Zerbst l Von den 275 Gärten des Kleingartenvereins „Am Wasserturm“ sind 86 nicht verpachtet. Das heißt, dass fast ein Drittel aller Gärten in der Kleingartenanlage leer stehen. Darüber hinaus nimmt der Leerstand jährlich zu, wie Vereinsvorsitzende Jana Hoffmann erklärt. „Jedes Jahr werden ein paar Gärten abgegeben, weil die Pächter – meist altersbedingt – die Flächen nicht mehr bewirtschaften können. Und dann fehlt uns einfach der Nachwuchs. Es kommen viel zu wenige nach, die einen Garten übernehmen wollen“, sagt Jana Hoffmann.

Das Problem dabei ist, dass die leerstehenden Gärten ohne Pflege verwildern. Um den wuchernden Pflanzen Einhalt zu gebieten, müssen dann andere Gärtner die Gartenarbeit erledigen und den Rasen mähen oder Hecken schneiden. Es verteilt sich also immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern. In der Kleingartenanlage „Am Wasserturm“ hat sich der Vorstand sogar extra ein Konzept ausgedacht, mit dem sie die Pflege der leeren Gärten organisieren. Jana Hoffmann erklärt: „Jedes Vereinsmitglied muss im Jahr acht Pflichtstunden Arbeit leisten. Diese verteilen sich auf sechs Einsätze, die ich mit dem Vorstand festlege. Alternativ dazu gibt es bei uns einen ‚Pflichtstundenvertrag‘. Dabei verpflichtet sich ein Mitglied dazu, zwölf Stunden im Jahr einen der leerstehenden Gärten zu Pflegen.“ Der Vorteil dabei sei, dass sich die Person selbst aussuchen kann, wie viel sie wann machen will und eben nicht an die sechs Termine des Vorstandes gebunden ist.

Verwilderte Flächen

Doch die Arbeit reicht nicht aus, um alle Gärten zu pflegen. Vor allem die Flächen, die schon seit mehreren Jahren leer stehen, sehen schlimm aus und sind verwildert und bewuchert. „Bei manchen kommt man ohne schweres Gerät gar nicht mehr voran“, sagt Roland Wegener, Vorstandsmitglied des Kleingartenvereins „Am Wasserturm“.

Was den fehlenden nachwuchs angeht, sieht Roland Wegener zwei Hauptgründe. Einerseits würden junge Leute, die sich für einen Garten interessieren, mit völlig falschen Vorstellungen an die Sache ran gehen. „Es gab schon Anfragen, ob denn Gärten mit Dusche, Trinkwasser, Brunnen und top-gepflegt zur Verfügung stünden. Da wurde ein reines Erholungsareal angefragt, und kein Kleingarten.“ Jana Hoffmann ergänzt: „Wir haben auch schon Pächter gehabt, die haben drei Grill-Partys geschmissen und waren dann wieder weg – das hilft uns auch nicht weiter.“

Regelung nicht zeitgemäß

Der zweite Grund, warum Kleingärten nicht mehr ganz zum Zeitgeist passen und demzufolge weniger junge Menschen ansprechen, sei das Bundeskleingartengesetz, so Wegener. Darin ist nämlich eine „Drittel-Regelung“ enthalten, die besagt, dass mindestens ein Drittel der Gartenfläche für den Anbau von Obst und Gemüse genutzt werden muss. „Das hat vielleicht früher Sinn ergeben, als die Menschen den Garten noch in erster Linie zur Selbstversorgung hatten, aber heutzutage wollen die Menschen sich in ihren Gärten erholen“, sagt Wegener.

Ganz ähnlich sieht das auch Werner Scherz, Vorsitzender des Zerbster Kleingartenvereins „Zukunft“. „Diese Regelung muss gelockert werden. Die Drittel-Regelung passt nicht mehr. Es findet ein Wechsel zum Erholungsgarten statt.“

Probleme in Teilanlagen

Überdies sind Werner Scherz die Probleme von Jana Hoffmann und Roland Wegener nicht fremd. Auch im Kleingartenverein „Zukunft“ ist Leerstand ein Thema. Scherz sagt: „Unsere Hauptanlage ist zwar komplett verpachtet, aber wir haben bei unseren Teilanlagen Probleme.“ Von den insgesamt 119 Gärten des Vereins befinden sich nämlich 64 in der Hauptanlage aber 55 weitere Gärten sind in drei Teilanlagen gegliedert. Und von diesen 55 Gärten sind 29 leer stehend – das heißt über die Hälfte der Gärten in den Teilanlagen stehen leer. Auf alle Gärten des Vereins bezogen steht der Leerstand bei 24,3 Prozent.

Also auch dort verwildern die Gärten. Und die anderen Gärtner zu motivieren, die Extra-Arbeit zu übernehmen, sei schwierig, so Werner Scherz.

Hoher Altersschnitt

Was die Ursache angeht, spricht auch der Vereinsvorsitzende von „Zukunft“ von einem zu hohen Altersschnitt. So ist über die Hälfte der Mitglieder über 60 Jahre alt (48 Personen). 27 Vereinsmitglieder sind zwischen 46 und 59 Jahre alt. Die Gruppe der 26- bis 45-Jährigen setzt sich aus lediglich zehn Personen zusammen

So wie es aussieht, wird der Leerstand in den Kleingärten in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Ob sich diese Entwicklung noch einmal umkehren lässt, ist unklar. Was Jana Hoffmann allerdings paradox findet ist, dass in Großstädten wie Berlin winzige Gärten für hohe Summen verpachtet werden und hier immer mehr Flächen verwildern, weil niemand sie will.