Zerbst l Der 2018 begonnene deutsch-russische Wirtschaftsdialog in Zerbst soll eine Fortsetzung erfahren. Die Heimatstadt Katharinas der Großen, wie sie in dem Riesenreich genannt wird, möchte in diesem Jahr wieder für Begegnungen von Menschen und Unternehmern in Sachsen-Anhalt sorgen. Bereits jetzt laufen die Planungen dafür. Es gibt eine eigene Internetseite, auf der sich interessierte Unternehmen zu der Veranstaltung anmelden können. Außerdem hat die Stadt die Veranstaltung in den Herbst verlegt, sagt Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD). Die Verlegung soll vor allem dafür sorgen, dass andere Termine im Land nicht mit der Veranstaltung kollidieren und das Forum mehr wahrgenommen wird.

Enge Partnerschaft

Die Stadt Zerbst, die selbst seit einem Vierteljahrhundert eine enge Partnerschaft zu einer russischen Stadt unterhält, sieht sich als Vermittler. Der Dialog mit den Russen sei wichtig, unterstreicht Andreas Dittmann. Mit Sorge beobachte er die Verschärfung des Tons zwischen den westlichen Ländern und Russland. Viele Dinge erinnerten an die Rückkehr des Kalten Krieges.

Dabei galt Russland einst als enger Partner der Deutschen. Zumindest nach der Wiedervereinigung war die Dankbarkeit damals groß, dass die Russen den Deutschen ihre Souveränität wieder gaben und auch keine Vorgaben für die Angehörigkeit eines Bündnisses machten.

Nach der Wiedervereinigung hat sich die politische Landkarte in Europa aber verändert, sagt der Bürgermeister. Russland selbst habe sich in der Zeit ebenso verändert.

Plattform für Unternehmer

Das Wirtschaftsforum soll den Unternehmen im Land eine Plattform geben, um wieder mehr mit der russischen Wirtschaft in Beziehungen zu treten. Dass das nicht einfach ist, zeigt der Lokalpolitik im Rathaus die jüngste negative Reaktion der Amerikaner zum Bau einer weiteren Erdgas-trasse durch die Ostsee. Wirtschaftliche Interessen prallen hier aufeinander. Dennoch sei Russland ein Bestandteil Europas und im Laufe der Jahrhunderte hätten sich die Länder auf dem Kontinent immer wieder gegenseitig beeinflusst. Immer wieder gab es einen Austausch der Kulturen und auch des Wissens. Damit wurde verhindert, dass kein Land den Anschluss an die Entwicklung verpasste. Eine Brücke von Sachsen-Anhalt nach Russland könne der Wirtschaft nicht schaden, ist Dittmann überzeugt.

Zahlreiche Unternehmen fördern den Wirtschaftsdialog und entlasten damit die Stadtkasse. Mit der Getec Green Energy beteiligt sich ein Unternehmen finanziell an der Veranstaltung, das selbst in der Stadt tätig ist. 10.000 Euro gibt der Energieerzeuger dazu, sagte Vorstandschef Chris Döhring bei der entsprechenden Vertragsunterzeichnung im Rathaus.

Für Chris Döhring ist die Veranstaltung ein Pflichttermin, schon weil sein Unternehmen auf dem ehemaligen Militärflughafen in Zerbst heute erneuerbare Energien nutzt.

Erneuerbare Energien

Nicht nur in der Bundesrepublik ist dies ein Thema. Im russischen Riesenreich werde die Frage nach der Nutzung erneuerbarer Energien in der Zukunft wohl ebenso eine größere Rolle spielen. Für die Unternehmen könnte sich hier ein sehr großer Markt öffnen, hofft er auf interessante Gespräche. Außerdem könne es nicht verkehrt sein, wenn die hiesigen Unternehmen Kontakte nach Russland pflegen. Schließlich entwickle sich dort die Wirtschaft ebenso weiter und suche den Handel. Das treffe auch für die Landwirtschaft zu, die in der dünn besiedelten Zerbster Region eine starke Rolle spielt. Hier will die Stadt den Austausch und Handelsbeziehungen zwischen den Landwirten fördern, sagt Bürgermeister Dittmann. Ganz nebenbei will er aber auch auf den Standort Zerbst als Wirtschaftsstandort aufmerksam machen. Denn in Russland wird das Katharina-Forum sicherlich ebenso einen Widerhall finden und Interesse wecken.

Stadt will Zeichen setzen

Ganz nebenbei will die Stadt aber auch zeigen, dass ein Dialog sinnvoll ist. „Ich glaube, im Osten sind die Bürger offener gegenüber den Russen eingestellt, als dies im westlichen Teil der Bundesrepublik der Fall ist“, sagte er. Das liege sicherlich auch an der Geschichte. In Zerbst lebten die Menschen viele Jahrzehnte in Sichtweite mit der Roten Armee, die in der Stadt stationiert war. Dabei kam es zwangsläufig auch zu Kontakten zwischen der Bevölkerung und den Soldaten. Deshalb gebe es im Osten Deutschlands mehr Verständnis für die russischen Befindlichkeiten als in an alten Bundesländern, meint er.