Zerbst/Cosa l Vor einigen Tagen haben insgesamt 297 CDU-Mitglieder in Cosa den Kandidaten für die Bundestagswahl im nächsten Jahr gewählt. Die meisten der Anwesenden haben wohl Kees de Vries (65) als aussichtsreichsten Kandidaten gesehen. Schließlich hatte der Deetzer schon zweimal das Direktmandat im Wahlkreis 71 geholt. Und dann war da noch Landrat Uwe Schulze (58). Auch er war nicht ganz chancenlos. Doch es kam anders.

Schon im ersten Wahlgang war Kees de Vries aus dem Rennen. Er hatte lediglich 82 Stimmen bekommen und landete damit hinter Uwe Schulze, der immerhin 101 Stimmen für sich verbuchen konnte. Und dann war da noch Kandidat Nummer drei, Frank Wyszkowski (33), Geschäftsführer des Acamed Resorts in Neugattersleben, der mit 113 Stimmen schon den ersten Wahlgang für sich entscheiden konnte. In der anschließenden Stichwahl zwischen Uwe Schulze und Frank Wyszkowski siegte Letzterer mit 153 zu 134 Stimmen.

„Gern hätte ich noch vier weitere Jahr mit meinen Erfahrungen und Kontakten in Berlin die Interessen der Bürgerinnen und Bürger des Wahlkreises Anhalt vertreten. Die Mitglieder der CDU im Wahlkreis Anhalt haben anders entschieden“, kommentierte Kees de Vries den Wahlausgang gegenüber der Volksstimme.

Kritik an Wahl

Er hätte sich gewünscht, dass im Rahmen der Nominierung über seine Leistung und Arbeit als Abgeordneter geurteilt worden wäre. Aber anscheinend sei Präsenz in den Medien wichtiger und das sei nun mal nicht sein Stil. Auch die oft geforderte klare Haltung sei nicht honoriert worden.

De Vries: „Leider hat sich wieder einmal bewahrheitet, diesmal zum Nachteil der CDU im Landkreis Anhalt-Bitterfeld: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Dafür bedanken muss man sich bei anderen. Ich gehe aber nicht in Gram, ich bin dankbar für das, was ich machen durfte und um mich muss sich keiner sorgen. Für mich - das habe ich immer gesagt - gilt, ich habe keine Existenzangst und keine Langeweile.“

Landrat nicht glücklich

Auch Landrat Uwe Schule ist nicht glücklich mit dem Ausgang der Wahl. „Ich bin angetreten, um zu gewinnen, natürlich bin ich enttäuscht“, sagte Schulze der Volksstimme. Am Ende käme es aber nicht darauf an, was man programmatisch in den Ring wirft oder wie bekannt man im Wahlkreis ist. „Entscheidend ist bei solchen Veranstaltungen, wie viele Mitglieder können sie von sich überzeugen oder bringen sie mit, die sie unterstützen und ihre Stimme abgeben“, betonte Schulze.

Landrat Schulze hatte im Vorfeld der Bundestagskandidatur bekanntgegeben, unabhängig vom Ausgang dieser Wahl, im kommenden Jahr nicht mehr zur Wahl des Landrates anzutreten. Bleibt es dabei? Schulze überlegt einen Moment: „Ich weiß gar nicht, warum man mich alle paar Wochen das Gleiche fragt. Ich habe gesagt, ich trete zur Landratswahl nicht mehr an und dabei bleibt es.“

Wie die Mitteldeutsche Zeitung (MZ) berichtet, seien nach der Wahl von Wyszkowski Stimmen laut geworden, wonach im Vorfeld nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Der Ortsverband Bernburg, zu dem Wahlsieger Wyszkowski gehört, soll nur wenige Tage vor der Wahl 33 neue Mitglieder aufgenommen haben. Ein Umstand, der dem Ergebnis einen seltsamen Beigeschmack gibt. Der 33-Jährige gewann die Stichwahl gegen Uwe Schulze überraschend - mit 153 zu 134 Stimmen.

Neue Mitglieder in Bernburg

Peter Rotter, stellvertretender Vorsitzende des CDU-Kreisverbandes Salzlandkreis, sieht daran nichts Verwerfliches. Rotter gegenüber der Volksstimme: „Das ist absolut legitim. Frank Wyszkowski hat die Mitglieder eben von sich überzeugen können. Ich finde es aber als Unterlegener aus Anhalt-Bitterfeld nicht fair, das zu bemängeln. Dieses Phänomen, dass vor einer Wahl viele neue Mitglieder gewonnen werden, gibt es vor jeder Wahl.“

Rotter findet viel mehr, dass die CDU im Landkreis Anhalt-Bitterfeld die Schuld bei sich selbst suchen sollte. Die Kollegen aus Anhalt-Bitterfeld müssten sich fragen, warum sie sich mit zwei Kandidaten haben aufspalten lassen.

