Wolmirstedt l Lisa Rademacher streicht über alte Zeitungsartikel. Darin wird von ihrem Vater berichtet, der Wolmirstedt eine große Katastrophe erspart hat. Beinahe wäre am 11. April 1945 im Bahnhof ein Zug mit 150 V1-Raketen an Bord gesprengt worden. Das verhinderte Otto Hallmann, der Lokführer.

Lisa Rademacher ist inzwischen 87 Jahre alt und erinnert sich, dass ihr Vater an jenem Abend plötzlich noch einmal weg musste. Sie war damals zwölf, ihre Schwester Christa zehn Jahre alt, außerdem gab es noch Jürgen, den Bruder. Die drei blieben in der Wohnung in der Farsleber Straße zurück, die Mutter war bereits 1938 gestorben. Was der Vater in dieser Nacht leistete, erfuhren die Kinder in der gesamten Tragweite erst später, durch Zeitungsartikel. „Mein Vater hat uns nur erzählt, dass er große Angst hatte, uns Kinder allein zu lassen.“ Dieser Gedanke lag nahe.

Zum Dienst geholt

Otto Hallmann war am Abend des 11. April 1945 nach 14-stündiger Fahrt todmüde nach Hause zurückgekehrt, eine Stunde später wurde er wieder zum Dienst geholt. Am Bahnhof stand ein Zug mit über 50 Wagen, beladen mit V1-Raketen. Ein Sprengkommando samt SS-Offizier hatte den Befehl, diesen Zug entweder bis 24 Uhr über die Elbe zu bringen oder an Ort und Stelle zu sprengen. Die Waffen sollten dem Feind auf keinen Fall in die Hände fallen. Das Problem: Die Lok war kaputt. In einem Zeitungsartikel berichtete Otto Hallmann: „Fieberhaft überlegte ich: Anheizen dauert fünf Stunden, jetzt ist es gleich 17 Uhr. In mir tobten Gedanken. Sollte man hier tatenlos zusehen, wie ein Teil der Stadt Wolmirstedt zerstört würde?“

Otto Hallmann nahm ein Fahrrad, raste an den Gleisen entlang, nach Rothensee, zum dortigen Lokleiter. Auch dort gab es keine Maschine, die unter Dampf stand, aber einen Zug, der nach Stendal abfahren sollte. Der Lokleiter ordnete an, dieser Zug solle in Wolmirstedt halten, die Waggons stehen lassen und den Wehrmachtszug mit den Raketen über Rothensee nach Biederitz bringen.

Otto Hallmann übernahm die Führung der Lok, kam eine Stunde später in Wolmirstedt an. Das Sprengkommando hatte sich bereits auf dem Zug verteilt. Er koppelte die Lok um: „Mit Volldampf ging es aus dem Bahnhof und ich war in diesen Minuten ein wenig stolz.“ Otto Hallmann ist 1976 gestorben.