Wolmirstedt l Die Nachricht glich einem Paukenschlag. Konstanze Schlegel offerierte dem Gospelchor, dass sie die Leitung aufgeben werde. Nicht irgendwann, sondern sofort. Gospelchorsänger sprachen später davon, dass in diesem Moment viele Gesichter erstarrten.

Doch mitten in den Schreck schob Konstanze Schlegel die gute Nachricht hinein und präsentierte den Namen ihres Nachfolgers: Axel Rose. Damit bekam der Gospelchor von einer Woche zur anderen einen neuen Kopf. Die erste Probe am vergangenen Montag verlief vielversprechend. „Ich kann Konstanze Schlegel nicht ersetzen“, sagte Axel Rose, „aber ich bin ich.“

Nachfolge für Konstanze Schlegel

Das Axel-Ich gefiel den Gosplern offenbar gut. Schon beim Einsingen entwickelte der Chor eine eigene Dynamik, folgte dem neuen Chorleiter kraftvoll durch die Melodien, drehte die Tonlage laut und wieder auf Leise, formulierte Quatschtexte, um die Lippen zu lockern und sang sich dann hinüber zu klassischen Gospelsongs. Bald tritt der Chor mit Axel Rose auf, am Freitag, 3. November, um 19 Uhr in der Katharinenkirche, zusammen mit dem Gospelchor aus dem niedersächsischen Adendorf.

Konstanze Schlegel hat den Chor schweren Herzens aufgegeben und lange mit dieser Entscheidung gerungen, aber ihr Leben war einfach ein wenig zu voll geworden. Dazu gehören eine große Familie mit drei heranwachsenden Kindern, ein Musikgarten, eine Stelle in einer Schule und eine intensive pädagogische Ausbildung. Familie und Beruf müssen weiterlaufen, der Chor auch. Oder?

Eines Tages erzählte Tochter Paula von ihrem Klassenlehrer, der im Musikunterricht mit der Klasse Gospelsongs einstudierte. Konstanze Schlegel horchte auf, lernte Axel Rose kennen und sah sie in ihm sofort einen adäquaten Nachfolger für sich. Als sie ihm von ihrem Plan erzählte und er sogar zusagte, wusste sie, der Gospelchor wird mit ihm im besten Sinne weitergeführt.

Erste Probe vielversprechend

Axel Rose ist 31 Jahre alt und stammt aus der Nähe von Stuttgart, ist Waldorf-Lehrer und Fachlehrer für Musik. „Die Waldorf-Schule in Magdeburg und ich fanden uns gegenseitig toll“, begründet er seinen Umzug in die sachsen-anhaltinische Landeshauptstadt. In der Stadt an der Elbe lebt er mit seiner Frau und vier Kindern.

Gospel hat er schon als Elfjähriger gemocht und gesungen, hatte als junger Erwachsener bereits einen eigenen Chor. Mit dem schaffte er es im Zuge eines internationalen Chorausscheides sogar, im Vatikan aufzutreten, mehr geht in einer Musikerbiografie beinahe nicht. „Ich hätte meine Karriere an diesem Punkt beenden sollen“, ulkt Axel Rose, „aber da war ich gerade erst 18.“

Rose hat bereits viel Erfahrung

Axel Rose beschritt beharrlich den Studien-Weg in die klassische Musik, mag Bach und Beethoven seither umso mehr. Dennoch, die Gospelmusik steckt in ihm und das Gospelsingen in Paulas Klassenzimmer führt nun zu den Wurzeln zurück. Konstanze Schlegel lud den Lehrer ihrer Tochter zunächst zum Wochenend-Gospelworkshop nach Wolmirstedt ein, dort übernahm er die Stimmbildung Einzelner, sang im Chor mit und trat als Solist auf. „Ich hatte im Alltagsstress zugesagt“, erinnert sich Axel Rose an jenes Septemberwochenende, „aber als ich dabei war, habe ich gemerkt, was mir all die Jahre gefehlt hat.“ Gospel.

Nun hat er sich noch einmal bewusst für diese Musik entschieden, davon bekommt er nun mehr als genug. Stellt er es gut an, wird ihm ein starker Chor folgen. „Ich hatte mit höchstens 20 Leuten gerechnet“, sagt er am Montagabend vor seiner ersten Probe, „aber als ich die vielen Stühle gesehen habe, wurde mir mulmig.“ Die füllten sich bis zum Probenbeginn, wenn alle kommen, wächst der Chor auf über 40 Sängerinnen und Sänger an.

Den Grundstein für diese Größe und Beständigkeit hatte Konstanze Schlegel am 9. November 1998 gelegt. Zur ersten Probe vor fast 19 Jahren kamen ein paar Neugierige, schnell wurden es mehr.

Erste Probe vor fast 19 Jahren

Wöchentliche Proben, unzählige Auftritte und die Workshops in jedem Herbst haben den Chor zusammengeschweißt. Manche Gospler verabschiedeten sich, noch mehr sind hinzugekommen. Nun ist das Gospelchorkind 18, volljährig also, und Konstanze Schlegel wünscht sich, dass es weiter geht, anders als unter ihrer Leitung, aber weiter. Der Wunsch wird wohl erfüllt. Die erste Probe mit dem „Neuen“ bewies: Guter Gospel reißt unweigerlich mit.