Zerbst l Der 1. August ist für viele junge Menschen der Stichtag für den Beginn einer Berufsausbildung. Wobei das Wort „viele“ wohl nicht mehr so ganz angebracht ist. Denn Fakt ist, dass zahlreiche Lehrstellen in Zerbst und im Kreis Anhalt-Bitterfeld unbesetzt sind. So teilt Marion Kopelke, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Dessau-Roßlau-Wittenberg, mit, dass von den 141 in Zerbst gemeldeten Ausbildungsstellen 83 noch unbesetzt sind. Auf Kreisebene sieht es ganz ähnlich aus: Von den 748 Ausbildungsstellen sind noch 360 frei.

Das spüren natürlich in erster Linie Handwerksbetriebe und Unternehmen. „Die aktuelle Lage ist katastrophal. Früher kamen auf eine Stelle zehn Bewerber und man konnte sich wen aussuchen. Heute ist man froh, wenn überhaupt ein geeigneter Azubi dabei ist“, sagt Matthias Meyer aus der Personalabteilung der KmB Technologie GmbH in Zerbst. So habe das Unternehmen auf die Ausbildungsstelle zum Mechatroniker nur drei Bewerbungen erhalten. „Zwei der Bewerber haben sich dann gar nicht mehr gemeldet. Letztlich haben wir also nur einen Mechatroniker-Azubi eingestellt“, so Meyer. Jedoch konnte KmB noch drei Zerspanungsmechaniker-Azubis und drei Industriekaufmann-Azubis für sich gewinnen.

Falsche Vorstellungen

In der Zerbster Autowerkstatt Bosch Car Service hat Geschäftsführer Peter Gast zum 1. August keinen neuen Auszubildenden gefunden. „Ich hätte schon einen neuen Kfz-Mechatroniker ausgebildet, aber es waren keine passenden Bewerbungen dabei. Die Bewerber haben zum Teil ganz falsche Vorstellungen vom Ablauf der Ausbildung“, sagt Gast. Zudem hat er den Eindruck, dass das Interesse der Jugendlichen an diesem Beruf schwinde.

Von seiner Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker ist Justin Meißner indes begeistert. Der 18-jährige Nedlitzer ist im zweiten Lehrjahr und beschreibt seine Arbeit in Peter Gasts Werkstatt als abwechslungsreich und interessant. „Für jemanden, der sich für Autos interessiert, gibt es nichts besseres“, sagt der Auszubildende.

Kaum Bewerber

In einer ganz anderen Branche – im Konditorhandwerk – hat sich die Situation ein wenig entspannt. „Uns kommen da die zahlreichen Back-Shows im Fernsehen zu Hilfe“, sagt Konditormeister Daniel Hoffmann, Inhaber der Zerbster Schlosskonditorei. Er hat in der Regel zwei Azubis angestellt. „Vor wenigen Tagen hat gerade ein Mädchen ihre Ausbildung begonnen“, freut sich der Konditormeister. Für Maike Krause ist es der Traumberuf. „Ich habe in der ‚Schloko‘ ein Praktikum absolviert und war danach noch einmal zum Probearbeiten hier“, erzählt die 16-Jährige. Schon nach dem Praktikum habe sie gewusst, dass sie Konditorin werden möchte.

Und sie hatte Glück. Die Chancen standen 50 zu 50, dass sie den Ausbildungsplatz bekommt, denn es gab lediglich einen Mitbewerber. „Auch wenn es letztlich nur zwei Bewerber auf den Ausbildungsplatz gab, so sind wenigstens Bewerbungen eingegangen. Bei den Bäckern sieht es da weit düsterer aus. Sie bekommen oft nicht eine einzige Bewerbung“, weiß Daniel Hoffmann aus Gesprächen mit den Bäckerkollegen.

Schlechte Noten

Das kann der Bäckermeister Marco Handrich wohl so unterschreiben. Er betreibt mit seiner Frau eine kleine Holzofenbäckerei in der Zerbster Innenstadt. Auf die Frage, ob auch er ab August einen neuen Azubi einstellt, fängt er an zu lachen. „Ich habe nicht eine einzige Bewerbung erhalten“, sagt Handrich. Dabei hätte er gern einen Azubi eingestellt, denn der aktuelle Lehrling werde jetzt fertig. „Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger“, so der Bäckermeister.

Bei der EMAG Zerbst Maschinenfabrik (früher Wema)hingegen konnten alle acht Lehrstellen (Zerspanungsmechaniker, Industriemechaniker, Elektriker) besetzt werden. Dennoch werde die Situation von Jahr zu Jahr schwieriger, sagt Ausbildungsleiter Holger Bustro. „Wir haben eine stark rückläufige Zahl an Bewerbungen. Waren es früher um die 100, so sind es jetzt 40 bis 50.“ Zudem hat Bustro den Eindruck, dass es mehr Bewerber mit schlechteren Notendurchschnitten gibt als noch vor ein paar Jahren. „Natürlich gibt es immer noch gute Bewerber mit sehr guten Zeugnissen, aber die sind rar geworden“, so der Ausbildungsleiter.

Weniger Schulabgänger

Als Hauptgrund für die sinkenden Bewerberzahlen macht Marion Kopelke den demografischen Wandel verantwortlich. „Die Anzahl der Bewerber für Berufsausbildungsstellen ist rückläufig. Waren es im Juli 2014 noch 2118 Bewerber, sind es im Juli 2019 nur noch 1473 Bewerber“, teilt Kopelke mit und bezieht sich dabei auf Daten aus dem gesamten Arbeitsagenturbezirk.

Um sich für künftige Azubis interessant zu machen, nutzen einige Unternehmen bereits verschiedene Kniffe. So gewähren sie den potenziellen Lehrlingen beispielsweise mit Praktika und Ferienjobs einen Blick hinter die Unternehmenstür, damit diese auch wissen, was sie erwartet. Oder sie locken mit Prämien für bestandene Zwischen- oder Abschlussprüfungen.