Hillersleben l Es ist immer ein eigenartiger Anblick, wenn ein Stück Geschichte per Abriss verschwindet. Bagger arbeiten sich unbarmherzig vor, Lastwagen transportieren tonnenweise Schutt ab. Und am Ende bleibt nichts mehr übrig. Dann sind die letzten verbliebenen Kasernen in Hillersleben verschwunden und nur noch wenig deutet auf die wechselvolle Historie des Ortes hin. Nachdem im Jahre 2013 bereits ein großer Teil der Gebäude dem Erdboden gleichgemacht wurde, geht es seit einigen Tagen den verbliebenen an den Kragen.

Kein Hinweis mehr darauf, dass genau an dieser Stelle in den 1930-er Jahren mit der Heeresversuchsanstalt einer der größten militärischen Komplexe in Mitteleuropa entstand. Dass an diesem eigentlich so beschaulichen Fleckchen zwischen Wolmirstedt und Haldensleben Waffen mit unvorstellbarer Zerstörungskraft getestet worden. Dass die amerikanischen Streitkräfte das Gelände nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gleich weiter nutzten, aber nach zwei Monaten von der Roten Armee abgelöst wurden. Dass teilweise bis zu 30.000 Angehörige der sowjetischen Streitkräfte in der Heide stationiert waren und dem Ort den Spitznamen Klein-Moskau verpassten.

Luftschloss statt Wohnpark

„Nachdem die Russen 1994 abgezogen waren, sind die Gebäude einfach verfallen“, berichtet Klaus-Peter Keweloh. Der 63-Jährige ist der Hillersleber Ortschronist und damit das lebende Gedächtnis des Dorfes. Obwohl eigentlich streng verboten, schlich er sich schon als Fünfjähriger auf das Gelände. Später beobachtete er den florierenden Schwarzmarkt. Waren sämtlicher Art tauschte die einheimische Bevölkerung mit den Soldaten. Doch auch persönliche Bande wurden geknüpft. Keweloh pflegt immer noch den Austausch mit russischen Freunden, weilte erst im Frühjahr in Moskau. Immer wieder stellt er fest, dass Hillersleben bei seinen russischen Freunden keineswegs in Vergessenheit geraten ist. Nicht selten zieht es ehemalige Soldaten in die alte Garnison zurück. „Beim Anblick der verfallenen Kasernen kamen manch einem die Tränen“, berichtet der Hobby-Historiker.

Dass die Nostalgiker unter den Rotarmisten keinen Erinnerungsort mehr vorfinden werden, liegt in erster Linie daran, dass nach der Wende niemand die Nachnutzungspläne umsetzte. Eigentlich sollte aus dem Areal ein Wohnpark werden. Mit 600 Wohneinheiten, Supermarkt und Arztpraxis. Der ein oder andere hatte sogar schon seine zukünftige Bleibe im Blick. Wäre alles nach Plan gelaufen, hätten 1997 die ersten Mieter einziehen können. Das Vorhaben indes blieb ein Luftschloss. Nicht ein Haus wurde jemals saniert.

Solarpark wird erweitert

Weil sich danach kein Investor mehr für die heruntergekommenen Blöcke interessierte, fiel die Entscheidung für den Abriss. 2013 rollten die Bagger an, um den ersten Teil der Anlage platt zu machen. Dort stehen mittlerweile tausende Solarmodule.

Im August 2016 stimmte der Verbandsgemeinderat Elbe-Heide schließlich dafür, den verbliebenen Kasernen den Garaus zu machen. Der Solarpark wird erweitert, im kommenden Jahr beginnen die Arbeiten. Mehrere Gigawatt Solarstrom werden die neuen Module pro Jahr erzeugen. So ganz wird die Vergangenheit dabei aber nicht getilgt. Der jüdische Friedhof, auf dem Häftlinge eines KZ-Zuges, der kurz vor Kriegsende in Farsleben gestoppt worden war, beigesetzt sind, bleibt natürlich erhalten. Und erinnert damit auch in Zukunft an die wechselvolle Geschichte des Ortes.