Zerbst l Dort, wo künftig barrierefreie Wohnungen eine Baulücke schließen werden, legten sie mehrere Jahrhunderte Siedlungsgeschichte frei. Stets, wenn innerhalb der Stadtmauer gebaut werden soll, rücken zuvor die Archäologen an. Bevor eine Fläche neu versiegelt wird, suchen sie nach Zeugnissen der Vergangenheit. So sind Dr. Jens Markus und sein Team aus durchschnittlich zehn Grabungshelfern seit April auf dem oberen Markt im Einsatz gewesen.

Auf dem Areal, auf dem bis hinter zur Jüdenstraße barrierefreier Wohnraum geschaffen wird und eine Pflegeeinrichtung entstehen soll, legten sie weitere Puzzlestücke der Stadtgeschichte frei. Schicht für Schicht tauchten sie mit Hilfe eines kleinen Baggers immer tiefer in die Historie von Zerbst ein. Teilweise bis zu vier Metern unter der Geländeoberkante ging es hinab. Dort trafen sie auf erste Siedlungsspuren.

„Hauptsächlich anhand von Gruben und Keramikmaterial können wir eine spätbronzezeitliche Besiedlung nachweisen“, erläutert Jens Markus. Scherben von Vorratsgefäßen, teilweise mit Rillen verziert, verraten, dass bereits vor über 3000 Jahren Menschen hier sesshaft waren.

Bilder

Helle, mit roten Streifen bemalte und völlig, vom offenen Feuer verruste Kugeltöpfe zeugen indes vom mittelalterlichen Leben in der Rolandstadt. „Ab etwa dem 13. Jahrhundert, eventuell auch etwas eher – das muss die genaue Analyse zeigen – gab es an der Stelle eine durchgehende Besiedlung“, erklärt der Grabungsleiter. Das belegen die Scherben von Tongefäßen, aber auch von Weingläsern oder echtem Porzellangeschirr.

„Die Masse der Funde ist erheblich, sehr umfangreich und interessant“, staunt der Archäologe. In 40 Kisten ruhen die gefüllten und akribisch beschrifteten Tütchen, die bis Jahresende gesichtet und analysiert werden sollen. „Die eine oder andere Überraschung kommt da sicher noch“, glaubt Jens Markus.

18. Jahrhundert

Einiges indes hat er bereits entdeckt. In einem verfüllten Brunnen beispielsweise tauchte eine Randscherbe mit der Aufschrift „Hotel Löwe“ zwischen Blumendekor und einem Engelchen auf. Aber auch eine gut betuchte bürgerliche Familie muss im 18. Jahrhundert hier gewohnt haben. Daraus lassen zumindest die Fayenceteller – möglicherweise aus der Zerbster Fayence-Manufaktur – sowie Weingläser und Tonpfeifen schließen, die neben Muschelschalen und einer Hechtgräte im Abfall gefunden wurden.

„Wir haben viele Planierschichten. Das heißt, das Areal wurde intensiv genutzt und öfter neu bebaut“, erklärt Jens Markus. Das führte dazu, dass vor allem im Marktbereich ältere Strukturen häufig zerstört wurden. Andererseits stieß das Grabungsteam dadurch auf reichlich Füllmaterial aus den einzelnen Jahrhunderten.

Zudem holte es Gruben verschiedenster Art genauso ans Tageslicht wie Feldsteinbrunnen. Einer von ihnen befand sich in einer mittelalterlichen Baugrube. „Aus dem Grundwasserbereich haben wir ein Holzbrett hervorgeholt“, erzählt der Archäologe. Dies könnte auf einen vorherigen Holzbrunnen hindeuten, überlegt Jens Markus, als er am Montag noch einmal die Fundstätten besucht.

Unterdessen sind Arbeiter bereits mit dem Einebnen der Fläche beschäftigt. In der kommenden Woche wird mit dem traditionellen ersten Spatenstich der Beginn des neuesten Bauprojektes auf dem Areal eingeläutet. Mit zwei Gebäuden, die sich in Höhe und Fassadengestaltung an der historischen Bausubstanz orientieren, soll die jetzige Lücke auf dem oberen Markt wieder geschlossen werden.

Geplant ist ebenfalls ein Durchgang zur Jüdenstraße, wo eine Pflegeeinrichtung Gestalt annehmen soll.