Wolmirstedt l Susanne Müller redet mit den Händen. Die zeichnen Worte in die Luft, die Mimik des Gesichts unterstützt den Redefluss, unterstreicht Gefühle wie Freude, Neugier, Wut und Trauer. Gesprochene Worte bleiben ihr verborgen, es sei denn, sie liest von den Lippen ab. Susanne Müller hat ihr Gehör als Dreijährige verloren, infolge einer Hirnhautentzündung.

Das hindert die Wolmirstedterin jedoch nicht am Leben, die hat Ausbildungen abgeschlossen, zwei Töchter großgezogen, bewirtschaftet den Garten, ist gerne mit ihrem Freund unterwegs. Das einzige, was zu ihrem Glück gerade fehlt, ist eine dauerhafte Arbeitsstelle. Susanne Müller ist technische Zeichnerin, Teilkonstrukteurin und kennt sich mit Datenverarbeitung aus. Sie möchte gerne im Büro arbeiten, am liebsten in der Verwaltung, am allerliebsten in der öffentlichen Verwaltung. Noch ist sie nirgends angekommen. „Das ist sehr deprimierend“, schreibt sie, „denn ich glaube, dass die Absagen weitgehend wegen meiner Gehörlosigkeit erfolgen.“

Die letzte große Hoffnung galt der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Dort hat sie im Rahmen einer beruflichen Integrationsmaßnahme ein sechswöchiges Praktikum in Halle absolviert. „Während der gesamten Praktikumszeit habe ich mich sehr gut eingearbeitet, habe viel gelernt, die Arbeit machte großen Spaß.“ Die Beurteilung danach fiel gut aus, doch eine Arbeitsstelle folgte nicht.

Keine Garantie auf Übernahme

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) hat ihren Sitz in Bonn. Sprecher Thorsten Grützner kann zum konkreten Fall nichts sagen, verweist aber darauf, dass die BImA eine höhere Beschäftigtenquote für Menschen mit Einschränkungen als die geforderten fünf Prozent ansetzt, nämlich acht bis neun Prozent. Außerdem werden Integrationsmaßnahmen unterstützt. „Allerdings“, betont der Sprecher, „ist mit einer solchen Maßnahme keine Übernahmegarantie in ein Beschäftigungsverhältnis verbunden.“ Wer einen Arbeitsplatz bekommt, entscheiden Eignung, Befähigung und fachliche Leistung. „Sofern ein schwerbehinderter Mensch als gleich geeignet erscheint, wird er vorrangig berücksichtigt.“

Sachsen-Anhalts Sozialministerium bestätigt: „Es gibt für keinen Arbeitgeber einen Zwang, die Bewerber tatsächlich einzustellen.“

Susanne Müller hat bereits in neun Unternehmen gearbeitet, verlor immer wieder ihren Job, weil der Betrieb insolvent ging, umstrukturierte, keine Aufträge kamen oder Fristen ausliefen. Langsam weiß sie nicht mehr weiter, doch aufgeben darf und will sie nicht. Bis zur Rente vergehen noch zehn Jahre.

Ihre Hoffnung liegt auf der UN-Behindertenrechtskonvention, die festschreibt, dass Menschen mit Behinderung gleichberechtigt teilhaben sollen, am Arbeitsleben, bei Freizeitangeboten. „Das Wort Inklusion darf nicht nur auf dem Papier stehen.“

Doch was braucht es, damit Menschen wie Susanne Müller arbeiten können? Wie verständigt sie sich mit Kollegen, wie erfährt sie die Inhalte von Dienstbesprechungen?

Stift und Zettel helfen

Vieles lasse sich mit Hilfe von Stift und Zettel vermitteln, sagt sie. „Wenn ich Glück habe und eine Person gut kenne, können wir uns auch ohne Hilfsmittel gut verstehen.“ Sie erzählt mit ihren Händen, mit dem Gesicht, die Worte dafür findet Carolin Fritzsche, die Gebärdensprachdolmetscherin.

