Zerbst l „Von März zu April ist der Milchpreis um einen weiteren Cent gefallen“, sagt Reinhard Ulrich. „Das macht die Aussicht für die Milchbauern natürlich noch trüber“, fügt der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Anhalt an. „Die Bauern produzieren jetzt schon deutlich unter ihren Entstehungskosten“, sagt er weiter. Zwar sehe das bei jedem Landwirt anders aus, der Preis von 23 Cent pro Kilogramm sei aber in jedem Fall für alle zu wenig.

Das Preistal sei mittlerweile langanhaltend. Ein Ende sei nicht in Sicht. „Für die Bauern geht es mittlerweile um die Existenz“, so der Vorsitzende.

Den Grund sieht er im Überangebot auf dem Weltmarkt. Das drücke die Preise. „Die Landwirte hoffen, dass sich das bald dreht.“ Direktvermarktung sei da nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt er. Das Problem sei europa- und weltweit. Der Verbraucher profitiere gegenwärtig von den niedrigen Preisen, doch erste Betriebe halten dem Wettbewerb nicht stand und stellen die Produktion ein. Ob das auch für Betriebe in Anhalt gelte, dazu wollte er sich nicht äußern.

Auch Handel ist schuld

Margitta Steinz, Geschäftsführerin der LPHG Walternienburg, sagt: „Es ist eigentlich sogar zum Sterben zu wenig.“ Mit Nachzucht stehen 260 Rinder in ihren Stallungen. Sie sieht auch eine andere Grundproblematik. „Der Lebensmittelhandel soll mit den Molkereien auf Augenhöhe verhandeln und nicht ständig versuchen, die Preise zu drücken.“ Sie habe gehört, dass die Gewinne der Händler auch bei Milchprodukten immer gestiegen seien. „Das kann ja nicht sein, dass die Landwirte die Verluste alleine tragen müssen. Ich finde, es würde dem Verbraucher sicher nicht wehtun, wenn er ein paar Cent mehr für seine Milch ausgeben muss. Uns würde das aber retten.“

Sie erzählt von Landwirtschaftslehrlingen, die in einer reinen Pflanzenproduktion gelernt haben und wegen ihrer Ausbildung ein Praktikum auf ihrem Milchviehhof absolvieren mussten. „Diese haben sich gewundert, wie viel Arbeit in der Milch steckt“, berichtet sie. Das fange schließlich nicht erst im Stall an. Das gehe schon in der Pflanzenproduktion auf dem Acker los. Dort müsse Futter geerntet werden, um Silage herzustellen, und natürlich müssen jeden Tag die Tiere versorgt werden. Auch wenn mal Mitarbeiter fehlen, „die Arbeit muss jeden Tag in der gleichen Qualität erledigt werden.“ Dass das einfach nicht honoriert werde, „das finde ich ganz, ganz schlimm“, sagt die Geschäftsführerin des Zehn-Mann-Betriebes.

Die Situation verschärfe sich gegenwärtig dadurch noch, dass die Pflanzenproduktionspreise auch sehr niedrig seien. Damit falle die Quersubventionierung der Betriebe, also das Ausgleichen der Verluste bei der Milch mit den Einnahmen der Pflanzenproduktion, sehr schwer.

Im Situationsbericht des Bundesbauernverbandes 2014 habe gestanden, „dass die Preise nicht der Inflation angepasst worden sind. Wir haben die gleichen Preise wie 1950.“

Kees de Vries jr. leitet die Vrieswoud KG in Deetz. 25 Mitarbeiter betreuen dort 950 Rinder. Rund 70 Prozent des Unternehmens sei auf die Milchwirtschaft ausgerichtet, sagt er. „Die Situation ist sehr ernst. Momentan können wir nicht kostendeckend wirtschaften. Das heißt, das Unternehmen macht jeden Monat Verluste in Größenordnungen und verbraucht seine Reserven.“ Der Ausweg könne nur ein besserer Milchpreis sein. Dass dieser komme, da sei er sich sicher. „Die Schwankungen haben wir immer. Die Frage ist, wie lange das Tal anhält.“ 2015 war schlecht, 2016 werde absehbar schlecht werden, 2017 muss dann ein besserer Preis kommen, sagt de Vries.

Der Milchpreis kann auf zwei verschiedene Arten besser werden, „entweder steigt die Nachfrage oder die Menge wird begrenzt. Das merkt man schon jetzt daran, dass einige Landwirte mit anderen Standbeinen überlegen, die Milchproduktion ganz aufzugeben.“

Motivation schöpfe er daraus, „dass die Kühe gut produzieren, der Zusammenhalt im Betrieb gut ist und wir gemeinsam sehen, dass wir da jetzt durchkommen.“