Farsleben l Ausführlich und emotional schilderte Karin Petersen, Vorsitzende des Fördervereins „Gestrandeter Zug“, das Geschehen vor 74 Jahren. Dazu wurden historische Aufnahmen gezeigt, die von amerikanischen Soldaten stammen. „Wir wollen mit dieser und weiteren Veranstaltungen das Ereignis dem Vergessen entreißen“, sagte die Geschichtslehrerin.

Der am 13. April 1945 in Farsleben „gestrandete“ Zug gehörte zu drei Räumungstransporten aus dem KZ Bergen-Belsen. Während in Tröbitz/ Brandenburg die Geschichte der dort von sowjetischen Truppen befreiten Häftlingen sehr gut dokumentiert ist und eine Erinnerungskultur mit Mahnmalen, Gedenkstätten und jährlichen Gedenkveranstaltungen etabliert wurde, sind die Ereignisse rund um die Befreiung in Farsleben durch die Amerikaner kaum in der Region bekannt.

Es ist auch Recherchen am Gymnasium zu verdanken, dass immer mehr Details veröffentlicht und Kontakt zu Überlebenden und Angehörigen geknüpft wurden. Besonders beeindruckend fanden Besucher die Lesungen von Nathalie Waldschick, Johanna Mücke, Lina Schmidt und Katja Gille aus autobiografischen Werken, zum Beispiel von Josef Gitler oder Sophie Goetzel-Leviathan. Die hatten ihren Leidensweg geschildert, die Grausamkeiten, die sie im Zug erdulden mussten, die widersprüchlichen Empfindungen nach der Befreiung und Begegnungen mit Farsleber Bürgern.

Bilder

„Die etwa 500 Dorfbewohner waren überfordert. Fast jede Familie musste auf Befehl der Amerikaner jüdische Familien aufnehmen und versorgen. Die Toten mussten aus dem Zug geholt und begraben werden und auch Farsleber erkrankten an Typhus und starben“, war zu hören. In einem Haus im Dorf erschoss sich der Familienvater, ein Offizier der Wehrmacht, nur wenige Stunden nach der Einquartierung einer jüdischen Familie.

Freundschaften

In diesen schrecklichen Tagen wurden aber auch Freundschaften geschlossen. Gisela Miesch, heute 92 Jahre alt, half bei der Versorgung der Juden. Dabei lernte sie Nissium (Mimmi) Mizrachi, einen jüdischen Griechen, kennen. Dessen Vater war gerade gestorben. Seine Mutter sollte er später in Hillersleben verlieren. Der junge Mann schenkte der 19jährigen zum Abschied ein Foto mit der Aufschrift „Immer in deinem Herzen“. Durch die beiden Gymnasiasten Fynn Luca Sand und Peter Kraska, die ein Interview mit Mimmi nachspielten, erfuhren die Besucher mehr über den jungen Mann, der sich in Farsleben verliebt hatte.

Die jüdischen Häftlinge, außer etwa 100 Kranke, blieben nur kurze Zeit in dem Dorf, bevor sie nach Hillersleben transportiert wurden. „Trotzdem ist es wichtig, gerade in Farsleben ein Denkmal zu errichten, weil Überlebende und Angehörige seit Jahren die Stelle suchen, wo der Zug hielt“, betonte Karin Petersen. Deshalb soll am 13. April 2020, zum 75. Jahrestag der Befreiung des Zuges in Farsleben, an den Gleisen ein Gedenkstein eingeweiht werden. Geplant ist zudem eine Gedenkwoche mit vielen Veranstaltungen. Im Museum soll es eine Sonderausstellung geben, in einer Broschüre soll Wissenswertes zusammengefasst und Informationsstelen sollen aufgestellt werden. „Ein wichtiges Ziel ist es, den Opfern der nationalsozialistischen Diktatur den Namen, die Biografie und damit die Identität zurückzugeben.“

Die jüdischen Häftlinge des Zuges waren sogenannte Austauschhäftlinge, sollten später gegen internierte Deutsche im westlichen Ausland eingetauscht oder gegen Devisen verkauft werden. Deshalb hatten sie im KZ zunächst etwas bessere Lebensbedingungen.

Dennoch starben viele nach der Befreiung an Hunger und Typhus. Aber es fuhren auch über 500 Kinder im Zug. Sie sind es, die zum Teil noch heute als Überlebende von diesen Ereignissen berichten können. Im Mai wird Peter Lantos aus London im Gymnasium erwartet, im August Micha Tomkiewicz aus New York. Beide erlebten die Befreiung mit ihren Müttern.

Zum Schluss der Veranstaltung gab es noch eine Gedenkminute an den Gleisen, wo vor 74 Jahren der Zug gehalten hatte. Dort, wo der Gedenkstein stehen soll, wurden Blumen niedergelegt.