Groß Ammensleben l Es ist ganz kurz vor Mittag in der Kita „Villa Kunterbunt“ in Gutenswegen. Noch wimmeln die ein- bis dreijährigen Knirpse durch die Räume, sind aber schon in ihre Schlafsachen geschlüpft. Nach und nach begeben sich die Mädchen und Jungen in ihre Betten – ganz freiwillig.

Dabei fällt auf, dass die altbekannten Gitterbetten nicht in Reihe und Glied aufgestellt sind. Überhaupt spielen die Gitterbetten eher eine Nebenrolle. Manche der Lager sind auf die Seite gelegt. Mit einer Decke darüber wirken sie eher wie die eigenen selbstgebauten Butzen aus Kindertagen. Manche der Knirpse liegen überhaupt nicht in den althergebrachten Betten, sondern machen es sich auf sogenannten Bodenliegen bequem. Dabei handelt es sich um mit farbigem Stoff bezogene Schaumstoffmatratzen.

„Wir haben schon vor Jahren festgestellt, dass Kinder ganz unterschiedliche Schlafbedürfnisse haben“, erklärt Gabriele Schellhase. Schon seit 30 Jahren leitet sie die Einrichtung in der Gutensweger Villa und hat viel Erfahrung im Umgang mit dem Nachwuchs. So folgte auf die Feststellung der unterschiedlichen Schlafgewohnheiten die Frage, wie diese denn Eingang in den künftigen Kita-Betrieb finden könnten. „Wir haben einfach ausprobiert“, hebt Schellhase hervor. Einmal pro Woche wird wieder umgestellt und die Knirpse suchen sich einen neuen Schlafplatz, einen, der ihnen am besten gefällt.

Mittagsschlaf ist kein Muss

Und nicht nur am System mit den Betten selbst wurde in der Einrichtung nach erfolgreicher Erprobung festgehalten. Laut Kita-Leiterin werden die Mädchen und Jungen nicht gezwungen, Mittagsschlaf zu machen. Auch aufstehen können sie ganz selbstständig, eben wann sie es wollen. „Wir fahren mit unserem System sehr gut“, hebt Gabriele Schellhase hervor.

So gut, dass jenes Konzept der „Villa Kunterbunt“ Eingang in das „Qualitätshandbuch für Kindertageseinrichtungen in der Niederen Börde“ fand. Ganze fünf Jahre hat es gedauert, das Werk zu vollenden. Es ist das Ergebnis eines intensiven und langen Prozesses mit der Gemeinde als Träger, den Kita-Teams und den Beraterinnen der „Gesellschaft für elementare Bildung“. „Das Kinderförderungsgesetz verpflichtet uns seit 2013, ein Qualitätsmanagementsystem einzuführen, das die Kriterien guter pädagogischer Arbeit beschreibt, verpflichtende Standards definiert und Überprüfungsinstrumente für deren Umsetzung entwickelt“, begründet Daniela Baars, zuständige Fachbereichsleiterin „Bürgerdienste“, den großen Aufwand.

Wichtiger Standortfaktor

Kitas seien für die Niedere Börde ein wichtiger Standortfaktor. Die Qualität der Einrichtungen und der pädagogischen Arbeit liege der Gemeinde aber auch besonders am Herzen. 7 Kindertageseinrichtungen mit rund 520 Kindern betreibt die Niedere Börde nach dem Leitbild „Wir wollen Kinder für das Leben stärken“.

Die Gemeinde hat sich vor Beginn des langwierigen Entstehungsprozesses dazu entschlossen, kein pauschal vorgefertigtes, standardisiertes Verfahren zu übernehmen. „Wir wollten von Beginn an ein eigenes System erarbeiten, dass unseren Rahmenbedingungen und Anforderungen entspricht“, erklärt Daniela Baars und fügt hinzu: „Alle verantwortlich Mitarbeitenden, also auch die pädagogischen Fachkräfte und Leitungen der Kitas, aber auch die Mitarbeitenden aus der Trägerverwaltung, haben die Qualitätsstandards selbst erarbeitet und identifizieren sich damit.“ Dies sei Voraussetzung für die verlässliche Umsetzung der Standards.

Im Dezember 2014 begann das Projekt. Jedes Jahr gab es zwei Kita-Konferenzen für alle Fachkräfte, jede Kita-Mannschaft hatte zwei Teamtage zur individuellen Erarbeitung zur Verfügung. Zusätzliche Arbeitstermine für Leitungen und Träger rundeten die Erarbeitung der Qualitätsstandards ab. Das Handbuch beschreibt elf Qualitätsbereiche des pädagogischen Handelns in Kitas wie beispielsweise „Eingewöhnung“, „Beobachtung/Dokumentation“, „Gruppe und Raum“, „Eltern“, „Übergänge“, „Inklusion“, „Mahlzeiten“, „Pflege“ sowie „Ruhe/Schlaf“.

Transparenz nach außen

Das Konzept zum Mittagsschlaf der „Villa Kunterbunt“ ist dem Qualitätsbereich „Ruhe/ Schlaf“ zugeordnet. Doch Einrichtungsleiterin Gabriele Schellhase hat ein weiteres Beispiel parat, wie eines der Qualitätsschwerpunkte in Gutenswegen mitentwickelt wurde und aktuell umgesetzt wird. Es geht um die Eingewöhnung der Knirpse. Ab dem ersten Tag in der Kita besteht die Möglichkeit, dass eine Bezugsperson des jeweiligen Kindes anwesend ist. „Das kann ein Elternteil oder beispielsweise die Oma sein“, erläutert die Kita-Leiterin. Hin und wieder werde das Kind für rund 15 Minuten von der Bezugsperson getrennt, um zu schauen, wie es reagiert. „Am vierten Tag sollte das Kind insoweit beruhigt sein, dass es an unserer Kita Gefallen findet“, hebt Schellhase hervor.

Laut Daniela Baars ist mit dem vorliegenden Werk ein eigenes Qualitätshandbuch entstanden, das den Anspruch und das Leistungsangebot der Kitas nach außen transparent und überprüfbar machen soll. „Wir haben nun ein zukunftsweisendes Konzept für die Arbeit in den Kitas, das Kinder bestmöglich in ihrer Entwicklung unterstützt“, resümiert Baars.