Zimmerleute köpfen den Kirchturm zur Heilung

Die Kirchturmspitze der Schnarsleber Stephanuskirche liegt am Boden. Gestern hievte ein Kran sie behutsam herab. Für die Zimmerleute war es auf dem Turm zu gefährlich geworden.

Niederndodeleben l "Man weiß nie, was passiert. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon", gesteht Christoph Guderian vor dem Gang in die Höhe. Oben wartet sein Zimmererkollege André Bäsig. Vorarbeiter Stephan Oppermann blickt auf die Kirchturmspitze und erklärt: "So etwas machen wir nicht das erste Mal, aber es ist schon was Besonderes." Die Wetterfahne hat Guderian schon in den Kranlift geholt. Jetzt geht\'s ans Eingemachte. Der Kran fährt seinen Teleskoparm aus und hebt die Ketten. An den Ketten-Enden tanzen flexible Seile in die Höhe. Die drei Zimmerleute warten inzwischen oben.

"So etwas machen wir nicht das erste Mal, aber es ist schon was Besonderes."

Vorarbeiter Stephan Oppermann

Dort liegt das Gebälk der Kirchturmspitze frei auf den mächtigen Wänden. Die hölzernen Verbindungszapfen der Dachbalken haben Oppermanns Zimmerleute vorher abgesägt oder ausgebohrt. Christoph Guderian schaut aus dem Turmhäuschen in den blauen Morgenhimmel. Kalter Wind bläst ins Gesicht. Aus der Luke greift er nach den Seil-Enden, die weiter nach unten gleiten. Seine Kollegen verbinden die Trageseile mit Balken. Das Trio tanzt entlang des abgetrennten Dachstuhls, schaut, kontrolliert. Sind wirklich alle Verbindungen zwischen Dachstuhl und Turm gelöst? Millimeter für Millimeter bewegt der Kran das Seil in die Höhe, stoppt, ruckt zart an, zieht. Ein Schrei. Er schwebt. Langsam fährt der Kran nach oben, dann in Richtung Westen, dorthin, wo unten die neuen Tragbalken auf das Kirchturmdach warten. Es ist geschafft. Die Sonne blinzelt in den Turm, an ihm vorbei gleitet seine Haube in die Tiefe direkt auf das neue Traggebälk. Von unten staunen die Neugierigen. Ein freier Blick in ein Kirchturmdach ist selten zu erleben.

Auf dem Boden werden Zimmerleute in den nächsten drei Wochen das Turmdach reparieren und neu eindecken. Oben wäre es zu gefährlich geworden. "Die Balken sind so stark beschädigt, dass ein Austausch in der Höhe sehr schwierig geworden wäre. Wir hatten einfach keinen Halt, das war uns zu unsicher", erklärt Stephan Oppermann. "Am Boden geht das auch viel schneller, wir wollen bis Ende November fertig mit der Turmsanierung werden", ergänzt Pfarrer Peter Herrfurth.

Turmreparatur ist die letzte große Sanierungsetappe

Die Dachreparatur ist das letzte und schwierigste Tüpfelchen der Turmsanierung. Die Turmmauern waren in den vergangenen Wochen aufwändig saniert worden. Und das wurde auch höchste Zeit: Herunter gefallene Mauersteine hatten weithin sichtbare Löcher in der Turmwand hinterlassen. Tauben hatten ihre Nester in die Fugen und Löcher gebaut. Am Boden, hinter der massiven Stützschräge aus Sandstein, hatten sich Wasser und Dreck gesammelt. Feuchtigkeit bedrohte den Turm schon zu seinen Füßen.

Mauersanierung ist sogut wie abgeschlossen

Die Maurer haben die größten Fehlstellen neu vermauert und die Hohlräume mit Spezialmörtel verdichtet. Auch die Stützschräge des Turmes wurde trockengelegt und zu zwei Dritteln neu aufgemauert.

Parallel zur nun beginnenden Dachsanierung wird auch der Glockenstuhl erneuert. Der alte Glockenstuhl aus Stahl war einst fest im Mauerwerk verankert worden. Damit hatte das Mauerwerk jede Glockenschwingung abbekommen. Das soll bald Geschichte sein.

Mit der Turmsanierung wird die letzte große Etappe der Erhaltung von St. Stephanus abgeschlossen sein. Doch es gibt weiterhin noch Einiges zu tun.

So müsste laut Angaben von Peter Herrfurth die Innendecke erneuert und das Gesims saniert werden. Auch der Innen- und Außenputz des Kirchenschiffs steht auf der Wunschliste. Diese Bauarbeiten sollen in kleineren Etappen umgesetzt werden.

Bisher hat das EU-Fördepro- gramm "Leader" maßgeblich geholfen. Auch Lotto-Toto Sachen-Anhalt, die Kirchbaustiftung "KiBa" und die Dr.-Oetker-Stiftung haben neben Mitteln des Kirchenkreises, der Kirchengemeinde und des Kirchenfördervereins die Finanzierung ermöglicht. Die jetzige Turmsanierung kostet insgesamt 261000 Euro.