Wolmirstedt l Jeramie Woods und Dominick von Waaden sind Basketballer durch und durch. Ihr Markenzeichen: federnder Gang, muskulös, riesengroß. Basketball ist ihr Beruf, ihr Arbeitgeber die SBB Baskets. Sie leben, wo sie arbeiten - zurzeit in Wolmirstedt. Ist diese Stadt für junge Leute interessant?

Die Durchreisenden

„Wir schlafen und trainieren hier“, sagt Jeramie Woods. Der 28-Jährige stammt aus Berlin, sein Teamkamerad Dominick von Waaden (20) eigentlich aus Bamberg, hat aber auch lange in Kalifornien gelebt. Beide sind überall zu Hause, leben dort, wo es eine Profimannschaft gibt, folgen ihren Jobs. „Wir sind nicht an einen Ort gebunden.“

Trotzdem bringen sie sich ein. Sie betreuen am Gymnasium eine Arbeitsgemeinschaft, in der junge Leute Basketball und Englisch lernen. Was, wenn Jeramie und Dominick frei haben, weder trainieren, spielen oder schlafen? „Dann fahren wir nach Magdeburg.“

Beide sind sich einig, in Wolmirstedt gibt es kaum Gelegenheiten, außerhalb der Sporthalle oder des Fitnessstudios mit Gleichaltrigen zusammen zu sein.

In Magdeburg sei das Zusammensein entspannter möglich, dort gibt es Cafés, Kneipen, Kinos, große Einkaufszentren. Das lockt offenbar viele. „In Magdeburg sieht man viel mehr junge Leute.“

Die stammen mitunter auch aus Wolmirstedt, denn auch Wolmirstedts Um-die-Dreißigjährige zieht es in die Landeshauptstadt. Selbst den Chef des Wolmirstedter Jugendclubs, Keven Kirschner.

Der Weggezogene

Der junge Mann ist gerade komplett von Wolmirstedt nach Magdeburg gezogen. Was hat Keven Kirschner dorthin getrieben? „Dort kann man abends etwas unternehmen.“ Er muss gar nicht jeden Abend unterwegs sein, ist tagsüber schließlich mit vielen Jugendlichen zusammen, aber die Möglichkeiten haben ihn gereizt. „Es gibt einige Bars, in denen man abends mit anderen jungen Leuten zusammensitzen kann, es gibt das Schauspielhaus, den Moritzhof, genug Anlaufstellen, damit man sich nicht in einer Wohnung treffen muss.“ Ein bisschen wünscht er sich das auch für Wolmirstedt. „So ein kleines Kino wie im Moritzhof wäre schon toll.“

Bis ungefähr zur Wendezeit gab es in Wolmirstedt ein Kino in der Fußgängerzone, das beherbergt jetzt ein Textilgeschäft. Mittlerweile gibt es nur sporadisch Kinovorstellungen auf der Freilichtbühne. Die sind allerdings jedesmal sehr gut besucht.

Die Hiergebliebene

Doch abgesehen davon: Wo kommen junge Leute in Wolmirstedt zusammen?

Eine, die es wissen muss, ist Rebecca Lange. Sie hat fast immer hier gelebt und sieht für ihre Generation gute Zukunftschancen in der Region. „Handwerk oder Dienstleistungen - wir Jungen werden überall gesucht.“

Wo sie selbst arbeiten wird, weiß sie noch nicht, steckt noch im Studium. Daneben agiert sie als Trainerin beim OK-Live-Ensemble, ist mit diesem Ensemble ohnehin von Kindesbeinen an verbandelt. Außerdem sitzt sie für die KWG Börde im Wolmirstedter Stadtrat.

Auch mit optimistischem Blick sieht auch Rebecca Lange das Wolmirstedter Freizeitangebot für Zwanzig- bis-Dreißigjährige als sehr begrenzt an. „Sicher ist es schwierig, noch mehr in einer Kleinstadt zu inszenieren, weil Magdeburg so nahe liegt.“ Doch sie sieht Luft nach oben.

