Zerbst l Das mit bunten Buchstaben angebrachte sehnsüchtige „Wir vermissen Euch“ am Zaun des Zerbster „Knirpsentreffs“ ist einem erwartungsvollen „Wir freuen uns auf Euch“ gewichen. Seit 18. März waren die Kitas aufgrund der Corona-Pandemie in Sachsen-Anhalt geschlossen. Einzig eine zuletzt nach und nach ausgeweitete Notbetreuung fand statt. Nach Pfingsten dürfen nur endlich wieder alle Kinder die einzelnen Einrichtungen besuchen.

Die angekündigte Öffnung sorgt für Vorfreude und Erleichterung, bringt aber auch einige Herausforderungen mit sich. Denn vom vertrauten Alltag ist der eingeschränkte Regelbetrieb, der am 2. Juni aufgenommen wird, noch entfernt. Hygienemaßnahmen sind zu ergreifen und Abstandsregeln einzuhalten, um das Infektionsrisiko zu verringern.

Eltern sind verunsichert

Viele Eltern verunsichert das, weiß Jana Bölling. „Das Telefon steht nicht still“, erzählt die Leiterin der „Zerbster Strolche“. Zuletzt waren es in der Volkssolidaritäts-Kita im Schnitt 70 Mädchen und Jungen, die die Notbetreuung in Anspruch genommen haben. In der nächsten Woche wird sich die Zahl deutlich erhöhen. Immerhin 240 Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze sind hier am Breitestein derzeit belegt.

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Der Nachwuchs verteilt sich auf mehrere Gruppen, die sich allerdings weiterhin nicht vermischen dürfen. Bei den „Strolchen“ lässt sich dies aufgrund des geräumigen Hauses und des weitläufigen Außengeländes gut umsetzen. „Die Kinder gehen auch nur zu Zweit oder Dritt in den Waschraum“, sagt Jana Bölling. Das sonst übliche gemeinsame Zähneputzen fällt wie in anderen Einrichtungen momentan aus. Ansonsten ist wie überall regelmäßiges Händewaschen angesagt, auch das stetige Reinigen und Desinfizieren im gesamten Gebäude ist längst wie in jeder Kita zum Ritual geworden.

Nur eine Person bringt und holt Kind

Neu ist, dass Eltern fortan jeden Tag bescheinigen müssen, dass ihr Kind keinerlei Krankheitssymptome aufweist und gesund ist. „Es sollte auch nur jeweils eine Person das Kind bringen und abholen“, sagt Jana Bölling. Dabei muss die Corona-bedingte Distanz gewahrt werden.

Um den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,50 Metern einzuhalten, dürfen sich beispielsweise im Flur des Freien Kindergartens nur maximal zwei Elternteile gleichzeitig mit ihrem Nachwuchs aufhalten. Um Begegnungen zu vermeiden, müssen die Erwachsenen die am Zerbster Waldfrieden gelegene Villa nun durch den Keller verlassen, während sie wie gewohnt durch die Haupttür hereinkommen.

Eltern müssen Mundschutz tragen

„Die Mütter und Väter sollen einen Mundschutz tragen“, erklärt Silke Alarich, dass sie diesbezüglich die Empfehlung des Landes aufgreifen. Eine solche Verabredung könnte jede Einrichtung individuell mit den Eltern treffen, wie es aus dem Sozialministerium heißt. „Das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes kann insbesondere dann sinnvoll sein, wenn die Bereiche der Übernahme und Abholung sehr eng sind“, erläutert Ministeriumsmitarbeiter Martin Bollmann.

Für viele Eltern des Freien Kindergartens sei dies selbstverständlich, hat Silke Alarich festgestellt. Bislang nutzten 14 der Zwei- bis Sechsjährigen die Notbetreuung der familiären Einrichtung – ab Dienstag erwarten die Erzieher nun wieder alle ihrer insgesamt 27 Schützlinge. Eine Aufteilung der Mädchen und Jungen in Gruppen ist entsprechend dem praktizierten offenen Konzept nicht vorgesehen.

