Wolmirstedt l Yves Bloege sieht aus, wie ein Naturbursche aussehen muss, trägt lange Haare, Wollpullover und Handwerkerhose. Die Schafe kennen ihn gut, kommen laut blökend gelaufen, wissen, jetzt gibt es Futter. Ein bisschen Brot gibt der 45-Jährige direkt aus der Tüte, achtet darauf, dass die Brocken gerecht verteilt werden. Satt werden die wolligen Gesellen davon nicht, aber vermutlich glücklich, wie Menschen durch Schokolade.

Zum Sattwerden gibt es Heu, das der Schafhalter mit einer großen Forke in die Raufen hineinwuchtet. Süßes mögen die rauwolligen pommerschen Landschafe übrigens auch, sie sind nach Zuckerrüben verrückt. Beim Kampf um die Rübe zickt eine Schafdame schon mal recht unsanft die Nebenbuhlerin zur Seite. Beim Naschen verstehen selbst genügsame Wollträgerinnen offenbar kein bisschen Spaß.

Bloege ist zu diesen Schafen gekommen, wie die Jungfrau zum Kind. Eine gute Bekannte wollte sich Schafe zulegen, hat sich diese Rasse ausgesucht und Tiere bestellt. Er hat sich um die Flächen gekümmert, auf denen die Schafe fortan leben sollten, fand Weiden in der Gegend um Wolmirstedt. Das fiel ihm leicht, denn Bloege gehört zum Naturschutzbund (Nabu), der über eigene Flächen verfügt. „Alles war vorbereitet“, erzählt er, „doch eine Woche vor dem Start ist die Frau abgesprungen.“

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Mehr als 80 Tiere

Da war der Naturbursche längst mit dem Schafhaltervirus infiziert. Was also tun? „Da habe ich eben selbst mit vier Muttertieren und sechs Lämmern begonnen.“ Inzwischen sind es 60 Muttern und 20 einjährige Lämmer, auch ein paar ganz kleine Schäfchen hüpfen zwischen der Herde herum. Yves Bloege grinst: „Das sind Betriebsunfälle.“

Schafsfräulein und Bock waren nicht rechtzeitig getrennt worden und haben die Situation schamlos ausgenutzt, sehr zur Freude der elfjährigen Bloege-Tochter, die jedes Lämmchen extrem niedlich findet. Ob Wunschlämmer oder nicht, alle Schafskinder sind schwarz. Die typischen gräulicheren Farben entwickeln sich erst im Laufe des Schaflebens.

Während eine der älteren Schafdamen den süßen Saft einer Rübe genießt, lässt sie sich mit der Hand in die Wolle greifen. Die fühlt sich genauso rau an, wie der Name rauwolliges Landschaf verspricht. „Kleidung, die aus dieser Wolle gefertigt ist, kratzt“, weiß Yves Bloege. Dennoch werden daraus wetterfeste Pullover und Jacken gefertigt, jedoch meist mit Vlies gefüttert.

Haltung nicht wirtschaftlich

Die Rauwoller hält er vor allem für die Landschaftspflege. Sie fügen sich perfekt in den ökologischen Kreislauf ein, halten das Gras lückig, aber nicht gleichmäßig kurz, wie es Mähmaschinen tun. An den kurzgefressenen Stellen wachsen Wildkräuter, aber auch höhere Blütenpflanzen. Die werden von den Schafen verschmäht, bieten aber Insekten dauerhaftes Wohnrecht.

So können viel mehr Arten auf so einer Viehweide leben als auf einer gemähten Wiese. Selbst Mäuselöcher und Mäuse bleiben gut sichtbar, wovon wiederum Falken und Eulen profitieren, die hier fast jedes Jahr ihren Nachwuchs großziehen.

Yves Bloege ist Schafhalter, nie dürfte er sich als Schäfer bezeichnen, diesen Beruf hat er nicht gelernt. Trotzdem arbeitet er eng mit den verbliebenen Schäfern aus der Umgebung zusammen. Ohne die Hilfe der „Kollegen“ könnte er mit seiner Familie nicht in den Urlaub fahren. Seinen Lebensunterhalt sichert er als Wasserwirtschaftler, betreibt ein eigenes Ingenieurbüro für Biotop und Artenschutz. Geld steht in seinem Leben jedoch nicht an oberster Stelle. „Ich suche mir die Aufträge aus, mache das, was mich interessiert.“

Fleisch landet auf dem Teller

Interesse zeigt er auch für den Wolf. Dem hat er sich viele Monate gewidmet, lange vor seiner Zeit als Schafhalter, hat ihn in Tschechien telemetriert, also das Verhalten des Isegrims mit Hilfe eines Senders erforscht. Die Bewunderung für dieses Wildtier ist geblieben. „Wahrscheinlich falle ich für einen Schafhalter damit etwas aus der Rolle.“

Yves Bloege gefällt die Mischung aus wissenschaftlicher Arbeit, Landschaftspflege und Schafzucht. Zu diesem Kreislauf gehört auch, dass das Fleisch der Schafe letztendlich auf dem Teller landet. Weil die Landschafe so langsam wachsen, hat ihr Fleisch einen besonderen Geschmack, ähnlich wie Wild.

„Schön ist es nicht, die Tiere zu töten“, gesteht Yves Bloege, „aber ich kann mein Fleisch und meine Wurst mit Appetit und gutem Gewissen essen.“ Nicht alle Tiere kann er auf kurzem Wege verwerten, muss einen Großteil an Viehhändler übergeben. Er hofft inständig, dass sich immer mehr Menschen dafür interessieren, wie Tiere gelebt haben, bevor sie in die bunte Plasteverpackung kamen.

Tiere sind robust

Die Herde grast friedlich auf einer renaturierten Deponiefläche. Weit weg, am Fuße des Hügels, sausen Autos und Laster wie Spielzeug über die Autobahn. Eines der Lämmchen säugt am Euter der Mutter. Sind die Tiere nicht zu niedlich, um sie irgendwann zu verspeisen? Yves Bloege lacht. „Ich habe schon Veganer dazu gebracht, das Fleisch der Schafe zu essen.“ Sein Argument: „Wenn wir die Tiere nicht nutzen, sterben sie aus und mit ihnen unsere Kulturlandschaft.“

Den rauwolligen pommerschen Landschafen wäre das beinahe passiert. Sie sind zwar die einzige heimische Schafsrasse, aber wirtschaftlich aus drei Gründen nicht interessant: ihre Wolle ist zu kratzig, sie geben zu wenig Fleisch und wachsen zu langsam. Lämmer können erst nach anderthalb Jahren gedeckt werden, nicht nach neun Monaten, wie bei anderen Rassen.

Dafür brauchen sie kaum Medikamente, leben das ganze Jahr über draußen und bringen ihre Lämmer auf der Weide zur Welt. Außerdem sind sie stark, springen aus dem Stand über jeden Graben.

Das ganze Jahr draußen

Yves Bloege wirft noch ein paar Zuckerrüben über die Weide. Hoppelnd rennen die Schafe hinter den dicken, kullernden Klumpen her. Drollig sieht das aus, wenn auch nicht elegant. Ihr Halter lächelt stolz, trotzdem. „Schafe stammen übrigens nicht von Gazellen ab.“