In Wolmirstedt ließe sich das Vereinsleben noch besser zelebrieren, meint sie, und wünscht sich mehr Unterstützung von Verwaltungsseite. Rebecca Lange meint nicht in erster Linie finanzielle Gaben, das begrenzte Budget für freiwillige Leistungen ist ihr vertraut. „Ich denke eher, dass nicht alles so kompliziert gestaltet werden muss.“ Sie nennt praktikable Hallenzeiten, ein offeneres Bürgerhaus oder einen Treffpunkt, an dem Menschen in Kontakt kommen.

Ob die Menschen tatsächlich zusammenkommen würden? Rebecca Lange ist da skeptisch. „Viele Wolmirstedter haben ihre Nischen gefunden, ihren Verein, ihren Freundeskreis“, schätzt Rebecca Lange ein, „es muss schon etwas sein, was viele da herauslockt.“

Der Wiedergekommene

Marc Kujath hat ein Jahr in Hamburg gelebt, hatte einen guten Job und ist trotzdem nach Wolmirstedt zurückgekehrt. „Die Entscheidung war nicht leicht“, gesteht er, „gerade wenn man studiert hat und seine Karriere plant, muss man sehr genau überlegen.“ Letztlich hat er sich doch zugunsten Wolmirstedts entschieden, schreibt nun am Fraunhofer-Institut in Magdeburg seine Doktorarbeit.

Was ihn wirklich wieder hergezogen hat, ist die Familie, der Freundeskreis, die Heimatstadt. Marc Kujath gehört zum Kern des Tischtennisvereins. „Generell kann man über den Sport viel machen, es ist einfach, in einen Sportverein zu gehen.“

Gerade die Vereinsaktivitäten machen aus Wolmirstedt eine lebenswerte Stadt, meint er, zum Klönen mit Freunden gehe er gern zum Griechen, Kultur finde er auf Webers Hof. „Klar, in Magdeburg gibt es die Kneipenszene am Hassel, den Moritzhof, aber ich weiß nicht, ob Wolmirstedt so etwas leisten kann.“

Der 32-Jährige sieht sich gern im Speckgürtel Magdeburgs in einer lebenswerten Stadt, in der Mieten bezahlbar sind und „man sich kennt.“ Von der Stadtverwaltung wünscht er sich ebenfalls mehr Unterstützung. „Kein hochgradiges Engagement, sondern mehr Wertschätzung im Umgang und eine Unterstützung der Vereinsstrukturen.“

Die Zurückmöchtende

Johanna Keilwitz hat Sportmanagement studiert, auch in New York, und Wolmirstedt schon vor langer Zeit verlassen. Zurzeit arbeitet sie als Renndirektorin für „Iron Man“ in Frankfurt/Main, kümmert sich um internationale Triathlonveranstaltungen. Doch ihre Familie lebt in Wolmirstedt. „Ich würde gerne wieder herziehen, wenn es vom Job her passen würde“, sagt sie, „aber die Möglichkeiten sind in Frankfurt einfach besser.“ Vorerst nimmt sie bei ihren Besuchen in der Heimatstadt an Laufveranstaltungen teil, am Gänsebratenvernichtungslauf, Kalimandscharo-Lauf...

Die Bürgermeisterin

 Marlies Cassuhn möchte die um-die-Dreißigjährigen eigentlich viel öfter sehen und weiß, dass sie in Vereinen durchaus anzutreffen sind. „Nicht alle wissen voneinander, deshalb sollte es im Dezember einen Tag des Ehrenamtes geben.“ Vereine sollten zu einer Art Frühschoppen zusammenkommen, jeder Verein sich ganz kurz vorstellen. Die Gelder dafür mussten kurzerhand umgeschichtet werden. In diesem Jahr gibt es einen neuen Anlauf.