Wolmirstedt l Holger Stahlknecht ist kein Innenminister mehr, aber noch der CDU-Landtagsabgeordnete des Wahlkreises 8, zu dem auch Wolmirstedt zählt. Über die Veränderungen der vergangenen Tage spricht er mit Volksstimme-Reporterin Gudrun Billowie.

Interview

Herr Stahlknecht, Sie sind von Ihrer Partei bereits im Februar als Direktkandidat für die Landtagswahlen im Juni 2021 gewählt worden. Bleibt es dabei, dass Sie um den Wahlkreis 8 kämpfen werden, wieder in den Landtag einziehen wollen?

Holger Stahlknecht: Auf jeden Fall. Ich bin seit 2002 Landtagsabgeordneter, habe immer für die Interessen der Menschen hier und die Region gekämpft und werde das auch weiterhin tun.

Was verstehen Sie darunter?

Das Anliegen ist: eine gute Infrastruktur vorzuhalten, sodass der Sport, freiwillige Feuerwehren und die Vereine unterstützt werden, dass die Wirtschaft funktioniert, damit Menschen Arbeit haben.

Am vergangenen Donnerstag waren Sie noch Innenminister, Freitag nicht mehr. Donnerstag hatten Sie noch ein Amt und einen Fahrer. Wie sind Sie heute von Ihrem Heimatort Wellen ins Wolmirstedter Wahlkreisbüro gekommen?

Ich bin mit dem Privatauto gekommen. Fast zehn Jahre lang bin ich kaum selber gefahren, außer im Urlaub. Aber es ist wie beim Schwimmen: Autofahren verlernt man nicht. Ich kann sogar noch einparken.

Fast zehn Jahre lang wurden Sie ständig von Personenschützern begleitet. Wie lebt es sich ohne?

Zunächst einmal: Ich habe zu den Mitarbeitern über die Jahre ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Aber ich habe auch immer gewusst: Es kommt der Tag, an dem es anders sein wird, an dem sie nicht mehr da sein werden.

Sie sind Schirmherr des Vereins „Gestrandeter Zug“ und Vorsitzender des Musikschulfördervereins. Möchten Sie diese Ehrenämter weiterhin ausüben?

Das müssen andere entscheiden. Ich kann nur sagen: Als Person stehe ich weiterhin zur Verfügung. Sehr gern würde ich Schirmherr des Vereins „Gestrandeter Zug“ bleiben, weil es mich sehr beeindruckt, wie sich Menschen für das Andenken engagiert haben. Ich habe im Land oft davon erzählt. Auch Vorsitzender des Musikschulfördervereins wäre ich weiterhin gern. Die Musikschule leistet unglaublich viel, jeder hat dort die Möglichkeit, Fähigkeiten, die in ihm schlummern, zu entdecken und zu entwickeln.

Fürchten Sie jetzt nicht, dass an manchen Stellen der Innenminister gemeint war und nicht die Person Holger Stahlknecht?

Klar, das Amt des Innenministers hat Ausstrahlungskraft, nicht immer ist die Person dahinter gemeint. Ich habe das über die Jahre immer im Kopf behalten, damit ich die Bodenhaftung nicht verliere.

Und, ist es gelungen?

Meine schönste politische Zeit war die Zeit als ehrenamtlicher Bürgermeister in Wellen. Die Menschen, mit denen ich damals zusammengearbeitet habe, sind diejenigen, die mir jetzt Rückhalt geben. Ich habe in den vergangenen Tagen viele Telefonate geführt, viele haben mir angeboten, mich zu besuchen, stehen hinter mir. Im Übrigen mag ich immer noch am liebsten Bratkartoffeln mit Sülze.

Herr Stahlknecht, Sie wirken sehr gelassen. Woher nehmen Sie in diesen turbulenten Zeiten die Ruhe?

Erst einmal: Ich bin mit mir im Reinen. Sehr stark hilft mir auch meine Frau, die im Übrigen auch beruflich Coaching und Stressmanagement ausübt. Generell nutze ich aber auch Atemübungen, die mir ein vietnamesischer Freund gezeigt hat. Solche Atemübungen praktiziere ich auch, bevor ich Reden halte. Außerdem gilt: Der Blick in den Rückspiegel ist immer kleiner, als der in die Frontscheibe. Ich schaue also nach vorn.

Wie werden Ihre nächsten Wochen aussehen, in denen Sie zwar noch Landtagsabgeordneter, aber nicht mehr Innenminister sind?

Ich habe mehr Zeit für meine Familie. Schließlich hatte ich in den letzten Jahren kein freies Wochenende. Mein Arbeitstag begann 7.15 Uhr und endete oft gegen 22 Uhr. Kein Innenminister mehr zu sein, heißt aber auch: Jetzt muss ich die sogenannten kleinen Dinge des Lebens lernen. Bisher hatte ich eine Sekretärin, jetzt muss ich beispielsweise herausfinden, wo man ein Handy kaufen kann. In der Küche beschäftige ich mich damit, wie unser hochkomplizierter Backofen funktioniert. Außerdem gehe ich gern mit den Hunden spazieren und lese. Zurzeit „Trotzdem“ von Ferdinand von Schirach. Das Buch thematisiert die Corona-Pandemie.

Mögen Sie Ferdinand von Schirach? Schließlich haben Sie auch bei der Preisverleihung für einen Film über den gestrandeten Zug als Laudator aus einem Ferdinand-von Schirach-Buch vorgelesen?

Ja, ich mag ihn sehr. Damals hatte ich das Buch „Kaffee und Zigaretten“ ausgesucht, daraus ein Kapitel über den Nationalsozialismus gewählt.

 Bleibt das Wahlkreisbüro in der Wolmirstedter Fußgängerzone bestehen?

Ja. Ich bin hier weiterhin für die Bürgerinnen und Bürger ansprechbar.

Herr Stahlknecht, dieses Gespräch ist eine Momentaufnahme nach turbulenten Tagen. Was ist Ihnen im Zuge dieser Erfahrung wichtig geworden?

Macht sollte nie um der Macht Willen ausgeübt werden, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Rückgrat sind wichtig und vor allem, dass man immer weiß, wo man hergekommen ist.

Da gilt bei Ihnen im wörtlichen Sinne: Aus Westdeutschland. Leben Sie gern in der Börde?

Ich wohne seit 1995 hier und fühle mich hier, in meiner Heimat, sauwohl.