Archäologische Grabung begleitet Sanierung

Am Zerbster Frauenkloster zeugen freigelegte Skelette von früherem Friedhof

Zerbst ist ein historisches Pflasters. Tiefbauarbeiten werden deshalb stets archäologisch begleitet. Derzeit finden Grabungen im Schatten der Kirche des einstigen Zerbster Frauenklosters statt. Mehrere Bestattungen kamen bereits zum Vorschein.

Von Daniela Apel
Vorsichtig legt Grabungsarbeiter Stefan Falkenberg das Skelett eines Menschen frei, der vor einigen Hundert Jahren am damaligen Zerbster Frauenkloster beigesetzt wurde.
Vorsichtig legt Grabungsarbeiter Stefan Falkenberg das Skelett eines Menschen frei, der vor einigen Hundert Jahren am damaligen Zerbster Frauenkloster beigesetzt wurde. Foto: Daniel Apel

Zerbst - Vorsichtig legt Stefan Falkenberg menschliche Knochen frei. In knapp zwei Metern Tiefe ruhen die bräunlich verfärbten Skelettreste. Die Unterarme sind über der Hüfte aufeinandergelegt. Die Beine zeigen nach Osten. „So schaut der Bestattete der aufgehenden Sonne entgegen“, sagt Frank Besener. Er leitet die Grabung hier im Schatten der mittelalterlichen Klosterkirche.

Während nur wenige Meter weiter die Regenentwässerung verlegt wird, erfolgen zeitgleich die archäologischen Untersuchungen. „Die Arbeiten laufen parallel weiter“, betont Dr. Dietlind Paddenberg. Die zuständige Gebietsreferentin vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie ist an diesem Vormittag nach Zerbst gekommen, um sich einen persönlichen Eindruck von den aktuellen Ergebnissen zu verschaffen.

Bestattungen auf drei Ebenen nachweisbar

Mit Funden war auf dem historischen Areal zu rechnen. Dennoch ist sie überrascht von dem, was inzwischen ans Tageslicht geholt wurde. Mehrere Erdbestattungen konnte Frank Besener mit Unterstützung von Grabungsarbeiter Stefan Falkenberg bereits bergen. Zwölf bis 14 sind es nach jetziger Schätzung. Einige von ihnen befinden sich noch in Originallage, „in situ“, heißt das in der Fachsprache.

Andere sind gestört und das mitunter schon allein dadurch, weil das Gelände über Jahrhunderte hinweg als Friedhof genutzt wurde. Manche wurden verlagert. Auch in Verfüllungen von Gräbern entdeckten sie Knochenreste. In „mindestens drei Lagen“, so Frank Besener, sind die Skelette in dem vergleichsweise schmalen Schnitt angeordnet.

Beisetzungen ab dem 14. Jahrhundert

Der Graben für die Regenentwässerung erstreckt sich entlang des so genannten Klausurflügels, der derzeit umfassend saniert und zum künftigen Sitz des städtischen Bau- und Liegenschaftsamtes umgebaut wird. Erst 1728 entstand dieser Gebäudeteil. Fürst Johann August (1677 bis 1742) ließ ihn damals als Zucht-, Waisen- und Armenhaus errichten. Das Nonnenkloster existierte da in Folge der Reformation schon längst nicht mehr.

Seinen Ursprung hatte es im Ankuhn. Am Ende des 13. Jahrhunderts wurde es jedoch nach Zerbst hinein verlegt, wovon ein Dokument von 1298 zeugt. Wie das Kloster genau aussah, ist offen. Fakt ist, dass im Bereich der Kirche ein Friedhof angelegt wurde - so wie es im Mittelalter üblich war. Der Platz allerdings war begrenzt, wie die jetzigen Grabungen dokumentieren.

Christen verzichteten auf Grabbeigaben

Mit Beginn der Neuzeit wurden neue Begräbnisstätten außerhalb der Stadt angelegt. So entstand 1582 der Heidetorfriedhof, 1595 fand die Einweihung des Frauentorfriedhofs statt. Für Dietlind Paddenberg grenzt das den Zeitraum ein, in dem das Gelände rund um die Klosterkirche für Beerdigungen genutzt wurde.

Diese christlichen Beisetzungen zeichnen sich durch ihre Schlichtheit aus. Auf Grabbeigaben wurde verzichtet. So weckt denn auch etwas grün Schimmerndes, das Stefan Falkenberg oberhalb der Beckenknochen ganz allmählich von Erde befreit, die Neugier der Anwesenden. Handelt es sich womöglich um eine Gürtelschnalle? Die Frage bleibt vorerst unbeantwortet.

Sargnägel sind erhalten, Holz verrottet

Bei den übrigen bislang gefundenen Metallstücken handelt es sich um geschmiedete Sargnägel. Von den Holzsärgen selbst hat sich im Boden nur ein humoser Rest erhalten. Für Laien kaum erkennbar zeichnen sich die rechteckigen Verfärbungen für die Fachleute deutlich ab. „Aber nicht alle wurden in Särgen bestattet“, sagt Frank Besener. Vielleicht lässt die spätere detaillierte Auswertung eine Aussage zu den unterschiedlichen Bestattungsarten zu.

Auffällig seien auch die vielen kindlichen Skelette, bemerkt er. Für ihn stellt die Grabung eine besondere Herausforderung dar, bei der der pietätvolle Umgang mit den menschlichen Überresten im Vordergrund steht. Entsprechend ehrfürchtig gehen Frank Besener und sein Kollege mit dieser Aufgabe um.

Weiteres Puzzleteil zur Stadtgeschichte

„Wie groß der Friedhof war, wissen wir nicht“, sagt er. Das Rätsel ist auch nicht mit der baubegleitenden archäologischen Untersuchung zu lösen, die nur ein Schlaglicht auf die Vergangenheit wirft. Dennoch ist es ein spannendes weiteres Puzzelteil zur Rekonstruktion der Zerbster Geschichte.