Zerbst/Texas l „Anhalt geradeaus“ deutet ein Schild mit Pfeil hin. Nichts ungewöhnliches, könnte man nun denken. Schließlich befinden wir uns im Gebiet Anhalt. Aber was ist, wenn das Schild nicht hier, sondern mitten in Texas steht?

Besondere Entdeckung

Das dachte sich auch Bärbel Kattler. Die Zerbsterin stolperte nämlich mitten in den Weiten des amerikanischen Bundesstaates über genau jenes Schild.

Die Rentnerin reist seit nunmehr elf Jahren jedes Jahr nach Amerika, um ihre dort lebende Tochter zu besuchen. Mehrere Monate verbringt sie dann in Texas. Und damit die Zeit nicht lang wird, ist sie auch viel unterwegs. Auf einem ihrer Ausflüge entdeckte sie dann das Schild. „Da war meine Neugier geweckt,“ sagt sie noch immer mit Glitzern in den Augen.

Bilder

Mit Revolver im Haft

Einige Male in den vergangenen Jahren versuchte sie dann herauszufinden, was es damit auf sich hat. Schnell wusste sie, dass das Schild den Weg zur sogenannten „Anhalt-Halle“ zeigte. Doch was war diese Halle und warum heißt sie Anhalt-Halle? „Mehrere Male habe ich versucht Kontakt aufzubauen und erst jetzt ist es mir gelungen“, erzählt sie von ihrer letzten Reise.

Constable James meldete sich am Telefon, freundlich aber bestimmt. „Ich zeige euch gern die Halle. Ruft an, wenn ihr Zeit habt“, sagte er am Telefon auf Englisch. Und genau so wurde es gemacht. Der Constable, mit Uniform und Waffe im Halfter, eben ein richtiger Texaner, begrüßte die Deutsche dann wenige Tage später in der Anhalt-Halle.

Ein Gebäude aus Holz gebaut, außen in Mausgrau verkleidet, mit einem großen Schild am Giebel des kleinen Anbaus, auf dem prankt „1908 Anhalt Texas“. Innen viel Holz, ein beeindruckender offener Dachstuhl, Lichterketten, eingerichtet mit vielen Tischen und Bänken.

Für die Siedlungsgeschichte, vor allem von deutschen Siedlern, interessiert sich Bärbel Kattler schon lange. „Vor allem ab 1850 bis um 1900 kamen viele deutsche Siedler in diese Gegend. Eine deutsche Familie namens Krause waren hier die ersten Siedler. Sie betreuten eine Poststelle zwischen New Braunfels und Frederiksburg“, weiß Kattler. Hinweise, dass es Zerbster oder Anhalter waren, gibt es aber nicht.

Viele Ortsnamen in der Gegend kommen aus Hessen oder vom Rhein. Doch von anhaltischen Hinweise weiß die Zerbster Rentnerin bisher nichts. „Die Siedler kamen hierher und konnten sich einfach Land einzäunen und es bewirtschaften“, erzählt sie aus der amerikanischen Siedlungsgeschichte. Um ihr Vieh zu schützen, schlossen sich dann einige Farmer zusammen, gaben dem Vieh Brandzeichen. „Aus diesen Zusammenschlüssen wurden dann Farmer-Vereine gegründet“, sagt sie und zeigt ein Foto, dass ein Schild an der Wand der Anhalt-Halle zeigt mit der Aufschrift „Germania Farmer Verein“. Auch die Halle wurde wohl einst von solch einem Verein errichtet. „Sich gegenseitig zu helfen und auch um gewisse Dinge in der Arbeit zu regeln, war das Anliegen dieser Vereine“, sagt sie. Beispielsweise wurde sich auch um Witwen der Farmer gekümmert. 500 US-Dollar bekommen diese – bis heute, wie Constable James verrät. Teile der Tradition würden bis heute gepflegt.

Man besinnt sich der Geschichte

Auch Bücher, in denen die Siedler damals vieles notierten, vermerkten, regelten, gibt es. Allerdings wurden diese zwischenzeitlich ins Englische übersetzt. „Wegen der Besinnung auf die Geschichte will man sie nun wieder ins Deutsche übersetzen beziehungsweise deutsche Schriften zumindest wieder verstehen“, sagt Bärbel Kattler.

Warum die Halle nun Anhalt-Halle heißt, konnte Constable James nicht eindeutig beantworten. Derzeit wird sie als Versammlungsort und für Feierlichkeiten genutzt. Musikveranstaltungen stehen auf dem Programm genauso wie ein Oktoberfest, schließlich gibt es an der Halle einen stilechten Biergarten unter Steineichen.

„Ich sehe zwei Möglichkeiten für den Namensursprung“, sagt Kattler. „Entweder es kommt wirklich vom Land Anhalt oder aber von Anhalten, auf Grund der Poststelle.“

Was es wirklich ist, will Bärbel Kattler bei ihrem nächsten Besuch in Texas noch einmal erforschen. „Ich will ins Museum nach New Braunfels und dort auch ein wenig auf Ahnenforschung gehen.“

Nicht der letzte Besuch

In jedem Fall wird es wohl nicht ihr letzter Besuch in der Anhalt-Halle gewesen sein. Ein Vereinsmitglied des Farmer-Vereins zu treffen wäre noch ein Wunsch. Nach dem Constable James hoch erfreut war, dass Deutsche sich für die Halle interessieren, sollte die nächste Kontaktaufnahme wohl kein Problem sein.