Dahlenwarsleben l Es ist ein klarer Wintertag am 11. Februar des Jahres 1936 in Dahlenwarsleben. Die Gegend ist mit kaltgefrorenem Schnee bedeckt. Hähne krähen im Dorf und Rabenvögel krächzen in der Luft. Plötzlich erschallt ein lauter Knall durch den Ort, Vögel erheben sich erschrocken in die Lüfte, Pferde wiehern und ziehen an den Trossen. Anschließend folgt ein Donner-grollen, das erahnen lässt, wie weit das Bollern zu hören ist. Bis nach Wolmirstedt mag der laute Schlag zu hören sein. Ein etwa 70 Meter hoher Schornstein fällt allmählich zur Seite. Dabei knickt er etwa in der Mitte ein, bevor er gänzlich den Boden erreicht und von einer Staubwolke eingehüllt wird.

Zuckerherstellung beginnt um 1850

Als sich die dunkle Wolke über den Dächern Dahlenwarslebens langsam verzieht, wird anwesenden Augenzeugen gewahr: Die altehrwürdige Zuckerfabrik, die bis vor vier Jahren noch einen Großteil der Bürger des Ortes und darüber hinaus ernährte, wurde gesprengt und liegt nunmehr in Schutt und Asche. Damit ist eine Ära in dem Ort zu Ende gegangen, die bereits rund 80 Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte.

Zucker war bereits im Mittelalter ein teures Gut. Gesüßt wurde entweder mit Honig oder später mit teurem Rohrzucker aus den Kolonien in Asien und Amerika. Bis im Jahr 1801 ein gewisser Franz Carl Achard, seineszeichens „Physiko-Chemiker“, die Grundlagen der industriellen Zuckerproduktion aus der weißen schlesischen Rübe erfand. Was folgte war die Industrialisierung der Zuckerproduktion auf deutschem Boden, die auch die Magdeburger Börde erreichte. In vielen Dörfern entstanden Zuckerfabriken in unterschiedlichen Größen.

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„Auch in Dahlenwarsleben wurde eine Zuckerfabrik errichtet, wobei parallel auch Chicoree in großem Stil gezüchtet wurde“, erläutert Jürgen Dürrmann. Er ist der Ortschronist von Dahlenwarsleben und hat viele Dokumente und Fotos von seinen Vorgängern „geerbt“. Daraus haben sich mehrere Geschichten ergeben, die Dürrmann in einer Ortschronik zusammengefasst hat. Und die Sprengung der Zuckerfabrik ist eine der Geschichten.

Den Baubeginn datiert der Ortschronist um das Jahr 1850. Mehrere Bauern hätten sich zu einer Offenen Handelsgesellschaft, einer OHG, zusammengetan, darunter die Gesellschafter Gustav Bressel und Johann Andreas Wiersdorff. Beide hatten in mehrere Zuckerfabriken investiert, Letzterer beispielsweise in die in Gröningen. „Als die Anlage in Dahlenwarsleben fertig war, handelte es sich bereits um eine Riesenfabrik“, erläutert Jürgen Dürrmann. Der Standort befand sich an der Krugstraße. Einzelne Gebäudeteile sind noch heute an ihren roten Ziegeln zu erkennen.

Schienenstrang bis Meitzendorf

Von der Zuckerfabrik führte ein Schienenstrang bis nach Meitzendorf, wo es bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Bahnanbindung gab. „Die vollbeladenen Loren wurden anfangs mit Ochsen- und Maultiergespannen gezogen. Später wurde eine Lokomotive der Marke Henschel T3 angeschafft“, hat der Ortschronist recherchiert. Ein Übrigbleibsel der einstigen Bahnstrecke findet sich noch heute in den Resten einer Brücke über den Telzgraben im äußersten Osten des Dorfes.

Derweil wuchs die Zuckerfabrik und immer mehr Menschen standen hier in Lohn und Brot. Knechte und Landarbeiter wurden zu Industriearbeitern. „Doch nur die Besitzer wurden zu Millionären. Die Arbeiter waren immer arm“, sagt Dürrmann. So habe beispielsweise sein Großvater als Gespannfahrer 17,40 Mark bei einer Siebentagewoche verdient. „Mein Vater aber ging zum Arbeiten zu Ernst Reppin nach Magdeburg. Der brachte 36 Mark nach Hause“, berichtet der Dahlenwarsleber Heimatforscher.

Niedergang kommt mit Weltwirtschaftskrise

Vom Erfolg der Zuckerfabrik zeugt ein zunächst unscheinbarer Knopf mit einer fünfzackigen Krone und einem B. „Dem gehörte ein Lokführer, der bei Bressel angestellt war. Die Krone verweist auf die staatsbeamtenschaft Bressels“, berichtet Jürgen Dürrmann weiter. Je mehr Zacken eine Krone hatte, desto höher sei der Adelsstand seines Herausgebers gewesen.

Auch das Dorfleben profitierte: So gab es zwei Bäckereien im Ort, vier Brotbäckereien sowie vier Kneipen und Gaststätten.

Der Niedergang der sowohl für damalige als auch heutige Verhältnisse riesigen Zuckerfabrik begann laut dem Ortschronisten in den 1930er Jahren. Das Werk hätte einerseits modernisiert werden müssen, andererseits kam mit dem Jahr 1929 die Weltwirtschaftskrise dazwischen. „Der letzte Zucker muss das Werk im Jahr 1932 verlassen haben“, meint Dürrmann. Denn laut einem Zeitungsartikel über die Sprengung des Schornsteins aus dem Jahr 1936 hieß es: „Heute soll das Wahrzeichen von Dahlenwarsleben, der 70 Meter hohe Schornstein der nunmehr schon seit vier Kampagnen stillliegenden Zuckerfabrik fallen!“

Was folgte war eine Zentralisierung der Zuckerproduktion in den Kreisstädten Wolmirstedt und Haldensleben sowie in Klein Wanzleben. Das haben auch etliche Dörfer in der Magdeburger Börde zu spüren bekommen. Denn auch hier wurden die Zuckerfabriken geschlossen. Der Niedergang der Fabrik Dahlenwarslebens bedeutete zugleich den Niedergang des Dorfes als Industrie-standort auf dem Lande.

Das Ende leiteten dann die Brandenburger Pioniere der 2. Kompanie ein. 15 Sprengstoffladungen sollen notwendig gewesen sein, um den Koloss aus rotem Ziegel zu Fall zu bringen. Die Einwohner sollen übrigens die riesige Esse hier das erste Mal rauchen gesehen haben. Der Schornstein war nie in Betrieb genommen worden. Somit war die Dahlenwarsleber Zuckerfabrik Geschichte.