Jütrichau l „Helfen, wo Hilfe gebraucht wird“ – das ist das Lebensmotto von Jens Wernecke. Sich für Menschen in Not zu engagieren, ist eine Selbstverständlichkeit für den Familienvater. Die Herkunft spielt da keine Rolle. Bei der Zerbster Kindertafel geht der Jütrichauer regelmäßig mit zur Hand. Seit Herbst 2015, seit die ersten Asylsuchenden in Zerbst eintrafen, setzt er sich zudem für Flüchtlinge ein.

Schicksalhafte Begegnung

Eine Begegnung im Morgengrauen kann als Auslöser bezeichnet werden. Noch gut erinnert er sich an jenen 5. November, als eine Familie bei Nieselregen auf der Straße lief. Erst ist er an ihnen vorbeigefahren, entschied sich dann aber umzukehren. „Sie waren tags zuvor erst nach Deutschland gekommen und wollten nun von Altengrabow aus nach Schweden zu Verwandten“, erzählt Jens Wernecke. Er brachte sie daraufhin zum Bahnhof nach Brandenburg, von wo aus sie mit dem Zug weiter nach Rostock wollten.

Ein junger Mann hatte die Familie begleitet – Samir. Erst kürzlich traf Jens Wernecke den jungen Syrer wieder, der vorübergehend im Zerbster Lutherhaus wohnte und inzwischen in Köthen im Innenausbau tätig ist.

Andere Flüchtlinge, denen er geholfen hat, studieren mittlerweile in Leipzig oder Halle, oder haben sich sogar selbstständig gemacht. „Ich helfe bei der Arbeitssuche“, sagt Jens Wernecke. „Es ist die einzige Chance, sich ein Leben in Deutschland aufzubauen“, weiß Jens Wernecke.

Ämtergänge

Doch auch bei Ämtergängen unterstützt er nach wie vor genauso wie beim Einrichten der Wohnung. Das ist anfangs das Wichtigste gewesen: die Ausstattung mit Möbeln, Fernsehern oder auch Fahrrädern. „Ronald Rose aus Zerbst hat da ganz doll mitgeholfen“, betont der Jütrichauer.

Bei seinem Engagement wusste Jens Wernecke stets seine Familie hinter sich. „Sie haben mir den Rücken freigehalten“, blickt er zu seiner Frau Viola hinüber, für die die Kontakte zu den Flüchtlingen längst zum Alltag gehören. „Sie sind sehr, sehr herzlich“, ist sie von der Gastfreundschaft beeindruckt. Und sie genießt die „wunderbare Küche aus Syrien und Afrika“, wenn die Werneckes mal wieder bekocht werden.

Unterricht mit Charlotte

Im Gedächtnis bleibt sicher ebenfalls der „Deutschunterricht“ von Tochter Charlotte. Die Zwölfjährige hat ihre alten Kinderbücher hervorgeholt, um den Flüchtlingen beim Lernen der fremden Sprache zu helfen. „Sie hat auch Zettel beschriftet und auf den jeweiligen Gegenstand geklebt“, erzählt Viola Wernecke. Bei Sohn Tom-Joel (19) konnten sie bei Bedarf auf seine handwerklichen Fähigkeiten zählen. „Fine hat unterdessen unseren Garten gehütet“, beschreibt Jens Wernecke, wie sich die 13-jährige Tochter einbrachte.

Nie vergessen werden die Werneckes das Bild, wie ihre Kinder gemeinsam mit den jungen Männern Omar und Samir aus Syrien und Afghanistan auf dem Trampolin herumsprangen. „Und dieses Lachen. Das klingt alles gleich“, bemerkt Jens Wernecke. „Es sind schöne Erlebnisse“, bestätigt seine Frau.

Ein, zwei Teller mehr

„Schon längst sind aus vielen Hilfesuchenden sehr gute Freunde geworden“, erklärt Viola Wernecke. Längst hätten sich alle daran gewöhnt, dass des Öfteren am Mittags- oder Abendtisch ein, zwei oder mehr Teller zusätzlich stehen. Aber auch daran, dass ihr Vater selten zu Hause ist, haben sich seine Kinder gewöhnt. Dass er stattdessen im Flüchtlingsbüro ist, bei Rachidi, Omar oder eben bei der Zerbster Kindertafel.

Und das hat sich inzwischen herumgesprochen. So fand sich Anfang Juli überraschende Post im Briefkasten für Jens Wernecke. Ein Adler zierte dem Umschlag, der eine Einladung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender zum Bürgerfest ins Schloss Bellevue enthielt – als Würdigung für sein ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe.

„Das verursachte schon Bauchkribbeln bei uns“, gesteht Viola Wernecke. „Toll, das hätte ich nicht gedacht“, schoss es Jens Wernecke nach dem Öffnen durch den Kopf. „Was habe ich denn Außergewöhnliches gemacht?“, fragte er sich.

Besondere Anerkennung

Nun, mit etwas Abstand, betrachtet es der Jütrichauer als besondere Anerkennung, „gerade, weil man große Schlachten mit Behörden schlägt, um Flüchtlingen Dinge zu beschaffen, die ihnen zustehen, und zu viele Beamte Dienst nach Vorschrift machen.“

Am 7. September ist es nun soweit. Die Werneckes reisen nach Berlin, Tochter Charlotte kommt mit zum Empfang des Bundespräsidenten. Jens Wernecke nimmt auch ein „großes Problem“ mit, bei dem er sich Hilfe von Frank-Walter Steinmeier erhofft. Näheres will er dazu allerdings nicht verraten – noch nicht.