Volksstimme: Herr Stichnoth, spüren Sie nach fünf Dienstjahren Abschiedsschmerz?

Martin Stichnoth: Nein. Mein Leben war schon mit so vielen Wechseln verbunden und immer, wenn ich eine Station verlassen habe, war der nächste Schritt eine Bereicherung, ist das Netzwerk größer geworden. Ich fühle mich in der ganz großen kommunalen Familie zu Hause. Privat lebe ich weiter in Wolmirstedt, werde die Menschen hier weiterhin treffen.

Worauf blicken Sie gerne zurück?

Ich bin begeisterungsfähig, es gibt kein Ranking. Und doch: Der Zusammenhalt und das Engagement der Menschen im Juni 2013 beim Hochwasser habe ich noch sehr vor Augen. Das fiel noch in die ersten einhundert Tage meiner Amtszeit. Gern denke ich aber auch an die Neueröffnung der Glindenberger Kita, die Feuerwehrautos, die wir gekauft, die Straßen, die wir gemacht haben und natürlich an die Weihnachts- und Stadtfeste zurück.

Fünf Jahre Bürgermeister: Hat sich Ihr Privatleben verändert?

Ja klar. Meine Frau und ich planen mehr. Spontane Unternehmungen und Ausflüge sind seltener möglich. Auch die Hobbys wurden eingeschränkt: Die Gänse und Enten abgeschafft, die Kaninchen- und Hühnerzucht gedrosselt. Und wir haben erfahren: Die Hilfe von Freunden und der Familie ist toll.

Was hätten Sie als Bürgermeister gerne zu Ende gebracht?

Da denke ich zuerst an das Stadion und an das ehemalige Krankenhausgelände. Ich hätte mich gefreut, einen ersten Spatenstich zu vollziehen. Trotzdem bin ich zufrieden und stolz, denn die Grundlagen sind gelegt. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie dort gebaut wird.

Bei welchem Thema waren Sie zu Beginn skeptisch und konnten es womöglich doch drehen?

Skeptisch war ich, wenn es um die Jahnhalle ging. Der ganze Rechtsstreit, das ganze Thema fand ich für Wolmirstedt nicht schön, weil es auf beiden Seiten Verlierer gab. Wir haben den Streit dann so schnell wie möglich auf eine rechtliche Ebene gehoben.

Das Thema „Jahnhalle“ wird stets hinter verschlossenen Türen besprochen. Wie lautet der aktuelle Stand? Wann erfolgt der Heimfall, wann also wird die Halle wieder Stadteigentum?

Ziel ist es, den Heimfall der Jahnhalle in die Septemberberatungsfolge des Stadtrates zu geben. Dann würde das Erbbaurecht an die Stadt zurückgehen, Grund und Boden sowie das Gebäude würden also wieder Stadteigentum werden.

Was passiert im Fall des Heimfalls mit dem Mieter?

Rat und Verwaltung wollen die jetzige Betriebsform weiter anbieten. Allerdings müssen die Konditionen passen. Es wird weitere Verhandlungen mit dem derzeitigen Mieter geben.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Breitbandausbau in Wolmirstedt?

Mit dem Ausbau in der Kernstadt und den Ortschaften Elbeu und Glindenberg bin ich zufrieden. Für die Bereiche, in denen die Telekommunikationsunternehmen nicht selbst erschließen, laufen derzeit die Ausschreibungen. In Farsleben allerdings hängt es. Dort muss die Bahnlinie gequert werden, dafür fehlt die Genehmigung der Deutschen Bahn.

Sie standen während Ihrer Amtszeit stets für den Zuzug junger Familien. Andererseits sind die Schulen voll. Die Gutenberg-Schule platzt aus allen Nähten, eine Lösung ist nicht in Sicht. Wie passt das zusammen?

