Zerbst l Aktuell sind in Zerbst 620 polnische Gastarbeiter gemeldet. Viele von ihnen leben mit ihrer Familie hier. Vor dem Hintergrund entstand die Idee einer Stadtführung, bei welcher ihnen der Ort, in dem sie momentan leben, näher gebracht wird. „Wir haben überlegt, was man anbieten kann, damit sie heimischer werden“, erklärt Ursula Böttge. „Denn als Heimatverein interessieren wir uns nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Gegenwart“, bemerkt sie.

Und im Hier und Jetzt in Zerbst gehören polnische Autokennzeichen längst zum Stadtbild. Aus diesem Grund fand vor gut einem Jahr bereits ein deutsch-polnischer Frauenabend statt. Dem regen Gespräch über die schwierige Vereinbarkeit von Schichtarbeit und Deutschkursen, dem Fehlen von ausreichend Kita-Plätzen und der Sprache als Basis der Integration folgte nun das Angebot einer wissenswerten Tour durch die Rolandstadt.

Über 30 Polen – darunter viele Familien – nahmen an der Veranstaltung teil, zu welcher die Kreisvolkshochschule (KVHS) gemeinsam mit der Faschgesellschaft sowie dem Schloss- und dem Katharinaverein im Rahmen der interkulturellen Woche eingeladen hatte. Keinesfalls zu vergessen ist der Heimatverein, von dem der Anstoß für den faktenreichen Rundgang kam.

Bilder

Kontakte knüpfen

„Wir möchten unseren polnischen Mitbürgern mal die Stadt zeigen, in der sie ihr neues Domizil haben“, formuliert Martina Marczok-Stück das Anliegen. Das beinhaltet nicht nur den Blick auf die historische Entwicklung, sondern ebenfalls auf die wichtigsten Anlaufstellen unter dem Motto „Was erledige ich wo?“, wie die Leiterin des Zerbster KVHS-Standortes erläutert. Zugleich sollen Kontakte geknüpft und Berührungsängste abgebaut werden, freut sie sich, dass sich ebenfalls einige Deutsche am Sonntagnachmittag auf der Schloßfreiheit eingefunden haben.

Dort beginnt die Tour, für welche die Anwesenden zunächst einmal auf zwei Gruppen aufgeteilt werden. Die Familien schließen sich dem „Richter-Duo“ an. Was Gästeführerin Dagmar Richter erzählt, übersetzt Orzola Richter, die bereits seit 1975 in Zerbst lebt, ins Polnische. So erfahren ihre Zuhörer, dass sich in der Geschichte der Rolandstadt bereits im Mittelalter Verbindungen nach Polen nachweisen lassen. „1007 hat der polnische Herzog Boleslaw Chrobry Zerbst überfallen und verwüstet und viele Einwohner nach Polen verschleppt“, schildert Dagmar Richter. „Vielleicht kommen Sie als Nachfahren ja heute nach über 1000 Jahren zurück“, wendet sie sich lächelnd an ihre aufmerksame Runde.

Unterdessen berichtet Uta Heinecke ihren Zuhörern gerade von all den Bierbrauern, die es einst in Zerbst gab. Als Dolmetscherin steht ihr die gebürtige Polin Sylwia Schulze zur Seite, die ebenfalls bereits vor mehreren Jahren von Oberschlesien nach Deutschland ausgewandert ist. Und während Martina Marczok-Stück mal bei der einen, dann wieder der anderen Gruppe weilt, dokumentiert Ursula Böttge die Stadtführung mit dem Fotoapparat.

Neben dem Schloss gehört die Stadthalle als Veranstaltungszentrum genauso zu den Stationen wie der Kiekinpott und das Francisceum oder Post und Schwimmhalle. Ein weiterer Halt wird am Roten Garten eingelegt, der von einem traurigen Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen zeugt, ruhen dort doch 74 polnische Häftlinge, die 1944/45 in Straguth ermordet wurden. Auf dem Markt endet die Stadtführung schließlich mit der Überlegung einer Fortsetzung.

Angedacht ist, im Mai gemeinsam das Schloss von Innen zu besichtigen. „Vielleicht kochen wir auch zusammen“, berichtet Martina Marczok-Stück von einer anderen Idee.