Wolmirstedt l Rudolf Giersch lebt mit seiner Familie in einem Haus in der Wolmirstedter Fußgängerzone. An den frühen Morgen des 5. September erinnert er sich mit Schrecken. „Wir hatten einen medizinischen Notfall in der Familie“, berichtet der FUWG-Stadtrat, „mussten den Notarzt rufen.“ Der kam prompt, war innerhalb weniger Minuten vor Ort.

Der Rettungswagen folgte dem Notarzt, doch von diesem Fahrzeug hörte die Familie das Martinshorn nur von Weitem. Der Rettungswagen kam nicht in die Fußgängerzone, stand neben der Filiale der Deutschen Bank und musste vor einem haltenden Auto kapitulieren. Das hatte sich dort offenbar in den wenigen Sekunden zwischen der Ankunft des Notarztes und des Rettungswagen postiert. „Selbst das Heulen des Martinshorns trieb die Fahrerin nicht zur Eile an“, ärgert sich Rudolf Giersch. Er ärgert sich schon lange, weil haltende Autos in diesem Bereich an der Tagesordnung sind.

Das bestätigt Gerald Wienhöfer, Rettungsdienstleiter der Johanniter im Bereich Magdeburg-Börde-Harz. „Meine Wolmirstedter Mitarbeiter erleben, dass die Zufahrt in 90 Prozent der Einsätze in diesem Bereich versperrt ist.“ In diesen Fällen warten sie nicht, bis Fahrer ihre Autos wegfahren, sondern machen einen großen Bogen und nehmen den Umweg über die Zufahrt neben der Rathaus-Apotheke. So gewährleisten sie, rechtzeitig zu helfen, auch weil das gesetzlich vorgeschrieben ist. Innerhalb von zwölf Minuten müssen Rettungsdienste vor Ort sein.

Andere Erfahrungen macht der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der als zweiter Rettungsdienst in Wolmirstedt agiert. „Wir haben dort noch keine Behinderung erlebt“, sagt Rettungsdienstleiter Michael Heu , „allerdings fahren wir im Zweifel über die Friedrich-Ebert-Straße auf die Fußgängerzone.“

Probleme an Markttagen

Er sieht die Probleme eher an den Markttagen. Wegen der Verkaufswagen gestalte sich die Durchfahrt für Rettungsdienste schwierig. Auch die Geschwister-Scholl-Straße meiden die Rettungswagen möglichst. „Die wird schnell zum Nadelör.“ Der breite Grünstreifen in der Mitte lässt nur Platz für eine Fahrspur auf jeder Seite.

Die Zufahrten zur Fußgängerzone sind mit Pollern versperrt, doch Rettungsdienste sind so ausgerüstet, dass sie diese Poller herunterfahren können. Gegen haltende Autos sind sie jedoch machtlos. „Oft ist es ja gar keine Bösartigkeit“, sagt Johanniter Gerald Weinhöfel, „sondern Unkenntnis oder Gedankenlosigkeit.“

Autofahrer handeln offenbar gedankenlos

Im Wolmirstedter Rathaus ist das Problem an den Zufahrten zur Fußgängerzone bekannt. „Es sind neuralgische Punkte für unsere Politessen“, sagt Rathausmitarbeiter Frank Schröder, „dort wird vermehrt abgestraft.“

Die Gründe, in den Einfahrten zu halten, unterscheiden sich. An der Einfahrt neben der Rathausapotheke halten vorrangig Fahrzeuge, in denen Menschen sitzen, die schlecht laufen können und deshalb nah an den Arztpraxen abgesetzt werden, außerdem Laborboten.

Aus Richtung Friedensstraße halten Autos meist, weil die Fahrer „schnell mal“ zum Geldautomaten huschen wollen. Darunter seien laut Aussage der Rathausmitarbeiter auch viele, die ein auswärtiges Kennzeichen haben.

Welche Rolle aber spielt neben der Unkenntnis die Bequemlichkeit? Schließlich gibt es an beiden Zufahrten ganz in der Nähe reguläre Parkplätze: im Norden hinterm Rathaus und in der Bahnhofstraße, im Süden hinter der Volksbank und auf der Schlossdomäne. Manche scheuen sich offenbar, dort zu parken, ein paar Meter zu Fuß zu gehen, versperren lieber die Einfahrt zum Boulevard. Wie lässt sich dagegen vorgehen?

Rathaus sieht keinen weiteren Handlungsbedarf

Aus Sicht des Rathauses besteht neben den Kontrollen und eventuellen Ahndungen kein weiterer Handlungsbedarf, um die Zufahrten dauerhaft autofrei zu halten. Es müsse jedem Autofahrer klar sein, dass in der Einfahrt zum Boulevard weder gehalten, geparkt und auch nicht be- und entladen werden darf. Weitere Schilder sind dort nicht geplant.

Rudolf Giersch gibt sich damit nicht zufrieden. Er fordert seit Jahren, dass an den Zufahrten zur Fußgängerzone deutlicher vermerkt wird, dass Autos dort nicht stehen dürfen. „Wie das gehen kann, müssen Verkehrsexperten klären.“ Er jedenfalls möchte nicht noch mal erleben, dass einem Rettungswagen der Weg verwehrt wird.