Wolmirstedt l „Ich wollte ein Hobby haben“, sagt die neunjährige Isabella, „als ich gesehen habe, was die Turnerinnen können, wollte ich das auch ausprobieren.“ Das Mädchen meldete sich beim Sportverein Kali an und kann inzwischen Bockspringen, Kopfstand und den Aufschwung am Stufenbarren. Doch für Isabella und die anderen Turnerinnen könnte bald Schluss sein. Die beiden Trainerinnen hören zum Jahresende auf, Nachwuchs ist nicht in Sicht.

Turn-Abteilungsleiterin Sibylle Mras ist verzweifelt. „Ich habe schon so viele angesprochen, ältere Turnerinnen, Eltern, Freunde... bisher hat sich niemand bereit erklärt.“ Wenn sich kein Trainer, keine Trainerin findet, ist für die Turnerinnen der mittleren Altersklasse am Jahresende Schluss. Das wäre für die Mädchen fatal, außerdem würde im Verein eine Lücke klaffen. Die kontinuierliche Nachwuchskette risse mittendrin ab.

Noch kümmern sich Lea Neumann und Lina Schmidt (beide 17) um die Mädchen, zeigen Turnübungen, spornen an, helfen, über den Bock zu springen oder beim Radschlag Hände und Füße in der richtigen Reihenfolge zu setzen. Doch beide schreiben im nächsten Jahr ihre Abiturprüfungen. Darauf wollen sie sich voll konzentrieren.

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„Das verstehe ich gut“, sagt Sibylle Mras, die nicht nur Turn-Abteilungsleiterin und Trainerin der großen Gruppe ist, sondern auch Lehrerin am Gymnasium. Sie schwört auf „ihre“ Mädchen, weiß, dass Lea und Lina bei den Kindern außerordentlich beliebt sind. Trotzdem hätte sie gern jemanden, der ab Januar die Gruppe übernimmt.

Einigen fehlt die Zeit

Vom Trainermangel können auch andere Vereine ein Lied singen. Karsten Stier, Vereinsvorsitzender der Baskets, weiß um die mühsame Trainersuche. „Alle sagen, sie würden es gerne machen, haben aber keine Zeit.“ Noch vor zehn Jahren gab es für jede der vielen Basketball-Nachwuchsmannschaften zwei Trainer, inzwischen sind Ehrenamtliche dünn gesät. „Wir helfen uns mit FSJlern“, sagt Karsten Stier. Wer im Verein ein Freiwilliges soziales Jahr absolvieren möchte, kümmert sich auch um das Nachwuchstraining.

Der Wolmirstedter Kanuverein setzt auf junge Leute, die sich vom Leistungssport verabschiedet haben. „Das gelingt solange“, sagt Lutz Neumann, bis ihre berufliche Ausbildung beendet ist.“ Die Kanuten haben schon mehrfach erfahren, was die Flexibilität, die am Arbeitsmarkt erforderlich ist, mit den Vereinen macht: „Oft gehen junge Leute aus Sachsen-Anhalt weg.“ Damit fehlen sie, auch als Trainer, im Ehrenamt generell.

Das OK-Live-Ensemble ist schon vor langer Zeit dazu übergegangen, seinen Trainern mehr als eine Aufwandsentschädigung zu bezahlen. „Sie bekommen eine Jahrespauschale, Honorar oder arbeiten auf 450-Euro-Basis“, sagt Vereinsvorsitzender Kurt Prilloff. Trotzdem sei es schwer. „Wir suchen händeringend jemanden für unser Showballett“, sagt er, „aber der Markt ist leergefegt.“

Das Ziel vieler Vereine ist es, Kindern eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung anzubieten, bei der sie zusammen mit Gleichgesinnten sportlich oder kulturell aktiv sind und Freundschaften außerhalb der Schule schließen können. Die Stadt stellt dafür Sportstätten kostenfrei zur Verfügung, mit einem Obolus beteiligen sich die Vereine an den Betriebskosten. Wieviel kommunales Engagement ist darüber hinaus möglich? Erika Tholotowsky, in der Stadt für Sport und Kultur zuständig, hat von diesen Problemen gehört und will die Gespräche mit den Vereinen intensivieren.

Lina Schmidt und Lea Neumann trainieren „ihre“ zwölf Mädchen seit gut drei Jahren. „Damals ist eine Trainerin ausgefallen, wir sind eingesprungen und dabei ist es geblieben“, erzählen sie. In Schulungen haben sie Trainingsmethoden und Hilfsgriffe gelernt, jedes Jahr stellen sie für das Weihnachtsschauturnen eine Choreografie zusammen.

Trainerinnen freuen sich

Einmal in der Woche trainieren sie mit den Mädchen 90 Minuten lang. Lea Neumann sagt: „Wir freuen uns über die Fortschritte der Kinder.“„Und wir haben gelernt, geduldig mit den Kindern zu arbeiten“, ergänzt Lina Schmidt. Beide sind sich einig: Sie wissen sich nun besser durchzusetzen.

Die Ergebnisse des Trainingsjahres zeigen sie bald beim Weihnachtsschauturnen. Danach ist für Lea Neumann und Lina Schmidt Schluss. Ob es für Isabella, Marlene und die anderen weitergeht, wird sich zeigen. Die elfjährige Leni sagt: „Ich kann fast den Hüftschwung-Aufschwung.“ Sibylle Mras hofft, dass dem Mädchen auch im nächsten Jahr jemand beim Üben zur Seite steht.