Carolin Fritzsche ist eine von 35 Experten Sachsen-Anhalts, die zwischen Gehörlosen und Hörenden vermitteln können und oft ist ihre Hilfe unerlässlich. Im beruflichen Bereich müssen Seminare, Weiterbildungen, Betriebsversammlungen, Teambesprechungen oder Gespräche mit dem Vorgesetzten übersetzt werden. Dabei arbeiten oft mehrere Gebärdensprachdolmetscher zusammen. Je nach Intensität des Themas wechseln sie sich nach einer halben oder einer Stunde ab. Dann ist die Konzentration erloschen.

Gebärdensprache wird übersetzt

Carolin Fritzsche ist auch beim Volksstimme-Gespräch dabei, sitzt Susanne Müller gegenüber, hat die Gebärden fest im Blick und übersetzt in Worte. Andersherum übersetzt sie gesprochene Worte in Gebärden, meist simultan. Manchmal sind Nachfragen nötig, auch in der Gebärdensprache gibt es Dialekte. Eigennamen werden mit den Händen buchstabiert.

Gebärdensprachdolmetscher arbeiten meist freiberuflich und werden für bestimmte Situationen gebucht. Ansprechpartner ist unter anderem der Berufsverband der GebärdensprachdolmetscherInnen Sachsen-Anhalt (Begisa) oder die Beratungsstelle für Hörbehinderte.

„Manchmal ist es schwer, kurzfristig einen Dolmetscher zu finden“, berichtet Susanne Müller. Und selbstverständlich müssen Gebärdensprachdolmetscher auch bezahlt werden. Das ist gesetzlich geregelt, aber die Zuständigkeiten wirken auf Außenstehende wie ein Dickicht.

Kosten werden übernommen

Grob gesagt übernehmen Krankenkassen die Kosten, wenn bei Arztbesuchen übersetzt wird, geht es um Arbeitssuche oder Arbeitsplätze, finanzieren Arbeitsagentur oder das Jobcenter, Unternehmen übernehmen bei Bedarf die Kosten selbst, es gibt zudem die Möglichkeit, Dolmetscher zur Arbeitsassistenz einzufordern. Für private Anliegen, wie beispielsweise den Besuch von Elternversammlungen, gibt es einen Landes-Topf.

Trotz dieser Angebote: Susanne Müller hat gerade keinen Job. Zwar hat das Land Sachsen-Anhalt ein Arbeitsmarktprogramm für besonders betroffene schwerbehinderte Menschen aufgelegt, es gibt Eingliederungsmaßnahmen und jede Menge Unterstützungen, ein Integrationsamt, einen Integrationsfachdienst, Sinnesberatungsstellen und noch mehr.

Susanne Müller kennt sie alle und weiß trotzdem nicht, wie es beruflich weitergeht. Sie möchte ihr eigenes Geld verdienen, will nicht auf staatliche Hilfen angewiesen sein. Mut machen ihr die Töchter, die längst erwachsen sind und hören können. Sie engagiert sich als Schatzmeisterin im Gehörlosenverein Magdeburg und ist Frauenbeauftragte der Glisa, einer Initiativgruppe zur Verbesserung der gleichberechtigten Teilhabe der Gehörlosen am Leben in der Gesellschaft Sachsen-Anhalts.

Überall fährt sie mit ihrem kleinen roten Auto hin. Die Frage, ob Autofahren nicht zu gefährlich sei, beantwortet sie mit verständnislosen Blicken. „Ohne mein Auto wäre ich aufgeschmissen“, sagen ihre Hände. Und sie schiebt nach, dass sie zwar das Martinshorn der Rettungsfahrzeuge nicht hören kann, aber das Blaulicht sieht. Dass sie überhaupt viel aufmerksamer sieht, ihre Umwelt intensiv mit den Augen wahrnimmt. Und dann betont sie noch einmal: Ich kann alles, außer hören.