Wolmirstedt l Die vier Tattoo-Künstler in der Ohrestadt – die in zwei Studios tätig sind – lächeln kurz, wenn die Frage aufkommt, ob sich ihre Kundschaft wegen Corona nicht zum Tätowieren trauen würden. „So wie wir arbeitet gewiss kaum jemand“, sagt der 21-jährige Julian Sell. „Die Atmosphäre ist klinisch rein.“ Außerdem werden die eingesetzten Nadeln nach dem Gebrauch entsorgt. Kein weiterer Tattoo-Fan kommt damit in Berührung. Daher habe niemand medizinische Bedenken. Das weiß Matthias Ebert zu berichten. Er ist schon 19 Jahre in der Ohrestadt im Geschäft.

Ob im Joker-Tattoo-Studio oder im „Beauty & Beast“ von Julian Sell, die Künstler bringen gehörig Talent mit. Außerdem respektieren sie sich und stehen im ständigen Kontakt zueinander. Die Corona-Krise und die damit einhergehenden Beschränkungen haben sie keineswegs eiskalt erwischt. Glücklich war kein Tätowierer über die Schließung, zumal sich in über acht Wochen allerhand Arbeit angestaut hat. „Ich mache zwei Mal im Jahr Termine für die Anmeldungen“, erzählt Matthias Ebert (49). „Dann ist die Liste voll. Betroffen waren eher die Kunden, die nun länger warten müssen.“ Ähnlich sieht das Julian Sell. Er hat erst im November 2019 sein Studio eröffnet, hat die Corona-Warteliste aber mittlerweile schon wieder abgearbeitet. „So gesehen war die Zwangspause nicht so schlimm, obwohl ich zunächst etwas gefrustet war.“

Viele Menschen hätten dadurch zu Hause Zeit gehabt, sich reichlich mit ihrem gewünschten Motiv zu beschäftigen. Überhaupt sei es ganz wichtig, sich gemeinsam mit dem Kunden über die Vorstellungen auszutauschen. Die Wolmirstedter Tätowierer haben nämlich alle eine eigene Handschrift und die wird in jeder Arbeit sichtbar. Matthias Ebert sagt sogar: „Ich mache keine simplen Kopien. Man sollte schon den Respekt vor der Kunst eines anderen haben.“

Bilder

Vertrauen ist die Basis

Vertrauen ist die Basis, die zwischen Tätowierer und Kunde stimmen muss. „Oft erfährt man Geschichten, die der Kunde einem erzählt“, berichtet Julian Sell. „Das ist auch ganz klar, weil so ein Tattoo etwas ganz Persönliches ist, mit dem der Mensch etwas ausdrücken will.“ Das einstige Knastimage ist längst verschwunden, Tätowierungen sind heutzutage weit verbreitete Körperkunst.

Das sieht auch der 45-jährige Norman Förster so. „Ich habe volles Vertrauen zu Matthias, von dem ich schon einige Motive auf dem Körper habe“, sagt er und zeigt ein Tattoo seiner Töchter vor. „Für mich ist das wie eine Sucht geworden“, fährt er fort. „Tattoos verkörpern eine Lebenseinstellung. Bedenken wegen Corona habe ich überhaupt nicht, da ich weiß, wie genau und sauber hier gearbeitet wird.“ So äußern sich viele Szene-Fans. Für sie bedeutet ein neues künstlerisches Motiv auch das Ende der erzwungenen Corona-Wartezeit – praktisch neu gewonnene Freiheit.

Matthias Ebert hat übrigens zu DDR-Zeiten im Zeichenzirkel mitgewirkt, sich die Airbrush-Techniken selber beigebracht und ist über die Motorradszene zum Tätowieren gekommen. Zudem hat er Industriedesign studiert. Julian Sell ist Schlosser und hat schon an der Gutenbergschule eine Leidenschaft fürs Zeichnen gezeigt. Das große Vorbild des jetzt selbständigen Wolmirstedters ist übrigens gerade Matthis Ebert.