Volksstimme: Sie haben sich als erster aus der Deckung gewagt. Seit wann steht ihr Entschluss, ihren Hut in den Wahlkampf-Ring zu werfen, fest?

Bernhard Böddeker: Als der Landrat mir Ende August mitteilte, dass er nicht wieder für die Landratswahl antreten wolle, habe ich mich in den darauf folgenden Tagen zu einer Kandidatur entschlossen, also etwa Anfang September.

Es war zu lesen, dass Sie mit Erfahrung punkten wollen. Doch so ganz unerfahren ist ihr Parteifreund Andy Grabner ja auch nicht?

Ich arbeite seit 27 Jahren in führender Position im Landkreis, habe bereits mit den meisten Ämtern gearbeitet und führe momentan zehn Ämter in meinem Dezernat. Zwei Hochwasser an Elbe und Mulde, ein Tornado in Micheln, sowie Corona-Pandemie und Geflügelpest haben mich um viele Erfahrungen reicher gemacht. Es gibt wenige Aufgaben und Probleme in unserem Landkreis, die mir nicht vertraut wären. Zudem vertrete ich den Landrat seit elf Jahren.

Womit wollen Sie die Anhalt-Bitterfelder von sich überzeugen? Oder anders gefragt, wie wollen Sie den Landkreis erfolgreicher machen?

Bei der Ansiedlung von Wirtschaftsunternehmen oder der Entwicklung der Kulturlandschaft sind wir stark. Hier möchte ich gern an unsere erfolgreiche Arbeit anknüpfen. In anderen Bereichen sehe ich dringenden Änderungsbedarf. Wir sind ein ländlicher Kreis, und ein funktionierender Bus- und Bahnverkehr ist eine Form der Daseinsvorsorge und dieser muss neu aufgestellt werden. Es muss möglich sein, von jedem Ortsteil mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Mittelzentren Zerbst, Köthen und Bitterfeld-Wolfen zu kommen, und das in angemessener Zeit. Ein Schülerverkehr, bei dem die Bürger nur mitfahren können, reicht nicht. Hier habe ich konkrete Pläne, wie ich mein Ziel erreichen kann. Auch die Bahnverbindung Aken-Köthen-Zörbig-Sandersdorf-Bitterfeld-Leipzig sollte wieder eine echte Alternative zum Auto sein.

Für unsere älteren Mitbürger müssen wir als Landkreis mehr tun: Beim seniorengerechten Umbau von Wohnraum, bei der Organisation von Hilfe und Pflege und technischer Unterstützung. Die ärztliche Versorgung im Landkreis ist zudem unbefriedigend. Die vom Land eingeführte Landarztquote kann nur ein Baustein sein. Der Landkreis muss zusätzliche Anreize schaffen, zum Beispiel mit Stipendien und einer Kooperation mit der Martin-Luther-Universität Halle. Der Landkreis Anhalt-Bitterfeld hat sich auf die Fahnen geschrieben, ein familienfreundlicher Kreis sein zu wollen. Darum legen wir großen Wert auf die Ausstattung unserer Schulen und Schüler mit moderner Technik. Wir haben bereits im Frühjahr für alle Schulen Fördermittelanträge gestellt und auch schon viele Bewilligungen erhalten. Die Vorbereitungen für die baulichen Maßnahmen laufen. Wir sollten gemeinsam mit den kreisangehörigen Städten und Gemeinden eine Lösung für die notwendige technische Betreuung suchen. Eine Situation wie in diesem Jahr, in der Unterricht an technischen Problemen gekrankt hat, darf nicht wieder eintreten.

Auch der weitere Ausbau von Kindereinrichtungen ist nur gemeinsam mit unseren Kommunen zu leisten. Unser Gesundheitszentrum Bitterfeld-Wolfen muss als Einrichtung des Landkreises erhalten bleiben – mit Frauenklinik und Geburtsstation. Ich bin aber sicher, dass jährliche Zuschüsse des Landkreises in Millionenhöhe dafür nicht nötig sind. Auch hier habe ich konkrete Lösungen anzubieten. Unsere Landkreisverwaltung muss lösungsorientierter arbeiten. Ich finde es wichtig, die personalintensive interne Verwaltung zugunsten von mehr Service für alle Bürger effektiver aufzustellen, die Arbeit anders zu verteilen. Das gibt uns die Chance, die Fähigkeiten der hochmotivierten und qualifizierten Mitarbeiter der Verwaltung besser zu nutzen und damit unsere Aufgaben für die Bürger schneller und besser zu erledigen, ohne dafür mehr Geld auszugeben.

