Wolmirstedt l Menschen wie ihm hilft das neue Teilhabe-Chancengesetz. Ungeübte sollten Meggy und Hazel nicht zu nahe kommen. Die schottischen Hochlandrinder-Damen wissen ihre spitzen Hörner zu nutzen. Michael Purzel kann sie besänftigen, bis er die Futterkrippe ungestört nachgefüllt hat. Kartoffeln und Äpfel lenken fürs Erste ab. „Ich habe schon mal ein Praktikum auf einem Pferdehof gemacht.“

Keine Ausbildung, kein Führerschein

Auch auf dem Bau und in einem Imbiss war der 34-jährige Wolmirstedter schon Praktikant, ein reguläres Arbeitsverhältnis ist daraus nie entstanden. Michael Purzel hat keine Berufsausbildung genossen, keinen Führerschein und auch sonst nicht viel Glück im Leben gehabt. Doch jetzt hat er eine Chance bekommen.

Michael Purzel arbeitet in der Elbeuer Kaffeemühle, hilft dabei, die Tiere zu versorgen und die Außenanlagen umzugestalten. Er schafft für die Hochlandrinder, Esel und Hühner saubere Ställe, mäht Rasen, schleppt Steine, wuchtet Erde. Welche Arbeit er am liebsten verrichtet, kann er nicht sagen. „Ich mache alles sehr gern. Hier kann ich mich richtig austoben.“

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Der Hebel: das Teilhabe-Chancengesetz

Chefin ist Evamaria Schmeier, sie betreibt in der alten Vordermühle ein Café. Außerhalb des Corona-Lockdowns herrscht dort reger Betrieb, Spaziergänger, Radfahrer, Ausflügler und Menschen von nebenan kommen regelmäßig zu Kaffee und Kuchen.

Inmitten so eines Trubeltages tauchte Britta Engel auf. Die Arbeitsvermittlerin im Jobcenter Börde hat das große Gelände gesehen und sofort an ihren „Schützling“ gedacht. „Hierher könnte Michael Purzel passen.“ Der Hebel: das Teilhabe-Chancengesetz.

Jobcenter erstatter die Lohnkosten

„Das richtet sich besonders an Langzeitarbeitslose“, erklärt Jobcenter-Sprecher Georg Haberland, „bis zu fünf Jahre lang wird das Arbeitsentgeld bezuschusst.“ Heißt: Der Arbeitgeber bezahlt, anschließend erstattet das Jobcenter die Lohnkosten.

Daneben wird dem Beschäftigten ein Jahr lang ein Coach zur Seite gestellt. „Eine Art Wegbegleiter“, erklärt Georg Haberland, „denn Menschen, die lange arbeitslos waren brauchen oft Unterstützung beim Weg in die Arbeitswelt.“ Manche müssen erst wieder Pünktlichkeit lernen, andere, dass sie für ihre Arbeit auch mal Kritik bekommen.

Einmal die Woche kommt der Coach

Michael Purzels Coach kommt einmal in der Woche zur Mühle. In den Gesprächen spielt auch seine private Situation eine Rolle. Der junge Mann ist alleinerziehender Vater. Der elfjährige Sohn besucht die Gerhard-Schöne-Schule, wegen des Lockdowns zurzeit die Tagesgruppe im Don-Bosco-Haus. In beiden Einrichtungen werden Kinder auf besondere Weise gefördert. Zuhause lässt Michael Purzel seinen Sohn ungern lange allein lässt, deshalb hat er die Arbeitszeit von 22 Stunden pro Woche vereinbart.

Die maßgeschneiderte Lösung ist Teil des Programms. „Wer vom Teilhabe-Chancengesetz profitiert, ist immer eine sehr individuelle Angelegenheit“, betont Britta Engel. In der Regel kennen Jobcenter-Mitarbeiter die Menschen, die sie seit Jahren betreuen. Finden sie ein Unternehmen, das in Frage kommt, gehen sie gezielt darauf zu. Die Priorität: Es muss für beide Seiten passen.

Michael Purzel brauchte einen Arbeitsplatz mit passenden Arbeitszeiten im Ort. Die Elbeuer Mühle erreicht er per Fahrrad, seine Arbeitszeiten harmonieren mit dem Geschäftsbetrieb rund ums Café.

Die Chemie muss stimmen

Jemanden im Familienbetrieb zu beschäftigen, daran musste sich auch Familie Schmeier herantasten. Zwar klang der Vorschlag der Arbeitsvermittlerin gut, „aber“, sagt Evamaria Schmeier, „wir haben erst einmal im Familienrat darüber gesprochen.“

Nach einiger Bedenkzeit wurde beschlossen, die Zusammenarbeit wird in einem zweiwöchigen Praktikum ausprobiert. Dafür hatte Britta Engel Verständnis. „Schließlich muss die Chemie stimmen.“

Regelmäßige Teambesprchungen helfen

Sie stimmt. Das stand nach zwei Wochen Praktikum fest. Der Arbeitsvertrag wurde geschlossen und damit haben sich auch Abläufe im Familienbetrieb verändert. Es gibt verbindliche To-do-Listen, regelmäßige Teambesprechungen, schließlich muss Michael Purzel bewusst in die Arbeitsabläufe einbezogen werden.

Dauerhafte Beschäftigung als Ziel

Seit Oktober arbeitet Michael Purzel nun in der Elbeuer Mühle und inzwischen ist klar, er möchte die vollen fünf Jahre bleiben und darüber hinaus. „Das ist das Ziel des Teilhabe-Chancengesetzes“, sagt Georg Haberland, „dass ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis daraus entsteht.“

Arbeit gibt es rund um die Mühle genug. „Wir wollen das Gelände umgestalten, sodass den Besuchern noch mehr geboten wird“, sagt Evamaria Schmeier, „sie sollen die Tiere erleben können, wir wollen die Freifläche anders strukturieren.“ Zusätzliche Gedanken sind da gerne gesehen. „Ich habe so viele Ideen“, sagt Michael Purzel.

Arbeitgeber-Service im Jobcenter berät

Er war seit 2005 arbeitslos und kann sich inzwischen ein Leben ohne diese Arbeit gar nicht mehr vorstellen. Der Muskelkater der Anfangszeit ist Geschichte, 15 Kilo Körpergewicht schmolzen dahin. Michael Purzel mag die Struktur, die Bewegung, den Kontakt mit den Menschen. Der Weihnachtsurlaub kam ihm unendlich lang vor. „Danach habe ich mich unheimlich auf die Arbeit gefreut.“ Die Rinderdamen Meggy und Hazel galoppieren ihm munter entgegen.

Wer sich für das Teilhabe-Chancengesetz interessiert, kann sich beim Arbeitgeber-Service des Jobcenters Börde unter 039201/28 02 59 melden.