Zerbst/Puschkin l Eigentlich hatte ich, Florian Westphal, in der Schule kein großes Interesse an der russischen Sprache. Und über eine Reise nach Russland hätte ich wahrscheinlich auch nicht nachgedacht, denn alle meine Kenntnisse über Russland stammten auch nur aus dem Unterricht. So war ich doch sehr überrascht, dass ich eines Tages eine Einladung nach Puschkin erhielt. Die Neugier war groß. Nach langer Vorbereitung mit der Beschaffung von Passbildern, Reisepass- und Visaantrag bis hin zur Abschließung einer Auslandskrankenversicherung beschäftigt, rückte doch der Termin immer näher.

Schließlich ging es darum, als Gymnasiast des Francisceums, mit einer kleinen Delegation in die Zerbster Partnerstadt Puschkin zu reisen, um dort mit den Bewohnern den 307. Geburtstag der Gründung von „Zarskoje Selo“ (Puschkin), zu feiern.

Besonders aufgeregt war ich im Flugzeug. War es doch meine erste Reise in dieses für mich bisher unbekannte Land. Dies ganz im Gegenteil zu unserem Bürgermeister Andreas Dittmann, der, wie er im Gespräch mitteilte, das erste Mal 1996 mit der Tanzgruppe seines Zerbster Tanzclubs in Puschkin zu Gast war. „Damals waren wir noch in Gastfamilien untergebracht, wo man besonders die russische private Gastfreundschaft hautnah erfuhr“, gab er an.

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Annegret Mainzer als Dolmetscherin

Nun aber erst einmal zum Schönefelder Flughafen und ab in die Aeroflot-Maschine mit Ziel Pulkowo, dem Sankt Petersburger Flughafen. Natürlich glücklich und gut gelandet, alle Sicherheitskontrollen hinter uns gebracht, empfing uns unsere Betreuerin und begrüßte uns herzlichst. Und schon ging die schnelle Fahrt in das Hotel „Natalie“ (nach Puschkins Frau benannt) zum Einchecken und zur mittaglicher Stärkung um 15 Uhr (normale Mittagzeit). Hier trafen wir auch andere Delegationen aus Russland und Frankreich, die ebenfalls gern der Einladung der Stadt Puschkin gefolgt waren. Übrigens: Die Delegation aus dem französischen Valencay unterzeichnete den frischgedruckten Partnerschaftsvertrag mit Puschkin und ist als 16. somit die jüngste Partnerstadt.

Unsere Gastgeber haben weder Kosten noch Mühen gescheut, um uns einen schönen Aufenthalt zu ermöglichen. Dies wurde nicht zuletzt deutlich, als uns ein speziell für uns deutschsprachiger Flyer mit dem umfangreichen Programm übergeben wurde. So stand schon nach kurzer Pause samt Mittagessen der Empfang im Rathaus an. Auch Andreas Dittmann und seine Begleiterin und Dolmetscherin Annegret Mainzer, zugleich für den Internationalen Katharinaverein unterwegs, waren schon ganz gespannt, um hier den neuen erst seit wenigen Wochen im Amt befindlichen Bürgermeister Wladimir Omelnitzki kennenzulernen. An diesem ersten Abend, der gefüllt war mit Kultur, wie Tanz und Gesang, samt festlichem Buffet, wich schnell die Anspannung und es folgten lockere und herzliche Gespräche.

Während Andreas Dittmann und Annegret Mainzer mit den Gastgebern die weißen Nächten in St. Petersburg mit riesigem Feuerwerk und zigtausenden Besuchern erlebten, folgte ich der Einladung zum Teeabend in einem russischen Restaurant. Da meine Russischkenntnisse sehr zu wünschen übrig lassen, war ich gezwungen, mich in Englisch zu verständigen, was zu meiner Überraschung erstaunlich gut funktionierte. Hier erfuhr ich viel über die Stadt, über ihre Geschichte, über die Sehenswürdigkeiten, aber auch über die Herzlichkeit der Menschen.

Ruhestätte von Katharina II.besucht

Am nächsten Tag erwartete uns ein prallgefülltes und anstrengendes Programm, das sich vom frühen Morgen bis nach Mitternacht hinzog. Von der Führung durch den Pavillon „Arsenal“, über die Teilnahme an der Einweihung der Wappenwand der Partnerstädte in der Administration bis zum großen Umzug durch Puschkins Innenstadt zu Ehren des 307. Geburtstages der Stadt.

Es schloss sich ein Galaabend mit Kulturprogramm an. Der Höhepunkt folgte am Abend. Der Besuch eines Konzertes der hierzulande berühmten und populären von tausenden Besuchern begeistert gefeierten Band ,,Diskomafia“ mit anschließendem Feuerwerk als Abschluss der Feierlichkeiten.

