Schule zu schicken. „Viele Familien sind stolz darauf“, weiß Ute Moritz. Finanzielle Hilfe kommt außerdem auch aus Wolmirstedt. Viele Freunde haben Patenschaften für Kinder übernommen, 50 Euro im Jahr reichen aus, damit ein Kind in der „Case de Keur Thomas“ lernen und essen kann.

8. Klasse ist Pate

Frauke Held, Sozialarbeiterin an der Gutenberg-Schule, ist Patin der kleinen Yacine. „Das ganze Leben in Malicounda verändert sich durch die Schule, weil auch die Familien mit einbezogen werden.“

Das sieht die Klasse 8a der Gutenberg-Schule genauso, sie ist ebenfalls Pate. Nova Lorenz und Dominic Heyde zeigen das Bild der vierjährigen Khadi, ein Mädchen im pinkfarbenen Overall, dazu einen Brief, den Ute Moritz im Namen der kleinen Khadi geschrieben hat. „Jeder aus der Klasse bezahlt für Khadi 2,50 Euro im Jahr“, rechnet Nova vor, „das Geld haben wir aus der Klassenkasse genommen.“ Beim Adventsmarkt haben sie Adventsgestecke gebastelt und die Einnahmen ebenfalls nach Malicounda geschickt. Davon hat Ute Moritz für die Schulküche Kellen und Messer gekauft.

Mit dem Leben der anderen beschäftigt

„Wir haben uns im Unterricht mit Armut beschäftigt“, erzählt Dominic, „und uns wurde klar, wie schwer es für viele Kinder ist.“ Auch Nova wurde bewusst: „Wir leben hier im puren Luxus, und ich finde es krass, dass woanders Familien nicht mal das Geld für die Schule ihrer Kinder aufbringen können.“ Sie möchten noch mehr Klassen für eine Patenschaft begeistern, Sozialarbeiterin Frauke Held schwebt sogar eine Schulpatenschaft vor. „Schließlich wissen wir genau, wo das Geld ankommt.“

Im Juni wird Ute Moritz nach Wolmirstedt kommen und von ihrer Schule berichten. Dann wird das Leben im Senegal, in der „Case de Keur Thomas“, greifbarer sein. Vielleicht sagen dann noch mehr Kinder Sätze wie Dominic: „Ich bin der Meinung, dass wir viel zu viel für uns selbst nehmen. Wir können abgeben, besonders an andere Kinder, die hungern.“