Zerbst/Wolfen l Bereits über 80 war die Wolfenerin, die am Vormittag des 4. August von ihrem angeblichen Enkel angerufen wurde. Er gaukelte ihr vor, dass er einen Verkehrsunfall gehabt habe und nun Geld für die Autoreparatur benötige. Zum Abholen des Geldes würde er einen Kollegen schicken. Noch während des Telefonats klingelte es an der Wohnungstür. Die ältere Dame öffnete und sah sich einem unbekannten Mann gegenüber. Er wolle etwas abholen, sagte jener. Ohne weiter nachzufragen, gab sie ihm 18.000 Euro.

So schildert Robert Niemann, Sprecher der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau, den Fall in der Pressemitteilung, in der wegen schweren Betrugs nach dem Mann gefahndet wird. Mit Hilfe der Geschädigten gelang es, ein Phantombild anzufertigen, mit dem sich die Ermittler Hinweise aus der Bevölkerung erhoffen, die zur Identifizierung beitragen.

Phantombild zeigt mutmaßlichen Mittäter

Zumal es bereits in den Tagen zuvor im Landkreis Anhalt-Bitterfeld zu derartigen Anrufen kam. „Mit einer Kombination aus ,Schockanruf‘ und ,Enkeltrick‘ versuchten die unbekannten mutmaßlichen Täter in insgesamt fünf Fällen jeweils an Bargeldbeträge zwischen 10.000 und 25.000 Euro zu gelangen. Die Versuche schlugen fehl“, heißt es in der Pressemitteilung. Die Fälle ereigneten sich in Greppin, Holzweißig, Aken, Zörbig und Zerbst, wie Robert Niemann auf Volksstimme-Nachfrage informiert.

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Bislang – das heißt bis zum Stichtag 17. September – wurden im Kreis Anhalt-Bitterfeld insgesamt 18 Fälle des „Enkeltricks“ registriert – sieben davon im Bereich Zerbst, so der Polizeisprecher. Im Vergleichzeitraum 2019 waren es nur halb so viele, wie er berichtet: Neun im gesamten Landkreis, davon allein fünf im Raum Zerbst. Zweimal waren die Betrüger hier erfolgreich. Am 2. Mai 2019 traf es eine über 80-jährige Frau direkt in Zerbst. Sie erhielt einen Anruf von jemandem, der sich als ihr Neffe ausgab, der Geld für eine Eigentumswohnung brauche. Sie ging daraufhin zur Bank, hob 20.000 Euro von ihrem Konto ab und überreichte es vor der Haustür dem vermeintlichen Mitarbeiter einer Kanzlei.

Oma übergibt 35.000 Euro an Fremden

Ähnlich der Vorfall nur wenige Tage später am 14. Mai 2019 in Nutha. Auch hier glaubte eine 76-Jährige, ihrer Enkelin auszuhelfen, die ebenfalls um Geld für eine Eigentumswohnung bat. 35.000 Euro übergab sie dem Mann, einem angeblichen Mitarbeiter eines Notariats.

„Die Maschen des Trickbetrugs sind vielfältig und bleiben auch Jahre nach ihrer Erfindung aktuell“, erklärt Robert Niemann gegenüber der Volksstimme. Die Betrüger seien oftmals strukturiert, organisiert, rhetorisch gewandt und würden meist überörtlich agieren, schildert er. So könne jeder Opfer eines Betruges oder Betrugsversuches werden. Man sollte deshalb stets bedenken, dass der Mann oder die Frau am Telefon nicht immer die Person sei, für die er oder sie sich ausgebe.

Fragen stellen hilft

„Seien und bleiben Sie deshalb Fremden gegenüber stets misstrauisch! Raten Sie nicht, wer anruft!“, betont Robert Niemann. Stattdessen rät er, selbst Fragen zu stellen – beispielsweise nach gemeinsamen Erlebnissen, die eine fremde Person nicht beantworten kann. Vor allem sollte man am Telefon niemals Details zu den persönlichen finanziellen Verhältnissen angeben.

„Beenden Sie beim geringsten Zweifel das Telefonat und sprechen Sie darüber mit Ihrer Vertrauensperson“, sagt der Polizeisprecher. Keinesfalls sollte man Bargeld oder andere Wertsachen an Fremde übergeben, sondern Verdächtiges der Polizei melden. Zugleich empfiehlt Robert Niemann Kindern und Enkeln mit den Eltern beziehungsweise Großeltern über den Enkeltrick und Trickbetrug im Allgemeinen zu reden.

Betrüger gibt sich als Hauptkommissar aus

Denn die Dreistigkeit der Betrüger kennt kein Grenzen. Das zeigen aktuelle Fälle. Wie Michael Däumich, Sprecher des Polizeireviers Anhalt-Bitterfeld, mitteilte, gab sich ein Unbekannter am Montagvormittag am Telefon als Hauptkommissar aus. In Muldenstein, Mühlbeck, Pouch und Bitterfeld wollte er auf diese Weise das Vertrauen älterer Menschen gewinnen.

Er erklärte, dass es in der Gegend zu Einbrüchen gekommen ist und dabei zwei Täter gestellt wurden. Im Gespräch versuchte er „sehr geschickt an Informationen über Wertgegenstände oder sogar einen Tresor im Haus zu gelangen“, schildert Däumich. Die Betroffenen hätten allerdings keine Angaben gemacht, sondern sich glücklicherweise an nahe Verwandte gewandt, die wiederum die Polizei informierten.

Notruf 110 nutzen

„Weder die Polizei noch andere Amtsträger rufen Bürger an, um am Telefon über die persönlichen Geld- und Vermögensverhältnisse zu sprechen“, betont Michael Däumich. „Wer sich unsicher ist, egal in welcher Situation, kann uns einfach anrufen und dazu auch ruhig den Notruf 110 nutzen.“