Ich habe noch nicht die Stelle gefunden, an der der gordische Knoten durchschlagen werden kann. Es gibt unterschiedliche Aussagen von Landkreis und Stadt und die Gutenberg-Schule ist trotzdem zu klein. Die Frage lautet: In beiden Behörden kommen die Fachleute zu keinem Ergebnis, das tragbar ist? Das kann nicht gut sein, was wir hier tun. Ich habe künftig auch als Landrat ein großes Interesse, dass wir das regeln.

Aufgrund der klammen Kasse wurden die freiwilligen Ausgaben, auch Vereinszuschüsse, gekürzt. Wie bewerten Sie die Fortführung des Vereinslebens?

Klar, die Gespräche, die wir anlässlich der Kürzungen geführt haben, waren nicht vergnügungssteuerpflichtig. Dennoch: Ich erlebe trotz anfänglicher Diskussionen nach wie vor ein aktives Vereinsleben. Wenn es um die Verteilung der Zuschüsse geht, müssen wir allerdings auch künftig abwägen und prüfen, welcher Verein wieviele Mitglieder hat und wie aktiv das Vereinsleben ist. Aufgrund der Problematik, wie freiwillige Aufgaben finanziert werden sollen, bin ich außerdem oft mit anderen Bürgermeistern im Gespräch und wir fragen uns: Wer hat eigentlich freiwillig definiert? Wir sind uns einig, dass Kommunen auch auskömmlich mit Mitteln für Kultur und Sport ausgestattet werden sollten.

Das Stadtentwicklungskonzept für die Zeit bis 2030 wurde im Dezember 2014 in ein Schriftstück gegossen. Auf einer Skala von eins bis zehn: Wieviel ist umgesetzt?

Auf so einer Skala wären wir etwa bei drei. Das Stadtentwicklungskonzept ist Grundlage unseres Handelns, einige Empfehlungen wurden bereits umgesetzt. Dazu zählen unter anderem die bessere ärztliche Versorgung sowie die Errichtung eines Jugendclubs in Farsleben. Für weitere Maßnahmen gibt es eine Prioritätenliste. Welche Maßnahme an welcher Stelle steht, entscheidet der Stadtrat laufend auf der Grundlage der vorhandenen finanziellen Mittel.

Eines Ihrer „Kinder“ war von Beginn an die Wirtschaftsförderung. Entwickelte die sich so, wie erhofft?

Eine Mitarbeiterin hat dieses Metier übernommen. Wir wollten nach außen hin das Signal senden, dass Unternehmen und Wirtschaftsförderung wichtig sind. Außerdem haben wir den Wirtschaftsstammtisch eingeführt. Der ist mit der Zeit immer größer geworden. Die Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren so gewachsen, wie es in Wolmirstedt machbar war.

Machbar heißt...?

Die Flächen der Gewerbegebiete gehören der Stadt nicht, sie liegen in privater Hand. Wir können also nur zwischen Eigentümern und Interessenten vermitteln. Zur Förderung beziehungsweise Betreuung der ansässigen Wirtschaft gehört aber auch die gegenseitige Vernetzung. Der Grundstein dafür ist gelegt. Monatlich führt der Landkreis eine Existenzgründerberatung im Rathaus durch, die Stadt arbeitet im Marketingausschusses Sachsen-Anhalt mit und ist Mitglied im Tourismusverband Elbe-Börde-Heide.

Am 7. September beginnt ihr Dienst als Landrat in Haldensleben. Was werden Sie aus Ihrer Zeit als Bürgermeister vermissen?

Die kurzen Wege, das Lokale, das Unmittelbare.

Ihre Tage als Bürgermeister sind gezählt. Was möchten sie den Wolmirstedtern sagen?

Setzt euch ein, engagiert euch für eure Stadt, unsere gemeinsame Heimat. Oder mit den Worten Philip Rosenthals: Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.

Und was möchten Sie Ihrem Nachfolger/Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben?

Er oder sie soll begeisterungsfähig sein, die Leute mitnehmen für ihre Stadt, bei Schwierigkeiten aber auch klaren Wein einschenken. Er oder sie möge nach praktischen Lösungen suchen und sich immer klar machen: Ein Pferd allein zieht sich kaputt.