Zerbst. Seit einer Woche stehen die Mitglieder des neuen Zerbster Stadtrates fest. Unter den 36 gewählten Abgeordneten sind auch die beiden Youngster Philipp Koch und Jonas Döhring. Youngster – Neulinge in einer Mannschaft von erprobten Spielern, die erst noch Fuß fassen müssen.

„Ich freue mich, dass es zwei jungen Bewerbern gelungen ist, in den Stadtrat einzuziehen. Ich gehe davon aus, dass sie auch neue Themen in den Stadtrat einbringen“, sagt Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) zur Wahl der beiden. Dittmann betont: „Sie werden sich hoffentlich nicht von der Routine der Stadträte mit langjähriger Erfahrung in die Schranken weisen lassen. Gerade die Diskussion um das Rezo-Video zeigt, dass die Politik zu einer neuen Sprache finden muss – das schließt die Kommunalpolitik mit ein.“

Große Verantwortung

Und das haben die beiden jungen Stadträte auch nicht vor, sich von den Routiniers in die Schranken weisen zu lassen, das haben Phlipp und Jonas in ihren Aussagen deutlich gemacht.

Philipp ist in Schönebeck geboren, in Zerbst aufgewachsen und zu Schule gegangen. Der 22-Jährige Parteilose beendet im Spätsommer seine Ausbildung zum Notfallsanitäter. „Bürgermeister Andreas Dittmann kam auf mich zu und fragte, ob ich mir vorstellen kann, auf der SPD Liste für den Stadtrat zu kandidieren“, erzählt Philipp. Er habe schon darüber nachdenken müssen, schließlich sei dies eine große Verantwortung. „Nach reiflicher Überlegung habe ich zugesagt, eine wirkliche Vorstellung, was da alles auf mich zukommt, habe ich allerdings nicht“, gibt er zu. Aber er freue sich auf die neue Aufgabe und werde sich schnell einarbeiten.

Ehrenamt stärken

„Ich werde versuchen ohne Vorurteile an die neue Aufgabe heranzugehen. Und vielleicht lassen sich ja die Erfahrungen der Älteren mit der Spontanität und den neuen Ideen der Jungen verbinden“, wünscht sich Philipp. Auf die Frage, in welchem Ausschuss er gerne mitarbeiten würde, muss der 22-Jährige nicht lange überlegen: „Ich würde gerne im Sozialausschuss mitwirken“, sagt er spontan. Dort können er beispielsweise auch Vereine und das Ehrenamt stärken, das sei eines seiner großen Anliegen.

Und das kommt nicht von ungefähr. Der junge Stadtrat engagiert sich seit seinem 10. Lebensjahr in der Freiwilligen Feuerwehr, ist in der aktiven Einsatztruppe, Jugendwart der Zerbster Ortswehr und Verbandsjugendwart im Feuerwehrverband Köthen-Zerbst. „Ich weiß was ehrenamtliches Engagement bedeutet. Die vielen Menschen, die sich in Sport, Kultur, im sozialen Bereich oder auch bei der Feuerwehr engagieren, müssen mehr Wertschätzung erfahren“, betont der 22-Jährige. Dafür wolle er sich einsetzen.

Jugendbeirat schaffen

Ein weiterer Punkt, für den sich Koch stark machen will, ist die Schaffung eines Stadtjugendbeirates. „Ich sehe hier eine gute Möglichkeit, stärker als bisher auf die Interessen und Bedürfnisse der Jugend einzugehen und diese in die Stadtratsarbeit einfließen zu lassen, ähnlich wie beim Stadtseniorenbeirat“, erklärt Koch.

Da ist sein Pendant in der künftigen CDU-Fraktion, Jonas Döhring, ganz anderer Meinung. Er hält einen Stadtjugendbeirat nicht für den richtigen Weg. „Es gibt schon jetzt eine Vielzahl von Möglichkeiten – auch für Jugendliche – ihre Sorgen und Probleme loszuwerden, angefangen von den Jugendorganisationen der Parteien bis hin zu den Einwohnerfragestunden in den Ausschüssen und im Stadtrat", widerspricht Jonas Philipp. Und da müsse man auch kein Parteimitglied sein oder werden, sich nur trauen. Ihm schwebe ein Ort, beispielsweise ein Grillplatz vor, wo sich junge Leute treffen und unter anderem auch über Probleme diskutieren können.

Studium der Agrarwissenschaften

Jonas ist in Zerbst geboren, in Lietzo aufgewachsen und hat im Francisceum sein Abitur gemacht. Momentan studiert der 22-Jährige Agrarwissenschaften, macht im Spätsommer seinen Bachelor. Jonas ist stellvertretender Kreisvorsitzender und im Vorstand des Landesverbandes der Jungen Union sowie Wolfsbeauftragter der Zerbster Jägerschaft.

