Zerbst l „Der Wunsch, Pfarrer zu werden, entstand bei mir schon in der Schulzeit“, verrät Lutz-Michael Sylvester. Geboren und aufgewachsen in Potsdam-Babelsberg hatte er die Mauer zu West-Berlin immer wieder vor Augen. Das prägte seine Ansichten, die ihn mit dem damaligen DDR-Regime in Konflikt geraten ließen. Das Abitur wurde ihm verwehrt. „Die Direktorin sagte mir, dass der sozialistische Staat andere Führungskräfte braucht“, erinnert sich der 48-Jährige.

Also wählte er den zweiten Bildungsweg, erlernte den Beruf des Elektromonteurs und arbeitete zwei Jahre als Kranelektriker auf Baustellen. „In der Zeit reifte der Gedanke weiter, Pfarrer zu werden“, erklärt Lutz-Michael Sylvester. Zumal er in der Kirche eine Heimat gefunden hatte, in der er offen seine Meinung sagen konnte.

Prägende Erfahrungen

Nach dem Zivildienst studierte der Brandenburger Theologie am Paulinum in Berlin. In der Zeit reiste er mehrfach in die Wolga-Region nach Russland um mitzuhelfen, die dortigen evangelisch-lutherischen Gemeinden neu zu beleben. „Es herrschte dort ein großes religiöses Vakuum“, berichtet der 48-Jährige von zwölf Taufen in nur zwei Monaten.

Nach dem Zweiten Theologischen Examen wurde Lutz-Michael Sylvester mit einer anderen prägenden Erfahrung konfrontiert: „Ich bin arbeitslos geworden.“ Es gab einfach nicht genügend freie Pfarrstellen für alle Absolventen. Dafür suchte das Jugendhaus „Oase“ auf Hermannswerder in Potsdam einen Erzieher. „Das war eine psychisch harte Arbeit“, erzählt der Familienvater von jungen Menschen mit Drogenproblemen, von Schulverweigerern und jugendlichen Straftätern.

Schwere Entscheidung

Dann erreichte ihn ein Anruf aus der Anhaltischen Landeskirche. „Im Oktober 1998 übernahm ich die Pfarrstelle in Quellendorf. 16 Jahre bin ich dort geblieben“, denkt Lutz-Michael Sylvester gern an diese Zeit zurück. Unter seinem Motto „Wenn man Vorhandenes teilt, kann man mehr bewegen“ schlossen sich dort 2006 neun ehemals selbstständige Dorfkirchengemeinden freiwillig zur Landgemeinde Sankt Christophorus zusammen.

„Es fiel mir schwer, dort wegzugehen“, gesteht der Brandenburger. Allerdings sei es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man nach etwa 15 Jahren zu neuen Ufern aufbrechen sollte, erklärt Lutz-Michael Sylvester. Also bewarb er sich in der Petrusgemeinde Dessau – einer Stadtgemeinde mit nur einer Kirche und einem Pfarrhaus, dem ganzen Gegenteil von Quellendorf mit seinen 21 Ortschaften und neun Kirchen. „Aber irgendwie hat es nicht gepasst“, sagt der 48-Jährige.

So kam er nach Zerbst, wo die Pfarrstelle St. Nicolai und St. Trinitatis seit dem Weggang von Thomas Meyer Anfang 2017 vakant war. „Ich habe einen positiven Eindruck von den Menschen hier. Sie sind sehr zugänglich, man kommt schnell mit ihnen in Kontakt“, findet Lutz-Michael Sylvester. Noch nie sei er so schnell mit Menschen per Du gewesen.

Positive Eindrücke

Zu seinen ersten Eindrücken gehört auch, dass es äußerst lebendige Kirchengemeinden sind, die zur weit verzweigten Parochie gehören. „Ich habe gemerkt, dass es viele Ehrenamtliche gibt, die mitziehen. Da fühlt man sich nicht so allein“, erklärt der Pfarrer. Ihm selbst ist es wichtig, dass alle Generationen innerhalb der Gemeinde ihren Platz haben, zueinander finden und sich im Austausch ergänzen.

Noch wohnt Lutz-Michael Sylvester mit seiner Frau Ivonne und Tochter Emma – die Söhne Florian und Johann studieren bereits – in Dessau. Im Sommer planen sie, ins Steutzer Pfarrhaus zu ziehen.