Anhalt-Bitterfeld/Zerbst. Das Ziel ist deutlich: Die Drogen- und Suchtprävention im Landkreis soll forciert und Personal dafür aufgestockt werden. Das fordern die Kreistagsmitglieder Dagmar Zöschke (Linke) und Marcel Urban (CDU/FDP) in ihrem Beschlussantrag, der bei Sitzung des Kreistages am 2. Mai angenommen wurde. In dem Antrag heißt es zur Drogen- und Suchtproblematik: „Die Zahlen des Missbrauchs sind in den letzten Jahren stetig gestiegen, das Einstiegsalter ist erschreckend. Daher ist es dringend erforderlich, die Prävention zu verstärken.“

Doch wie ist überhaupt die Situation im Kreis Anhalt-Bitterfeld? Die Zahlen dafür liefert der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Bitterfeld-Zerbst/Anhalt, welches Träger der Drogen- und Suchtberatungsstellen im hiesigen Kreis ist. In den Städten Zerbst, Wolfen, Köthen und Bitterfeld befinden sich die Beratungsstellen für Suchtbetroffene und deren Angehörige.

Hoher Beraterschlüssel in Anhalt-Bitterfeld

Ein Argument, das für die Forderung von Dagmar Zöschke und Marcel Urban spricht, ist der hohe Beraterschlüssel im Kreis Anhalt-Bitterfeld. Denn den etwa 161.000 Bewohnern des Kreises stehen lediglich vier Suchtberater gegenüber. Das ist ein Schlüssel von 1 zu 40.250. Der Bundesschnitt sieht anders aus, wie die DRK-Suchtberaterin Friederike Welsch erklärt: „Laut Landes-Psychiatrieausschuss kamen im Bundesdurchschnitt 2012 auf einen Suchtberater 18.000 Einwohner. In Sachsen-Anhalt lag diese Quote bei 1: 40.000.“ Im hiesigen Kreis haben die Berater also vergleichsweise mehr Menschen zu betreuen.

Ein Blick auf die Statistiken der DRK-Beratungsstellen zeigt allerdings, dass die Gesamtzahl der hilfesuchenden Abhängigen in den Beratungsstellen in den vergangenen vier Jahren stetig gesunken ist. Waren es im Jahr 2015 noch insgesamt 875 Klienten in den vier Beratungsstellen, so verringerte sich diese Zahl im Jahr 2018 auf 578 Klienten. Die sich daraus ergebende Zahl der Jahreskontakte ist ebenfalls von 4977 im Jahr 2015 auf 4089 Jahreskontakte im Jahr 2018 gesunken.

Hoher Beratungsbedarf

Die sinkenden Zahlen der Statistik würden jedoch nicht bedeuten, dass es weniger Menschen mit Suchtproblemen gibt, sagt Welsch. Sie erklärt: „Wir haben uns in den Beratungsstellen gewissermaßen ‚gesund geschrumpft‘. Der Beratungsbedarf ist zu groß geworden, als das man jedem eine fachlich hochwertige Beratung hätte bieten können.“

Hinzu kommt, dass zu den Jahreskontakten lediglich Termine mit den Suchtbetroffenen zählen. „Treffen im Arbeitskreis oder Arbeitsgemeinschaften, Präventionen, Vorträge, Supervision, Fort- und Weiterbildungen, Dienstberatungen, Teambesprechung, Ausschüsse, Vor- und Nachbereitungen der Gespräche und ähnliches sind in dieser Zahl nicht enthalten“, sagt Welsch. Die Suchtberater haben also weitaus mehr zu tun, als es die Zahlen widerspiegeln. Deshalb steht für Friderike Welsch fest: „Ja, es bedarf mehr Personal – sowohl in der Prävention, als auch für die Beratung.“

Alkohol ist Hauptproblem

Das Hauptproblem der meisten Abhängigen ist übrigens laut Statistik der Alkohol. Zwischen 2015 und 2018 war das bei 56 Prozent bis 61 Prozent aller Klienten in den Beratungsstellen die Hauptdiagnose. Die zweithäufigste Suchtproblematik sind Stimulantien wie Amphetamin oder Crystal Meth. In etwa 16 bis 18 Prozent der Fälle sind diese Stoffe das Suchtproblem.

Darüber hinaus ist es auch keine Seltenheit, dass Süchtige mehrere verschiedene Stoffe konsumieren, so Friederike Welsch. Die Suchtberater sprechen dann von Multi-Problemfällen beziehungsweise von einem polytoxen Konsumverhalten. Der Anteil dieser Multi-Problemfälle ist in den letzten Jahren gestiegen, teilt Kreissprecher Udo Pawelczyk mit. Das Problem: Für Menschen, die mit solchen Suchtproblemen die Beratungsstellen aufsuchen, muss ein deutlich höherer Betreuungsaufwand eingeplant werden.