Zerbst. Mit kleinen Tricks mogeln sich Analphabeten durch den Alltag. Sie versuchen ihre Schwäche zu verbergen, um nicht für dumm gehalten zu werden. Oft bemerken Freunde, Kollegen oder Arbeitgeber ihr Defizit nicht. Dabei gibt es verschiedenste Gründe, warum jemand nur eingeschränkt oder gar nicht lesen und schreiben kann.

Carola Wagner zum Beispiel. Die Zerbsterin war Zehn, als sie einen Unfall hatte und zwei Jahre keine Schule besuchen konnte. Sie verlor den Anschluss. Inzwischen ist sie stolz darauf, solch komplizierte Wörter wie „Geburtstag“ oder „Gesundheit“ richtig schreiben zu können. Auch ihre Lesekompetenz hat sich deutlich verbessert, seit Carola Wagner wieder die Schulbank drückt.

Jeden Freitag wird gelernt

Von Anfang an gehört sie zu den "Alphas", wie sie liebevoll genannt werden. Das heißt zu jenen Frauen und Männern, die den Alphabetisierungskurs der Kreisvolkshochschule Anhalt-Bitterfeld am Standort Zerbst besuchen. Dieser läuft inzwischen seit 2005. Anfangs dank Sponsoren finanziert, „haben wir seit 2015 das Glück, gefördert zu werden“, erklärt Marlies Haase.

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Die ehemalige Grundschullehrerin leitet den Kurs seit Beginn und das mit viel Herzblut. „Sie und ihr Mann sind für die Kursteilnehmer Ansprechpartner in allen Lebenslagen“, spricht Standortleiterin Martina Marczok-Stück von einem „Rundum-Service“ der Beiden. „Wenn man helfen kann, was soll‘s“, winkt Marlies Haase ab.

Praktische Erfahrungen sind wichtig

Ihr Ziel ist es, dass ihre Schützlinge stetig ihre Kenntnisse um die deutsche Sprache verbessern. Aber auch Mathematik steht neben gesunder Ernährung und dem Eintauchen in die Zerbster Geschichte auf dem Unterrichtsplan. „Das schriftliche Addieren und Substrahieren klappt“, erzählt Marlies Haase. Längenmaße und Gewichte müssten sie jedoch noch üben, blickt sie in die Runde.

Zwischen 50 und 60 Jahre alt sind die neun Frauen und Männer aus Zerbst, Loburg und Lindau, die sich jeden Freitag treffen. Jeweils von 8 bis 13.30 Uhr wird gelernt, davon mit Hilfe von Klaus-Jürgen Haase eine Stunde am Computer. „Wir machen keine Ferien und haben kein hitzefrei, wir wollen lernen“, bemerkt Marlies Haase schmunzelnd.

Spende ermöglicht Ausflüge

„Ich lerne für mich“, erklärt Carola Wagner, dass sie ein Vorbild für ihr Kind sein möchte. In der zweiten Tischreihe schräg hinter ihr sitzt Armin Dümmer. „Ich mache langsam Fortschritte“, sagt der Loburger, der seit August 2016 am Kurs teilnimmt. „Ich kann jetzt Sätze lesen, was ich vorher gar nicht konnte“, schildert er lächelnd.

„Ich habe einen riesen Respekt vor allen, die hier sitzen“, schaut sich Jürgen Graßhoff im Raum um. „Man muss den Mut haben zu sagen, ich kann nicht lesen und schreiben“, zollt der Zerbster Firmeninhaber den Frauen und Männern seine Anerkennung. Er sei überrascht, erschrocken und erstaunt gewesen, als er erfuhr, dass es so viele Analphabeten gibt. Für ihn war deshalb klar, die „Alphas“ muss man unterstützen.

Ins Leben einbeziehen

Denn neben all der notwendigen Theorie setzt Marlies Haase auf die praktischen Erfahrungen ihrer Schützlinge, bei denen sie ihre Kenntnisse anwenden und vertiefen und einiges fürs Leben lernen können. So werden gemeinsame Ausflüge unternommen, für die vorab Busfahrpläne studiert oder Bahnfahrkarten am Automaten zu lösen sind. Den Besuch der Landesgartenschau in Burg und auch den Ausflug nach Nedlitz zur Straußenfarm und den Mumien hätten die vier Loburger ganz allein organisiert, liegt Stolz in der Stimme von Marlies Haase.

Finanziert werden konnten die Touren durch die Spende von Jürgen Graßhoff, der mit seiner Firma den Kurs bereits seit längerem unterstützt. Diesmal sammelte er privat Geld und zwar zu seinem Geburtstag. 550 Euro kamen da zusammen, von denen gleich noch Sprachhefte gekauft werden konnten.

„Dafür bedanke ich mich – auch im Namen des Landrates Uwe Schulze und der Leiterin des Anhalt-Bitterfelder Schulamtes, Frau Bärbel Mylius“, sagt Martina Marczok-Stück. Zwar werde der Kurs mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds und dem Land Sachsen-Anhalt gefördert, aber eben nur der Unterricht, die Lehrkraft und die Räumlichkeit. „Für Exkursionen oder Lehrmaterial ist kein Geld vorhanden“, erläutert die Standortleiterin. „Aber die ,Alphas‘ sollen ja fürs Leben vorbereitet werden, deshalb muss ich sie auch einbeziehen.“