Stadtwald

Das Betreten des Zerbster Waldfriedens geschieht fortan auf eigene Gefahr

Der Waldbestand ist veraltet. Somit können Bäume abknicken oder Äste herabfallen.

Von Daniela Apel

Zerbst. „Wir haben schon erlebt, dass selbst an windstillen Tagen so eine Buche mal umkippt“, sagt Bürgermeister Andreas Dittmann und blickt nach oben. Weit über ihn hinaus ragen die Bäume des Zerbster Waldfriedens. In eine Höhe von 25 bis 30 Metern reicht das Geäst ihrer mächtigen Kronen, von denen erst wieder eine zu Boden stürzte.

„Wir betreiben hier Totenpflege“, bringt es Detlef Radtke, Leiter des Betreuungsforstamtes Nedlitz, auf den Punkt. Denn der Bestand ist völlig überaltert. „Es ist kreuzgefährlich“, beschreibt Revierförster Dietmar Schleth die Situation hier im einstigen Friedrichsholz. Seit 2010 betreut er im Auftrag der Stadt das gut 40 Hektar große Waldstück, das sich jedes Jahr zu einer größeren Herausforderung entwickelt.

Buchen sind inzwischen weit über 250 Jahre alt

Immerhin bis zu 380 Jahre alt sind die Buchen, die von oben her anfangen abzusterben, während sich in ihrem Inneren die Weißfäule ausbreitet. „Die trockenen Sommer haben den Prozess noch beschleunigt“, sagt Detlef Radtke. Im Grunde müssten all die betagten Bäume gefällt werden. Doch es werden nur jene entnommen, die dort stehen, wo sie eine potenzielle Gefahr für Spaziergänger bilden - zur „Verkehrssicherung“, wie es im Amtsdeutsch heißt.

Denn viele Zerbster sehen im Waldfrieden immer noch den Park, den Fürstin Johanna Elisabeth - die Mutter von Zarin Katharina II. - 1749 anlegen ließ. Seit 2008 allerdings handelt es sich per Stadtratsbeschluss um einen reinen Wirtschaftswald, der zum kommunalen Stadtwald gehört. Das wirkt sich auf das Erscheinungsbild aus und sorgt regelmäßig für Kritik. Immer wieder beschweren sich Bürger über das Aussehen des Waldfriedens, über unaufgeräumte Wege und ungeordnete Holzentnahmen.

Regelmäßig gibt es Kritik am Zustand des Waldstücks

Es ist ein sensibles Thema, mit dem auch der Bürgermeister regelmäßig konfrontiert wird, zuletzt nach den Ende Januar/Anfang Februar durchgeführten Holzeinschlägen. Aus dem Grund beraumte er jetzt einen Vor-Ort-Termin an, an dem neben Detlef Radtke ebenfalls Dietmar Schleth und dessen Nachfolger Nico Held sowie die Leiterin des Zerbster Bau- und Liegenschaftsamtes Heike Krüger teilnahmen.

„Wir müssen uns an einen anderen Anblick des Waldfriedens gewöhnen“, sagt der Rathauschef. Er räumt zugleich den Verdacht aus, dass all die Fällungen nur geschehen, um die Stadtkasse zu füllen. Im Gegenteil. Sinnvoll lasse sich das Holz nicht verwerten, weist er auf die Granatsplitter hin, die seit dem Zweiten Weltkrieg in den Bäumen stecken.

Nicht jeder Ast wird mehr beräumt

Auch Dittmann wirbt um Verständnis für das notwendige Vorgehen im Waldfrieden, der eben längst kein Park mehr ist, sondern naturnaher Wald. Das bedeutet, dass auf den Wegen mal herabgefallene Äste liegen können und nicht jeder Stamm beräumt wird. „Jeder Krümel Holz, der liegenbleibt, ist extrem wertvoll“, betont Detlef Radtke. Bis es sich in Humus verwandelt, sei es Lebensraum für viele Insekten.

Aufforstungen sind vorerst ebenfalls nicht geplant. Stattdessen wird auf Naturverjüngung gesetzt und das mit Erfolg, zumindest was die Buche angeht. Überall wächst sie nach und füllt die lichten Stellen. Anders schaut es hingegen bei der Eiche aus, deren Triebe sich die Rehe nur zu gern schmecken lassen.

Ignorieren der Absperrungen ist gefährlich

„Einfach einzäunen.“ Das schlug Detlef Radtke hinsichtlich der auffälligen Bestandslücken an der Biaser Straße vor, wo mehrere vom Eichenprachtkäfer befallenen Bäume gefällt werden mussten. Aus seiner Sicht sollte das reichen, um den Eichen eine Chance zu geben, von allein die Fläche wieder zu bewalden. Falls dies nicht klappe, müsste nachgeholfen und aufgeforstet werden.

Ein weiteres Thema der Runde war die Unvernunft mancher Mitmenschen, die während der stets auch in der Presse angekündigten Fällaktionen die Absperrungen ignorieren, Flatterbänder einfach entfernen und den Waldfrieden betreten. Dies ist äußerst gefährlich, wie Dietmar Schleth einmal mehr betont. Wenn sich die Bürger nicht disziplinieren lassen, könnte die Einzäunung des kompletten Waldstücks drohen, gibt Detlef Radtke zu bedenken.

Schilder sollen künftig vor Betreten warnen

Vorerst wird es nicht dazu kommen. Allerdings sollen an allen Hauptwegen Schilder aufgestellt werden mit der Beschriftung: „Achtung! Überalterter Baumbestand! Betreten auf eigene Gefahr!“. „Als Dauerhinweis“, wie der Bürgermeister sagt.