Bei ihm war es Wilfried Bustro, der auf ihn zukam. „Ich hatte selbst auch schon mit dem Gedanken gespielt zu kandidieren, da war die Frage von Wilfried der letzte Anstoß, obwohl ich auch nicht sofort zugesagt habe“, erklärt Jonas. Auch er habe Bedenkzeit gebraucht. „Unsere Generation muss stärker in die Entscheidungen eingebunden werden“, begründet er seinen Entschluss zur Kandidatur. Seine Heimatstadt Zerbst müsse noch attraktiver für junge Leute und Familien gemacht werden“, sagt Jonas.

Klare Vorstellungen

Meckern helfe da wenig. „Ich möchte daran mitwirken, mich einbringen, etwas verändern“, so der 22-Jährige. Und der Student hat auch schon ziemlich klare Vorstellungen wie: „Ich möchte gerne die Umweltbildung in den Schulen und Kitas stärken und ausbauen, mehr Wertschätzung für das Ehrenamt in allen Bereichen sowie mich für eine nachhaltig wirtschaftliche Entwicklung der Einheitsgemeinde einsetzen“, betont Jonas. Auch bürgernahe Entscheidungen seien ihm wichtig, wie auch ein lebenswertes Mehr-Generationen-Zerbst. „Und damit meine ich die gesamte Stadt, inklusive seiner vielen Ortschaften“, erklärt der Jung-Stadtrat.

Jonas liebäugelt mit dem Stadtentwicklungs- und dem Finanzausschuss, verriet er. „Da sind spannende Themen zu behandeln“, ist er sich sicher. Da würde er gerne dabei sein. Was ihm aber mindestens ebenso wichtig ist: „Ich möchte die Anliegen und Sorgen der Menschen in den Stadtrat transportieren, schließlich sind wir ihre gewählte Vertretung“, macht Jonas deutlich.

Unterschiedliche Auffassungen

Wenn sich auch hier und da unterschiedliche Auffassungen bei den beiden jungen Männern herauskristallisieren, in den wesentlichen Punkten sind sie sich einig. Philipp und Jonas wünschen sich eine konstruktive und sachliche Zusammenarbeit mit allen Fraktionen.

Außerdem wollen sie Bindeglieder zwischen der Jugend und dem Stadtrat sein. „Alle Bürger, besonders Jugendliche, egal ob Schüler, Azubis, Vereinsmitglieder oder junge Familien, können sich mit ihren Sorgen und Problemen vertrauensvoll an uns wenden und uns ansprechen. Wir werden zuhören und die Probleme zur Sprache bringen“, versprechen die beiden jungen Stadtratsmitglieder.

Zehn Prozent jünger als 30 Jahre

Die Parteien und Wählerlisten haben nur acht Kandidaten zur Stadtratswahl aufgestellt, die unter 30 Jahre alt sind, von insgesamt 83 zur Wahl stehenden Kandidaten – die SPD zwei, die CDU zwei, die FDP einen, die Wählerliste Sport drei. Das sind knapp zehn Prozent. Auf den Kandidatenlisten der AfD, der Freien Fraktion (FFZ), der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWZ), der Linken und der Grünen befand sich kein einziger unter 30-Jähriger.

„Die SPD ist für mehr junge Bewerber im Stadtrat. Sie bringen frischen Wind in unsere Arbeitsweisen“, ist Uwe Krüger, Fraktionsvorsitzender der SPD im scheidenden Stadtrat, überzeugt. In der Zerbster SPD habe man mit Philipp Koch und Silke Schmidt zwei neue, junge Mitglieder in der Fraktion. „Mit der Installation eines Jugendbeirates bekommen wir vielleicht eine Schnittstelle – auch über Instagram und Youtube – mehr junge Leute zu erreichen“, hofft Krüger.

Verjüngung der Fraktion

Ähnlich sehen das auch die Christdemokraten. „Mit der Wahl von Jonas Döhring zum Stadtrat ist erkennbar, dass eine Verjüngung der CDU-Fraktion beginnt, was auch geplant war“, sagt Wilfried Bustro, Fraktionsvorsitzender der CDU-Fraktion im scheidenden Stadrat. Bustro: „Wir werden weiterhin darauf hinarbeiten, dass beispielsweise auch die Mitglieder der Jungen Union aktiv in diesen Prozess einbezogen werden, sodass unsere junge Generation aktiv an der Gestaltung und Entwicklung unserer Stadt Zerbst mitwirkt und perspektivisch Verantwortung übernehmen kann.“