Zerbst. Am 8. November 1989, am Vorabend des Mauerfalls, hatten sich trotz all ihrer Ängste und Zweifel in der Trinitatiskirche etwa 3000 Zerbster zu einem Friedensgebet mit anschließendem Marsch durch die Innenstadt versammelt. Erinnerungen daran weckte Mario Gabler, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates, jetzt 30 Jahre später am Ausgangspunkt der friedlichen Demonstration.

Am Freitagabend hatten die Akteure der damaligen Bürgerbewegung unter dem Motto „Wir sind das Volk – ein Rückblick“ zum gemeinsamen Erinnern an die Wendeereignisse in Zerbst eingeladen. Gut 40 Interessierte waren der Einladung in die Trinitatiskirche gefolgt.

Friedensgebet zum Auftakt

Begonnen wurde mit einem Friedensgebet bei Kerzenschein vor dem Altar. Mario Gabler erinnerte: „Vor dreißig Jahren war die Kirche voller Menschen. Platz zum Umfallen gab es nicht.“ Zudem verwies er auf die in höchste Alarmbereitschaft versetzten Volkspolizisten in unmittelbarer Nähe der Kirche.

Gemeindepfarrer Lutz-Michael Sylvester lud die Anwesenden nach dem Gebet ein, sich die Ausstellung „Von der friedlichen Revolution zur deutschen Einheit“ anzusehen, die derzeit in der Trinitatiskirche gezeigt wird. Im Fokus der von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und vom Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer initiierten Ausstellung stehen die Ereignisse von 1989 und 1990 auf 20 Tafeln, die jeweils mit einem QR-Code versehen sind, die zu 18 dem Thema entsprechenden Videofilmen führen.

Ausstellung über Wendezeit

Die Moderation des weiteren Abends des Erinnerns übernahm Mario Gabler. Kurze Filmsequenzen von den Montagsdemos in Leipzig und Zeitungsberichte zum Geschehen in der Zerbster Kirchengemeinde wurden eingeblendet.

Lutz-Michael Sylvester las eine Passage aus der Autobiografie „Und wir sind dabei gewesen“ von Pfarrer Christian Führer, seinerzeit Pfarrer an der Nikolaikirche in Leipzig und Initiator der Friedensgebete. Für den Zerbster Abend wählte er das Kapitel „Sie waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete“.

Einblick in persönliche Erlebnisse

Kurzweilige retrospektive Einblicke in ganz persönliche  DDR- und Wendeerlebnisse folgten. Während Rosemarie Fröhlich von ihrem Lebensweg in der DDR trotz kirchlicher Prägung berichtete, erläuterten Irene und Detlef Leps, wie sie als Zugezogene damals in Zerbst versuchten, mutige Verbündete zu finden, um Änderungen herbeizuführen.

Regina Brüsch wiederum berichtete von einem Nachwendeerlebnis, das bei ihr einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Durch ihre Mitarbeit im Gemeindekirchenrat hatte sie Kontakte zu Gemeinden in den Niederlanden geknüpft und durfte im niederländischen Fernsehen über ihre Eindrücke von der friedlichen Revolution erzählen.

Erinnerungen bündeln

Für die musikalische Umrahmung des Abends sorgten Antje Gabler (Gitarre, Gesang) und Rainer Schulze (Akkordeon). Sie brachten unter anderem Lieder wie „Sind so kleine Hände“ von Bettina Wegner und „Ermutigung. Du, lass dich nicht verhärten“ von Rolf Biermann zu Gehör.

Nicht wenige der Anwesenden hatten ebenfalls Zeitungsausschnitte, Zeitdokumente und alte Fotos mitgebracht, was schnell zur Diskussion untereinander führte.

Mario Gabler warf noch die Frage auf, ob an oder in der Umgebung der Trinitatiskirche mit einer Gedenktafel an den 8. November 1989 erinnert werden sollte, wie bereits in Stendal, Plauen, Dresden oder Genthin geschehen. Das Für und Wider dieser Art der Erinnerung sollte in der Gemeinde diskutiert werden.

Das in den ersten Novembertagen von 1989 in Zerbst Erlebte könne auch im „lokalen Gedächtnis“, nämlich im Museum der Stadt zusammengetragen, aufbereitet und dokumentiert werden. Darauf verwiesen Dietrich Landmann (Diakonie) und Museumsdirektorin Agnes-Almuth Griesbach. Eine spätere Publikation sei nicht ausgeschlossen. Wer also noch Zeitdokumente, Fotos und seine schriftlich festgehaltenen persönlichen Erinnerungen an die Wendezeit der Nachwelt hinterlassen möchte oder am Austausch von Erinnerungen interessiert ist, kann sich bis zum 30. Januar 2020 im Museum melden.