Erzieher müssen mehr arbeiten

Da offene und teiloffene Konzepte momentan jedoch grundsätzlich nicht zulässig sind, läuft ein Antrag beim Jugendamt, um unter Auflagen eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten, wie Silke Alarich schildert.

Ansonsten seien sie sowieso schon wie angeraten viel mit dem Nachwuchs an der frischen Luft. „Und wer es einrichten kann, holt sein Kind schon nach dem Mittagessen ab“, weiß Silke Alarich. Denn alle Eltern sind in Anbetracht der mitunter engen Personalsituation in den Kitas aufgefordert, nur die Betreuungszeiten zu nutzen, die sie unbedingt benötigen. Darum bittet Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD). Zumal jetzt die Urlaubszeit beginne, gibt Jana Bölling zu bedenken. „Unsere Erzieher müssen alle mehr Stunden leisten“, spricht sie für ihre Kita in Zerbst-Nord. An Krankheitsausfälle mag sie gar nicht denken.

Hygienestandards sind Problem

Der eingeschränkte Regelbetrieb stellt für jede einzelne Kita eine enorme Herausforderung dar. Besonders schwierig sei es, mit dem vorhandenen Personal alle geforderten Hygienestandards und pädagogischen Maßnahmen umzusetzen, sagt Silke Bauer. Wie die Leiterin der Kita „Benjamin Blümchen“ schildert, wird der Dienstplan jede Woche an die aktuelle Situation angepasst, daran, wie viele Kinder zu welchen Zeiten zu betreuen sind. „Wir versuchen alles zu optimieren, um genügend Erzieher im Einsatz zu haben“, sagt Silke Bauer. Sie erzählt vom erarbeiteten Konzept, bei dem sich auch das Elternkuratorium sehr verantwortungsbewusst eingebracht habe.

Auf alle Fälle sei es eine Erleichterung, „dass wir nicht mehr entscheiden müssen, wer darf kommen und wer nicht“, merkt Silke Bauer an. Zwar wurde der Personenkreis, der Anspruch auf einen Notbetreuungsplatz hatte, zuletzt deutlich ausgeweitet. Die bislang geltenden Corona-Regeln begrenzten jedoch die Anzahl der verfügbaren Plätze. Nun dürfen wieder alle Eltern ohne Einschränkung ihre Kinder bringen. Kümmerten sich die Erzieher bei „Benjamin Blümchen“ bislang um 50 bis 60 Mädchen und Jungen, könnten es ab kommender Woche wieder bis zu 145 sein, die die Einrichtung des Albert-Schweitzer-Familienwerkes besuchen.

Wieder mehr Ausflüge ins Freien

„Es wird für alle spannend“, ist sich Silke Alarich vom Freien Kindergarten sicher. „Wir müssen schauen, wie es läuft“, bestätigt Doreen Franke, stellvertretende Leiterin der städtischen Kita „Zum Knirpsentreff“. Hier in der integrativen Einrichtung, in der aktuell 75 Plätze belegt sind, nutzte ein gutes Drittel die Notbetreuung. Dass sich die gebildeten Gruppen da nicht auf dem Außengelände begegneten, war gut zu lösen – nun muss umgeplant werden. „Es können immer nur drei Gruppen gleichzeitig draußen sein“, sagt Doreen Franke. Damit sich die anderen beiden derweil nicht nur drinnen aufhalten müssen, sollen Ausflüge zu Spielplätzen in der Umgebung und in den Waldfrieden unternommen werden.

Besonders bedauert das Kita-Team, dass vorläufig alle Veranstaltungen gestrichen sind. So wird es das beliebte Kinderfest in der gewohnten Form nicht geben. Es krönt stets das Jahresprojekt, dessen Durchführung die Corona-Pandemie dieses Jahr durchkreuzte. Dennoch versuchen Doreen Franke und ihre Kollegen wie alle Erzieher in den verschiedenen Einrichtungen der Stadt Zerbst, ihren Schützlingen den Kita-Alltag auch im eingeschränkten Regelbetrieb so erlebnis- und lehrreich wie möglich zu machen.