Für die Zerbster ist der Landkreis und Köthen so weit weg, wie die EU und Brüssel. Wie wollen Sie das ändern?

Ich lasse die Brücke bei Aken bauen ... Wenn es so einfach wäre, ich würde sie bauen lassen. Die Elbquerung als kurze Verbindung zwischen Zerbst und Aken will ich nicht aus den Augen verlieren. Und wer weiß, vielleicht fände ich ja in Magdeburg und Berlin dafür offene Ohren. Der Verwaltungs- standort in Zerbst sollte gestärkt werden, indem ein Landkreisdezernent in Zerbst sein Büro hat. Mehr leitende Mitarbeiter vor Ort rücken auch Zerbst stärker in den Fokus. Auch die Digitalisierung der Verwaltung wird dazu beitragen, dass viele Wege entfallen und die Entfernung weniger wichtig wird.

Die Zerbster hatten seit der Kreisgebietsreform immer das Gefühl, als säßen sie am Katzentisch, die dicksten Brocken gingen immer an die anderen. Was sagen Sie den Zerbstern?

Ich kann das Gefühl nicht nur nachvollziehen, ich halte es auch für nicht unbegründet. Ich habe mit allen Städten und Gemeinden des Landkreises, auch mit Zerbst, viel zusammengearbeitet. Mein Ziel wäre es daher auch nicht, im Sinne einer Wiedergutmachung Zerbst nun zu bevorzugen, vielmehr halte ich es für wichtig, den Landkreis als Einheit zu verstehen und die Städte und Gemeinden ihren besonderen Bedürfnissen entsprechend zu fördern. Der Landkreis hat eine Ausgleichfunktion, die er stärker wahrnehmen sollte. Davon wird auch Zerbst profitieren, aber nicht zu Lasten der anderen. Ein erster Schritt kann die Stärkung der Außenstelle in Zerbst mit mehr Verantwortung sein. Ich halte die Stärkung des ländlichen Raumes für absolut vordringlich. Da Zerbst ganz überwiegend ländlicher Raum ist, werden die Ortschaften des Zerbster Umlandes ebenso gewinnen wie die Dörfer in den anderen Teilen des Kreises.

Momentan wird über den Neubau einer Rettungsleitstelle für den Landkreis diskutiert. Dazu gibt es einen offenen Brief der Gemeinde-, Stadtwehrleiter und des Kreisbrandmeisters, die genau diesen Neubau fordern. Wie stehen Sie dazu?

Ich halte die Forderung der Gemeinde- und Stadtwehrleiter für richtig. Allerdings hat sich der Kreistag auch nicht gegen einen Neubau ausgesprochen, sondern nur eine genauere Prüfung von Alternativen gefordert. Eine gemeinsame Leitstelle für Rettungsdienst und Feuerwehr im Landkreis ist absolut notwendig, eine Auslagerung etwa nach Dessau funktioniert nicht.

Den Bürgermeistern treibt die Kreisumlage regelmäßig den Schweiß auf die Stirn. Wie werden Sie als möglicher Landrat mit diesem umstrittenen Thema umgehen?

Die Kreisumlage ist Geld der Städte und Gemeinden, das der Landkreis zur Erfüllung seiner Aufgaben im notwendigen Umfang erhebt. Die Betonung liegt hier auf „notwendig“. Geld können wir nur einmal ausgeben und es muss einen möglichst großen Nutzen für den Bürger haben, denn letztlich ist es Steuergeld. Und das verpflichtet den Landkreis genauso wie seine Kommunen, so sparsam wie möglich mit dem Geld der Bürger umzugehen. Aus meiner langen Tätigkeit für die Kommunalaufsicht kenne ich die Sorgen der Bürgermeister und verstehe sie. Ich kenne auch den Kreishaushalt und weiß, wo Einsparungen möglich sind. Aber ohne Kreisumlage wird es nicht gehen.

Eine letzte Frage: Ziehen Sie nicht in Uwe Schulzes Büro, bleiben Sie dann in Ihrem?

Über diese Frage habe ich noch nicht nachgedacht. Es würde sich schon ein Schreibtisch für mich finden.