Zerbst l Normalerweise herrscht zu dieser Zeit dichtes Gewusel in den Geschäften der Innenstädte – normalerweise. Doch in diesem Jahr ist nichts normal. Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr und dem verlorenen Ostergeschäft hoffen die Zerbster Einzelhändler so kurz vor dem Fest auf einigermaßen gute Umsätze. Doch die Tendenz sieht derzeit nicht gerade rosig aus.

Spielwaren-Fachgeschäft

„Die Menschen werden immer wieder aufgerufen Zuhause zu bleiben, auf unnötige Wege zu verzichten“, sagt Diana Gröbke, die mit ihrer Mutti Silvia Lier das Spielwarengeschäft „Fantasia“ in der Fritz-Brandt-Straße betreibt. Und dass viele Leute den Aufrufen folgen, sei auch in ihrem Laden zu spüren.

„So hat sich auch das Kaufverhalten der Menschen geändert. Sie gehen kaum noch in die Innenstädte. Gewinner in diesen Zeiten sind sicher die Online-Riesen. Von A wie Amazon bis Z wie Zalando, die Menschen bekommen im Internet alles, was sie wollen und brauchen – und das ganz bequem vom Sofa und ohne das Haus verlassen zu müssen“, sind sich Silvia Lier und Diana Gröbke einig.

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Es sei nicht so, dass sie gar nichts verkaufen. Aber mit vorangegangenen Jahren sei dieses Weihnachtsgeschäft nicht zu vergleichen. „Wir werden das Geschäft zum Jahresende schließen, nach 25 Jahren. Ab dieser Woche beginnen wir mit dem Räumungsverkauf“, sagt die Junior-Chefin so ganz nebenbei und blickt traurig zu ihrer Mutter. Dieses so schwierige Jahr mit dem verlorenen Oster- und Kindertaggeschäft sei aber nur ein Grund für die Geschäftsaufgabe.

Die Senior-Chefin wird in den wohlverdienten Ruhestand gehen. „Man wird nicht jünger. Die Familie und die Gesundheit gehen vor. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagt Silvia Lier nicht ohne Wehmut. Da wird die Frage nach den Verkaufsschlagern in diesem Jahr zum Fest eher zur Nebensache.

„Die Leute greifen wieder zu den eher klassischen Geschenken. Die absoluten Renner sind Familienspiele, also die beliebten Brettspiele, gefolgt von Puzzle-Spielen in allen Größen und Varianten“, schildert Diana Gröbke. Das sei sicher der momentanen Situation geschuldet. „Hier kann die ganze Familie gemeinsam Zeit verbringen und Spaß haben“, so die Junior-Chefin.

Die beiden Frauen hoffen auf gute Geschäfte in der noch verbleibenden Zeit. „Es ist ja nicht nur das Internet, auch die Supermärkte verkaufen längst nicht mehr nur Butter, Wust und Käse. Von Handy-Verträgen, über Elektrogeräte bis hin zu Bekleidung und eben auch Spielwaren, ist in den Discountern inzwischen alles zu haben. Und Supermärkte haben wir ja nun reichlich in der Stadt“, so die beiden Frauen.

Boutique „Mode am Markt“

Das würden auch Anja und Angela Lier so unterschreiben. Die beiden – ebenfalls Mutter und Tochter – betreiben seit vielen Jahren die Boutique „Mode am Markt“. „Jeder verkauft heute alles. Da braucht es eben fast keine Fachgeschäfte mehr, mal ganz abgesehen von den vielen großen und schon erwähnten Online-Händlern“, sagt Junior-Chefin Anja.

Und auch ihnen macht die Corona-Pandemie zu schaffen. „Auch wenn wir bei diesem Lockdown nicht schließen mussten, dennoch merkt man sofort, wenn eine neue Verordnung beschlossen wurde. Gleich sind weniger Menschen in der Stadt unterwegs“, erklärt die Junior-Chefin. Ein weiterer Punkt seien die lahmgelegte Kultur und die Einschränkungen bei privaten Feiern.

„Keine Konzerte, kein Theater, keine Bälle, keine großen Betriebs-, Weihnachts- und Familienfeiern – da brauchen die Leute eben auch weniger bis gar keine neuen Sachen. Da greift eins ins andere“, erklärt Angela Giese. Doch ihr kleines Geschäft könne auf zahlreiche Stammkunden zählen, die den stationären dem Online-Handel vorziehen.

„Viele unserer Stammkunden empfinden das Einkaufen in den Geschäften der Innenstädte noch als Erlebnis. Die Ware anfassen, anprobieren, sehen, wie es sitzt, ob es ihnen auch steht und nicht zuletzt die Beratung und die persönlichen Gespräche sind es, warum die Kunden lieber ins Geschäft gehen, als am Computer oder Smartphone zu shoppen. Man kennt sich und man unterhält sich“, weiß Anja Giese.

Und übrigens: die als Geschenke einst so beliebten Krawatten und Socken hätten ausgedient – zumindest was Weihnachten betrifft. „Krawatten, Wäsche und Socken finden ihren Platz vorrangig im Nikolaus Stiefel. Unter dem Christbaum liegen dann eher Hemden, Blusen oder Pullover“, so der Tipp der beiden Frauen.

Juwelier „Klitsch“

Auch Thomas Gäbe vom Traditionsgeschäft „Juwelier Klitsch“ auf der Zerbster Breite sieht den stationären Handel in den Innenstädten im Nachteil gegenüber dem Online-Handel. „Die Kunden shoppen mehr und mehr bequem vom Sofa aus. Die Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt und beschleunigt“, macht er deutlich. Dies sei sicher den ständigen Aufrufen Zuhause zu bleiben geschuldet.

„Die Menschen werden aber immer bequemer. Zum Einkaufen muss man heute nicht mehr das Haus verlassen“, sagt Gäbe. Alles, was das Herz begehrt, bekomme man im Netz, sogar Lebensmittel. „Die Innenstädte werden sich verändern“, macht Gäbe deutlich. Wie und in welcher Form wisse er auch nicht. „Letztlich liegt es an jedem Kunden selbst, ob er die Händler in seiner Stadt stärkt, oder lieber zur Computermaus greift“, betont Gäbe.

Was momentan auch fehle, sind die Möglichkeiten sich auszuruhen, in seinem Lieblings-Café einen Kaffee zu trinken und ein Stück Torte zu genießen. Alle gastronomischen Einrichtungen und Imbisse seien geschlossen oder mussten zumindest ihre Sitzgelegenheiten sperren oder entfernen. „Gerade für ältere Kunden ist dies wichtig. Sie sind ja diejenigen, die am ehesten noch in die Läden gehen, statt im Internet einzukaufen“, gibt Gäbe zu Bedenken.

Thomas Gäbe ist recht zufrieden mit dem angelaufenen Weihnachtsgeschäft. „Und wir führen ja auch noch Reparaturen und Batteriewechsel bei Uhren durch“, sagt Gäbe. Das helfe natürlich. Und auch er hat noch einige Tipps für das passende Geschenk. „Neben den beliebten Uhren ist momentan wieder der klassische Schmuck in Gold und Silber angesagt“, weiß Gäbe.

In einem sind sich alle fünf Geschäftsleute einig: Sie hoffen, dass sich die Situation bald wieder normalisiert.