Zerbst l Bleistiftzeichnungen, Linolschnitte, Gipsplastiken, Acrylbilder, Papiermode, Grafitti und weitere moderne Werke zieren derzeit den Alumnatskorridor des altehrwürdigen Francisceums. „Es ist eine wunderbare Ausstellung“, findet Veronika Schimmel. Sie ist Geschäftsführerin der 1996 gegründeten Francisceumsstiftung, die den renommierten Nachwuchswettbewerb „Junge Kunst in Anhalt“ alljährlich anlässlich der Zerbster Kulturfesttage ausrichtet.

123 ganz verschiedene Exponate sind bei der 26. Auflage zu sehen. „Sie weisen thematisch und technisch eine sehr große Spanneweite auf“, sagt Susan Lanfer. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Steffi Heger hat die Kunstlehrerin des Gymnasiums die Arbeiten arrangiert, die die Teilnehmer aus Dessau, Jessen, Köthen, Gröbzig und natürlich Zerbst eingereicht haben. Nun übernimmt sie während der musikalisch umrahmten Auszeichnungsveranstaltung die Bekanntgabe der Preisträger. Die Bewertung der einzelnen Werke oblag einer fachkundigen Jury. „Sie hat sich intensiv mit den Werken auseinandergesetzt, viel diskutiert und gelobt“, schildert Susan Lanfer.

Überraschte Preisträger

Wie kritisch die Wertungskommission an ihre Aufgabe heranging, ist daran zu erkennen, dass nicht in jeder der noch einmal nach Altersgruppen unterteilten drei Kategorien ein erster Preis vergeben wurde. Entsprechend groß ist die Überraschung bei Ronja Sommer, dass sie mit ihrer in Schwarz-Weiß eingefangenen „Sehnsucht“ in der Rubrik „Fotografie“ die Jury überzeugte.

Bilder

„Ich dachte nicht, dass ich eine Chance hätte“, gesteht die Elftklässlerin des Francisceums. Auf Anraten ihrer Lehrerin reichte sie das im Rahmen des Kunstunterrichts angefertigte Bild ein. „Ich fotografiere sehr gern“, verrät die 16-Jährige. Für das nun prämierte Werk holte sie sich Inspiration im Internet, bei der Umsetzung gab es schließlich familiäre Unterstützung. Es ist die Hand ihrer Mama, die da durch den Maschendrahtzaun greift.

Auch Hanna Radtke kann es kaum fassen, dass sie mit ihrer Malerei die Betrachter derart berührt und begeistert. „Der Mensch am Abgrund seiner Zukunft“ heißt das Bild, für das sie den Publikumspreis erhält. Es ist ebenfalls das äußerst kreative Ergebnis einer Aufgabe im Kunstunterricht, die darin bestand, das Werk eines bekannten Künstlers zu zitieren und auf die heutige Zeit zu projezieren.

Die 16-Jährige wählte den „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich. Von seinem Gemälde inspririert brachte sie unter dem Titel „Der Mensch am Abgrund seiner Zukunft“ mit Acrylfarben das Thema Umweltverschmutzung auf die Leinwand. Statt auf eine tosende Brandung schaut ihr Protagonist auf qualmende Industrieschlote, auch die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg hat Hanna verewigt. „Das Malen ist meine Leidenschaft. Ich möchte Kunstlehrerin werden“, verrät die Zerbster Gymnasiastin. Sie ist fasziniert, „was man mit einer weißen Fläche alles anstellen kann“.

Die Ausstellung belegt das ebenfalls anschaulich: Originell und eindrucksvoll haben die Nachwuchstalente Porträts und Stillleben gestaltet, Gefühle und Stadtansichten eingefangen und radeln sogar durch Van Goghs Bilder. Die ausdrucksstarken Werke hängen zwischen innovativer Öko-Mode, grazilen Gipsplastiken und plastischen Augenblicken. Diese enorme Vielfalt zeichnet die „Junge Kunst 2020“ aus, die bis zum 19. April im Francisceum gezeigt wird.