Zerbst l Die Ehrenamtlichen um Kindertafel-Leiterin Birgit Brandtscheit sind bemüht, den Kindern eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung wie Hausaufgabenhilfe, Sport, Schwimmen, Lernen, Umweltaktionen, Exkursionen oder Lese-, Bastel-, Koch- und Backnachmittage sowie Urlaubsfahrten oder Besuche in Zoo, Kino oder Kulturveranstaltungen zu bieten.

Vor einigen Tagen hat Birgit Brandtscheit an einer Online-Gesprächsrunde mit dem Staatsoberhaupt teilgenommen – bereits zum zweiten Mal. Was sich seit der letzten Video-Schalte verändert hat und ob die Situation für die betroffenen Kinder womöglich noch gravierender geworden ist, seit sie wegen der Pandemie die Angebote der Kindertafel nicht mehr nutzen können, wollte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier von ihr wissen.

Familien wegen Homeschooling überfordert

Birgit Brandtscheit sprach von Überforderung und einem Riesenproblem beim Homeschooling. „Ich kenne Familien, wo diesbezüglich nichts gemacht wird, gar nichts. Die Eltern sagen, ich kann es nicht, also mache ich es nicht, Punkt!“, erklärte Brandtscheit. Die Kinder seien zuhause, würden aber nicht lernen. „Ich denke, dass gerade Kinder aus solchen Familien hinten runterfallen“, so ihre Befürchtung.

Sie könne nicht nachvollziehen, was in den Köpfen dieser Eltern vor sich gehe, die die schulischen Aufgaben ihrer Kinder so schleifen lassen. „Die Kinder selbst vermissen die Kindertafel sehr. Das erlebe ich täglich bei Telefonaten, Briefen oder Bildern, die mir die Kinder schicken“, so die Chefin der Kindertafel.

Kind musste ins Heim untergebracht werden

Brandtscheit: „Wir haben eine Whatsapp-Gruppe. Täglich fragen meine Schützlinge, wann sie wiederkommen dürfen. Andere stehen weinend vor der Tür und vermissen das gemeinsame Spielen, Kochen und Lesen. Es bricht mir das Herz, sie wegschicken zu müssen“, erläuterte sie dem Staatsoberhaupt.

Ob sie in den letzten Wochen besonders dramatische Fälle erlebt habe, beispielsweise von Überforderung, fragte Steinmeier. „Ja! Ein Kind musste aus der Familie genommen werden und wurde erst einmal im Heim untergebracht. Bei zwei anderen Kindern ,kippelt‘ es mittlerweile und bei einer dritten Familie ist ein Kind wieder zurück. Hier ist aber fraglich, ob es bleiben kann“, machte Brandtscheit auf die prekäre Situation einiger Kinder aufmerksam.

Soziale Kontakte fehlen

Gerade die Familien mit mehreren Kindern seien mit der Situation überfordert. „Es fehlen die sozialen Kontakte. Die Kinder sind permanent zuhause, die Eltern sind permanent zuhause, es wird zunehmend aggressiver. Teilweise spielt sogar Gewalt in einigen Familien eine Rolle und Hoffnungslosigkeit macht sich breit, weil die Menschen kein Ende sehen“, so das Bild, das Brandtscheit zeichnete.

Das Sozialministerium in Magdeburg weiß um die Nöte vieler Kinder und Jugendlicher. „Neben den finanziellen Hilfsprogrammen wie die Sozialschutzpakete I und II, den Notfall-Kinderzuschlag, dem Kinderbonus oder die Unterstützung für Alleinerziehende, haben die sozialen Belange von Kindern und Jugendlichen für die Landesregierung eine sehr hohe Bedeutung und somit hohe Priorität“, schreibt ein Ministeriumsprecher auf Volksstimme-Nachfrage.

Notbetreuung bei Problemfällen

Für die Notbetreuung in Kitas gelte, dass die Jugendämter die Möglichkeit haben, bei entsprechendem erzieherischen Bedarf Kindern den Besuch der Kita weiter zu gewähren. „Von dieser Möglichkeit wird in den Landkreisen auch Gebrauch gemacht. Bei den in der Anfrage genannten Maßnahmen, wie der Kindertafel in Zerbst oder beispielsweise der ,Arche‘ in anderen Städten, handelt es sich um Angebote, die zum einen als ein Suppenküchenangebot und zum anderen als Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit und somit als Maßnahmen der freien Kinder- und Jugendhilfe einordbar sind“, erläutert der Sprecher.

Somit würden diese Angebote unter Beachtung der aktuellen Eindämmungsverordnung und insbesondere der Berücksichtigung von Abstands- und Hygieneregeln realisiert werden können. „Die Herausforderung bezüglich der Realisierung solcher Angebote besteht derzeitig darin, konstruktive Lösungen vor Ort zu finden, die den unterschiedlichen Interessenslagen und den bestehenden gesetzlichen Aufträgen der Sozialgesetzbücher gerecht werden“, betont der Sprecher des Sozialministeriums.

Mit Jugendamt und Landkreis zusammenarbeiten

So könnte ein Lösungsansatz zur Öffnung der Kindertafel darin bestehen, dass sich der Trägerverein der Einrichtung mit dem Jugendamt der Stadt Zerbst beziehungsweise des Landkreises diesbezüglich in Verbindung setzt, um realisierbare Lösungswege für die Aufgabenerledigung der Kindertafel zu beraten.