Zerbst l „Ich kann diesen Monat keine Miete zahlen“, gesteht Yvonne Borchert. Die 49-jährige Zerbsterin gehört zu jenen Beschäftigten, die von der Insolvenz der B&A Strukturförderungsgesellschaft mit Hauptsitz in Zerbst direkt betroffen sind. Über das Programm „Soziale Teilhabe“ ist sie am Gymnasium Francisceum tätig, hilft der Schülerfirma in der Caféteria.

Kein Lohn

Die bis zum 31. Dezember 2018 befristete Maßnahme läuft seit April 2017, wie Yvonne Borchert erzählt. Seither arbeite sie sechs Stunden am Tag für Mindestlohn. Die finanzielle Schieflage, in die die B&A geraten ist, bekommt sie nun zu spüren. „Im Juli haben wir 80 Prozent unseres Lohnes erhalten, für August noch gar nichts“, berichtet sie. Und während die ersten Mahnungen eintreffen, fragt sich die Zerbsterin, wovon sie leben soll.

Sabine von Stein-Lausnitz bestätigt die Schilderungen. Die Fachanwältin wurde vom Amtsgericht Dessau zur vorläufigen Insolvenzverwalterin bestellt. Nach ihren Aussagen kann Yvonne Borchert in der ersten Oktoberhälfte mit Geld rechnen.

Zum 1. Oktober soll das Insolvenzverfahren eröffnet werden. Dann besteht die Möglichkeit, einen Vorschuss auf Insolvenzgeld vom Arbeitsamt zu erhalten. Momentan hat die Zerbsterin darauf noch keinen Anspruch, wie Sabine von Stein-Lausnitz erläutert. Das sei unangenehm, weiß sie.

Die Unsicherheit durch den derzeitigen Schwebezustand der B&A greift auch noch in andere Richtungen. So sind Vereine, Einrichtungen und Kommunen auf die Unterstützung durch Beschäftigte der Strukturförderungsgesellschaft angewiesen.

Der Förderverein Schloss Zerbst gehört dazu. „Mit Michael Bombach haben wir einen Glückstreffer gelandet“, blickt der Vereinsvorsitzende Dirk Herrmann dem Auslaufen der Maßnahme des Gästeführers zum Monatsende sorgenvoll entgegen.

Nicht nur, dass Michael Bombach die Besucher inzwischen kompetent durch die Räumlichkeiten des erhaltenen Ostflügels führt, dem Verein ist es dank der Maßnahme überhaupt möglich, das Schloss zu festen Zeiten zu öffnen. Die Mitglieder könnten das im Ehrenamt allein überhaupt nicht stemmen.

Viele Maßnahmen

Das trifft ebenfalls auf das Zerbster Tierheim zu. „Wir haben aktuell drei Ein-Euro-Jobber, im vergangenen Jahr waren es noch fünf“, berichtet Diana Hofmann. „Wir sind auf diese Kräfte angewiesen“, sagt die Vorsitzende des Tierschutzvereins Zerbst. „Ich bin gespannt, wie es weitergeht“, hofft sie, dass eine Lösung gefunden wird.

Betroffen ist ebenfalls die Stadt Zerbst. Über die Maßnahme „Jobperspektive 58+“ waren bislang zwei Personen in der Katharina-Sammlung beschäftigt und sicherten die Öffnungszeiten ab, wie Stadtsprecherin Antje Rohm erklärt. Da den beiden empfohlen wurde, ihren Resturlaub zu nehmen, sei die Sammlung momentan geschlossen und werde nur auf Anfrage im Kulturamt geöffnet. Ausgenommen ist das Bollenmarkt-Wochenende am 6. und 7. Oktober, an dem Interessierte die Ausstellung über Zarin Katharina II. besichtigen können.

Auch die Zerbster Tafel ist auf die Vermittlung von Beschäftigten über die B&A angewiesen. „Vier Personen sind das im Moment, von denen zur Zeit zwei im Einsatz sind“, erläutert Tafel-Leiterin Ute van Tulden. Sie helfen in der Suppenküche, dem „Restaurant mit Herz“, und bei der Verteilung der Lebensmittel an Bedürftige mit. „Wir sind sehr auf ihre Unterstützung angewiesen“, betont Ute van Tulden. Ihre Idee ist es deshalb, dass die Tafel künftig als Maßnahmeträger agiert. Heute gebe es einen Termin dazu.

Zukunft ungewiss

Das letzte Wort über die Zukunft der Beschäftigten der B&A, die sich in Trägerschaft des Landkreises Anhalt-Bitterfeld befindet, ist noch nicht gesprochen. Gegenwärtig beraten und diskutieren die Beteiligten, um Lösungen zu finden und die Einschnitte für alle Betroffenen so gering wie möglich zu halten.