Wolmirstedt l Doktor Ernst Riemann ist gerne Arzt, immer noch. „Es ist ein Beruf, der befriedigt.“ Menschen in schwierigen Situationen zu helfen, ihnen zur Seite stehen zu können, sei das Schönste daran. Käme er noch mal auf die Welt, würde er wieder Arzt werden.

Schon in diesem Leben widmete er diesem Beruf alles, der Doktorhut wurde ihm bereits verliehen, als er 23 Jahre alt war. Inzwischen hat er den 80. Geburtstag gefeiert und verlässt das Sprechzimmer noch immer nicht ganz. Donnerstags wird er als Arbeitsmediziner Menschen betreuen.

Doktorwürde mit 23 Jahren

Ernst Riemann liebt das Arztsein im Allgemeinen und im Besonderen die Allgemeinmedizin. Auch wenn die Arbeit als Hausarzt Nachtdienste mit sich bringt und es längst nicht genügt, die Patienten in der Praxis zu betreuen. „Einen Hausarzt, der keine Hausbesuche macht, kann ich mir gar nicht vorstellen.“

Die Hinwendung zum Patienten, das Soziale, habe ihm seine Familie mit auf den Weg gegeben. Der Vater kehrte aus dem Krieg nicht zurück, um so mehr hielten die Generationen zusammen. Nun braucht Ernst Riemanns Frau Erika viel Fürsorge. Vor allem deshalb wird der Doktor fortan kaum noch in der Praxis, dafür umso mehr zu Hause beschäftigt sein. Dr. Erika Riemann, die lange als Kinderärztin arbeitete, freut sich darüber.

Mehr Zeit für seine Frau

In der Veranda ist der Kaffeetisch hübsch gedeckt, es gibt Schokoladenkuchen. Der Blick fällt in den weitläufigen Garten. Spatzen fliegen in Schwärmen herbei, aus dem Gebüsch watschelt ein Entenpaar, ein farbenprächtiger Fasan drückt sich schüchtern an der Hecke entlang. Die Gefiederten wissen, bei Riemanns gibt es das ganze Jahr über Futter. Weizen, Erdnüsse, Sonnenblumenkerne - jeder findet das, was besonders schmeckt.

Dr. Riemann mag, wie sich die Medizin in den vergangenen über 50 Jahren entwickelt hat. „Das ist wie ein Sprung vom Trabant hin zum Mercedes. Denken Sie nur an die bildgebenden Verfahren wie Ultraschall oder die Herzschrittmacher. Die gab es früher nicht.“

Dafür gab es Anfang der 1960er Jahre im Krankenhaus große Säle, in denen bis zu 25 Patienten gleichzeitig untergebracht waren. Lange her. Nun schwärmt der Arzt von schonenden Operationsmethoden, davon, dass inzwischen viel mehr Patienten geheilt werden können. Fast eine medizinische Revolution erlebte er zu Beginn seiner Laufbahn. „Die Anästhesie entwickelte sich von der Äthernarkose zur Intubationsnarkose mit Lachgas. Das war eine große Erleichterung für Ärzte und Patienten.“ Dr. Ernst Riemann war damals einer der Ersten in Wolmirstedt, die sich damit besonders gut auskannten.

Herz schlägt für Allgemeinmedizin

Am lautesten schlug sein Herz jedoch immer für die Allgemeinmedizin. „Sie ist die Basis für alles weitere.“ Die Spezialisierungen hat er beim Studium intensiv kennengelernt, die Chirurgie, die Kinderheilkunde, die innere Medizin...

So breit, wie sein Wissen gefächert ist, stellten sich auch die beruflichen Aufgaben. In der Praxis für Allgemeinmedizin arbeitete er immer, war unter anderem ärztlicher Direktor der Wolmirstedter Kreispoliklinik, außerdem schon während der Teufe Betriebsarzt im Zielitzer Kaliwerk. Wie passen so viele Aufgaben in die Tage hinein? „Meine Stärke war immer, dass ich Wichtiges von Unwichtigem trennen kann. Außerdem hatte ich immer gute Leute, die mir den Rücken freigehalten haben.“

Das Mediziner-Gen haben die Riemanns an die Töchter weitergegeben. Kirsten Riemann ist Logopädin, Elke Riemann ebenfalls Ärztin und führt seit langem mit ihrem Vater und der Ärztin Bettina Strümpf die Praxis über der Adler-Apotheke. Die beiden Frauen werden vorerst allein weitermachen. Ernst Riemann wird im Herzen immer dabeisein, aber eins ganz bestimmt nicht vermissen: die Bürokratie. Künftigen Ärzten wünscht er, dass sie möglichst viele Kollegen bekommen, wieder mehr Mediziner ausgebildet werden. Geht alles gut, wird bald Enkelin Helene dazu gehören.