„Offensichtlich müssen für den Bernburger im zweiten Wahlgang auch 40 bis 50 Stimmen aus Anhalt-Bitterfeld gekommen sein. Die Mitglieder haben also gegen den eigenen Kandidaten Uwe Schulze votiert und lieber für den jüngeren und unerfahrenen Wyszkowski gestimmt. Das ist selbst verschuldetes Elend“, stichelt Rotter.

Viele haben Stichwahl erwartet

„Leider musste sich Kees de Vries bereits im ersten Wahlgang geschlagen geben, was ich als Vorsitzender des Stadtverbandes Zerbst/Anhalt sehr bedauere“, sagte Marian Konratt nach der Wahl. Er selbst sei, wie nach Wahrnehmung vieler weiterer anwesender CDU-Mitglieder, von einer sehr wahrscheinlichen Stichwahl zwischen Kees de Vries und Uwe Schulze ausgegangen.

„Unser Landrat Uwe Schulze, der sich ebenfalls um die Nominierung als CDU-Kandidat im Wahlkreis 71-Anhalt beworben hatte, unterlag in der Stichwahl dem weit jüngeren Kandidaten aus Bernburg. Dies war ein Abend, der aufgezeigt hat, wie Demokratie innerhalb der Partei gelebt und praktiziert wird. Mein größter Respekt gebührt Kees de Vries für seine geleistete Arbeit im Deutschen Bundestag und für unsere Region“, so der Vorsitzende des Zerbster Stadtverbandes.

Er hoffe auf ein gutes Abschneiden des neu gewählten Kandidaten Frank Wyszkowski. „Ich baue darauf, dass er nach erfolgreicher Wahl das Abgeordneten-Bürgerbüro in Zerbst weiter betreibt – als Anlaufstelle für alle Bürger, als Kommunikationsstelle, als Treffpunkt zu allen politischen Themen“, betont Konratt.

Dass sich immerhin vier Kandidaten zur Wahl gestellt haben, hat Dietmar Krause, Mitglied des Landtages in Magdeburg, sehr überrascht, wie er der Volksstimme verraten hat. (Der vierte Kandidat Randolph Schwabe-Bolze, der urlaubsbedingt nicht anwesend war, erhielt keine Stimme.)

Bernburger geschlossen aufgetreten

„Dass Kees de Vries seinen Hut in den Ring werfen würde, war mir von vornherein klar. Die Kandidatur des Bernburgers Frank Wyszkowski war ebenfalls nicht so überraschend, da er aus einem anderen Landkreis kommt als wir. Auch kamen aus dem Salzlandkreis keine unterstützenden Worte für Kees, was bei der letzten Nominierung 2016 noch der Fall war. Das zeigte mir, dass die Bernburger geschlossen auftreten werden und ihre Wahl festgestanden hat“, erklärt Krause.

Außerdem habe der Salzlandkreis eine Woche vor der Nominierung kurzfristig noch über 30 neue Mitglieder aufgenommen. Landrat Uwe Schulze habe sich zu spät für eine Kandidatur entschieden, das sei aus Krauses Sicht ein taktischer Fehler gewesen, da man eine Kandidatur für dieses hohe Amt akribisch vorbereiten muss.

„Der Hammer kam dann auch prompt – Stichwahl zwischen Frank Wyszkowski und Uwe Schulze. Jetzt muss unser gemeinsamer Kandidat beweisen, dass er das ihm entgegengebrachte Vertrauen auch erfüllen kann“, so Krause. Die CDU im Wahlkreis 71 habe zwei erfahrene Politiker hintenan gestellt und wird einen jungen Kandidaten ins Rennen zur Bundestagswahl 2021 schicken – ein für mich überraschender Ausgang der Wahl, was eben nur in einer funktionierenden Demokratie möglich ist“, betont der Landtagsabgeordnete.

Gewinner hochmotiviert

Der Gewinner zeigt sich indes bescheiden, aber vor allem hoch motiviert. „Für mich gibt es keine Verlierer. Es war eine demokratische Abstimmung und ich habe mich vorher gut vorbereitet. Aber ich bringe den beiden anderen Kandidaten sehr viel Respekt entgegen, weil sie viel für die Region gemacht haben“, sagt Wyszkowski.

Zu der überraschenden Stimmenverteilung im zweiten Wahlgang will er sich jedoch nicht direkt äußern, nur so viel: „Ich habe eben ein anderes Angebot gemacht, habe versucht, mit konkreten Zielen zu punkten, war schon im Vorfeld viel unterwegs und habe die Menschen besucht.“

Der Wahlkampf soll demnächst starten. Doch was er zuallererst angehen will – die CDU im Wahlkreis einen. „Ich will die Reihen schnellstmöglich schließen. Auch die, die mich nicht gewählt haben, sollen Vertrauen in mich haben.“ Es sei ihm wichtig, dass es keine Spaltung zwischen den beiden Landkreisen gibt, die der Wahlkreis 71 vereint. Wyszkowski: „Ich will sowohl in meiner derzeitigen politischen Heimat Bernburg als auch in Staßfurt, Zerbst, Bitterfeld und Köthen präsent sein.“