Zerbst l In der Zerbster Seniorenresidenz „Valenta“ haben sich insgesamt 21 Personen – 15 Bewohner und sechs Mitarbeiter – mit Covid-19 infiziert. Nach Angaben von Jens Erxleben, Inhaber der Seniorenresidenz, befand sich zu dem Zeitpunkt eine Bewohnerin in stationärer Behandlung. Nach dem Volksstimme-Bericht hat sich nun die Tochter dieser Bewohnerin gemeldet.

Am Telefon schildert sie, wie sie die Situation erlebt: „Ich bin persönlich betroffen. Meine 93-jährige Mutter und meine 72-jährige Schwester wohnen seit Eröffnung der Einrichtung in der Residenz ‚Valenta‘. Beide sind unter den 21 Infizierten“, sagt Birgit Matheja. Die Schwester liege im Krankenhaus auf der Intensivstation und bekomme fast rund um die Uhr Luft über eine Beatmungsmaske. Sollte sich ihr Zustand minimal verschlechtern, werde sie ins künstliche Koma gelegt und müsste beatmet werden.

Eine ernste Situation

„Sie ist Risikopatientin mit mehreren Vorerkrankungen, und die Situation ist mehr als ernst.“ Birgit Matheja macht sich große Sorgen. Die 93-jährige Mutter sei zusätzlich zu ihrer Infektion im Bad des Heimes gestürzt. „Der gerufene Notarzt hat meine Mutter untersucht, allerdings nichts gefunden, und ist dann wieder gefahren, obwohl meine Mutter starke Schmerzen im Becken hatte. In den folgenden zwei Tagen verschlechterte sich der Zustand meiner Mutter extrem“, schildert die Berlinerin weiter.

Die Mutter habe über fürchterliche Schmerzen im Bereich des Beckens geklagt, hinzu kamen Fieber, Erbrechen, kaum Aufnahme von Flüssigkeiten, Essen sowieso nicht, schildert die Zerbsterin, die jetzt in Berlin wohnt, den Zustand ihrer Mutter. Sie konnte seither das Bett nicht mehr verlassen und wurde daraufhin in die Notaufnahme des Zerbster Krankenhauses gebracht. Dort röntgte man das Becken. Anschließend habe man sie wieder ins Heim geschickt, statt sie zur Beobachtung in der Klinik zu behalten.

„Man hat meine Mutter nicht behandelt, weder wegen einer vermuteten Gehirnerschütterung noch wurden Infusionen verabreicht. Ich rede hier von einer fast blinden, schwer kranken, mit Corona infizierten, hilfsbedürftigen Frau. Von der Schwester der Notaufnahme habe ich keine Auskunft bekommen. Das dürfe sie nicht. Das Heim hat einen Brief mitbekommen, da könne ich nachfragen.“ Birgit Matheja ist entsetzt über so viel menschliche Kälte.

Tochter erhält keine Auskunft

Sie habe die Daten ihrer Mutter angeben können, hat eine Patientenverfügung. „Ich habe angegeben, dass ich die Tochter bin und in Berlin wohne – keine Chance. Noch nie habe ich mich so hilflos und abgefertigt gefühlt“, sagt sie traurig und verärgert zugleich. Wie müsse es da erst ihre schwer kranken, alten Mutter ergangen sein, von den körperlichen Strapazen mal ganz abgesehen?

„So etwas geht überhaupt nicht, und ich frage mich wirklich, was stimmt denn da nicht, was ist da los? Wir alle, aber gerade die Menschen in den betreuenden und Pflegeberufen, sind am Limit. Pflegepersonal, egal ob in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen, haben meine größte Hochachtung, aber solche Dinge wie hier in der Notaufnahme gehen gar nicht“, so Birgit Matheja.

Was sagt die Klinik dazu? Die Antwort fällt kurz und knapp aus und klingt wie ein Standard-Statement: „Wir bitten um Verständnis, das wir aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht und aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Aussagen zu unseren Patienten geben“, schreibt die Sprecherin der Zerbster Helios-Klinik Christiane Hildebrandt.

Viele Gespräche

Man nehme die Sorgen und Ängste der Patienten und Angehörigen in der aktuellen Situation sehr ernst und leiste in vielen Gesprächen Aufklärung. „In unserer Notaufnahme behandeln wir alle akuten Notfälle und weisen niemanden ab. Unser medizinisches Personal entscheidet nach eingehender und gründlicher Untersuchung über die weitere Behandlung eines jeden Patienten. Mit den aktuellen Maßnahmen stoßen wir damit größtenteils auf viel Verständnis, so die Klinksprecherin.

Birgit Matheja hilft das nicht weiter. Ihrer Mutter gehe es weiterhin sehr schlecht. „Ich weiß, dass die Pflegekräfte in den Einrichtungen viel zu viele Stunden arbeiten und zu viele kranke und alte Menschen versorgen müssen. Zwölf Stunden unter zum Teil extremen Bedingungen. Gerade jetzt, wo viele infiziert sind, Fieber haben, viel trinken müssten, keine Angehörigen da sein dürfen – das kann das wenig verbliebene Personal, auch bei gutem Willen nicht leisten“, ist sie überzeugt.

Hier könne doch nur noch das Allernötigste verrichtet werden. Es müsse dringend Hilfe für das Heim von außen kommen. „Ich habe Angst um meine Mutter und es tut mir unendlich weh, jetzt nichts für sie tun zu können. Es ist auch egal, ob sie 93, 70 oder 100 Jahre ist. Sie ist einfach meine Mutter und ein Mensch, der viel in ihrem Leben gearbeitet, geleistet und erlebt hat. Aber ich spreche auch für alle anderen alten Menschen dort“, so der Appell der besorgten Tochter.

Offenes Konzept

Zur Aussage des Inhabers der Einrichtung gegenüber der Volksstimme, dass sich die Bewohner im Haus frei bewegen können und das Heim auch verlassen dürfen, sagt Birgit Matheja: „Das ist grundsätzlich sehr schön. Auch wir haben dieses offene Konzept, wenn ich zu Besuch war, genutzt und genossen. Aber besondere Umstände in besonderen Zeiten fordern manchmal besondere Maßnahmen.“

In Anbetracht der seit Wochen steigenden Infektionszahlen, wäre es ratsam gewesen, bestimmte Normalitäten, wie beispielsweise gemeinsame Mahlzeiten im Speisesaal oder das Verlassen des Hauses, erst einmal auszusetzen, Konzept hin oder her. Sie wünsche und hoffe sehr, dass die Einrichtung externe Hilfe bekommt und der Inhaber diese auch in Anspruch nimmt. „Ich hoffe es für alle Kranken, alle anderen Bewohner und für das derzeitig wenig verbliebene Pflegepersonal, das am Limit arbeitet“, betont Birgit Matheja.