Während die anderen Delegationen am Sonntag wieder abreisten, verbrachten wir einen weiteren Tag in Puschkin und St. Petersburg, um verschiedene Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Yuri Sidorov, der Direktor des Puschkiner „Zarskosselski“ Musik- und Kunstgymnasiums Achmatova , opferte dazu am Sonntag seine Freizeit, um uns die Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Dazu gehörte zum Beispiel eine private Führung durch den berüchtigten Panzerkreuzer „Aurora“, welcher im Jahr 1917 den Startschuss für die Februarrevolution auslöste und noch bis Ende des Zweiten Weltkrieges als Panzerkreuzer im Einsatz war, bis er dann 1949 als Museumsschiff und als Touristenattraktion für immer vor Anker ging.

Nächste Station war die Peter- und Paul-Festung, die auf dem Wunschzettel des Zerbster Bürgermeisters stand. Hier in der Kathedrale der ehemaligen Festung, ein bedeutendes Symbol des Zarenreiches, ruhen unter anderem die Gebeine der Zarin Katharina II. sowie alle weiteren russischen Zaren von Peter I. bis Alexander III. Auch Nikolaus II., seine Familie und Gefolge wurden dort beigesetzt.

Führung durch Katharinenpalast

Ein letzter Wunsch wurde noch am späten Nachmittag erfüllt: Eine Führung durch den Katharinenpalast in Puschkin, der unter anderem das nachgebaute weltbekannte Bernsteinzimmer beherbergt. Hier hatten wir das Glück, an den langen Warteschlangen vorbeigeführt zu werden, sonst hätte es arge zeitliche Probleme gegeben.

Ein Reisefazit zog Andreas Dittmann: „Die protokollarisch anspruchsvolle Reise als Bürgermeister hat ihre Reize, auch wenn man sich natürlich immer bewusst sein muss, dass jedes Wort, das man sagt, sehr genau von den Gastgebern wahrgenommen wird. Denn sie sind interessiert daran zu erfahren, wie wir gerade in dieser politisch brisanten Zeit mit russischen und weltentscheidenden Themen umgehen“. Weiter betonte er: „Ich bin sehr froh, dass wir uns in den letzten Jahren trotz der unerfreulichen politischen Großwetterlage unsere Städtepartnerschaft immer aufrecht erhalten haben, dass alle Projekte weitergelaufen sind und auch weiterlaufen werden.“ Dabei denkt Andreas Dittmann an die Kontakte mit dem Zerbster Gymnasium und mit dem Katharina- und Schlossverein.

Herzenssache auf beiden Seiten

Dies äußerte der Bürgermeister auf den Empfängen in seinen Reden. Die Worte wurden wohlwollend seitens der Puschkiner aufgenommen. So hat auch der neue Verwaltungschef Wladimir Omelnitzki zum Ausdruck gebracht, dass Zerbst zwar die kleinste Partnerstadt, doch eine besonders herzliche ist und meinte weiter: „Es ist besonders lobenswert, dass auch durch eure großen Bemühungen der ständige Kontakt zu uns erhalten geblieben ist. Daran merken wir, dass es euch wie uns eine Herzenssache ist, auch weiter für eine fruchtbringende Zusammenarbeit zu sorgen. Ihr bringt neue Ideen ein, die unsere Partnerbeziehungen immer wieder einen neuen Anstrich geben.“

Der Zerbster Bürgermeister und seine Delegation bedankten sich für die herzliche Aufnahme. Er betonte, dass nach Puschkin zu reisen, trotz des ungewissen Gefühls, was der Sturm in unserem Stadtgebiet ausgelöst hat, eine gute und richtige Entscheidung war. So verband er die Grußworte mit einer Einladung nach Zerbst im nächsten Jahr, wo das diesjährig geplante und verschobene Wirtschaftsforum stattfinden wird.

Und auch für die Zukunft hat Andreas Dittmann bereits Pläne und Aussichten. „Als Ausblick nach vorn bietet sich die Möglichkeit, dass wir im nächsten Jahr, im Rahmen der Kulturfesttage, eine Ausstellung von Bauhausschülern des Museums „Zarskoselsker Kollektion“ mit den Puschkiner Museumskonzepten präsentieren können. Hier haben auch Annegret Mainzer und der Direktor des Museums Alexander Michailowitsch Nekrasow einen großen Anteil. Eine weitere Idee ist die Planung eines Künstleraustausches zwischen Zerbst und Puschkin für das Jahr 2019 zur Feier der 25-jährigen Städtepartnerschaft.

Ich, als 16-jähriger Gymnasiast, kann nach der Rückkehr auf eine große erfahrene Gastfreundschaft, auf eine große Herzlichkeit zurückblicken, die mir bei diesem doch recht kurzen Aufenthalt zuteil geworden ist. Ich blicke als Zerbster jetzt doch mit etwas anderen Augen auf die Städtepartnerschaft und hoffe, dass ich die gefundenen Freunde und auch vielleicht die schöne Stadt bald wiedersehen werde. Ich kann daher jedem eine Reise nach Puschkin und St. Petersburg empfehlen und verspreche, dass man es nicht bereuen wird.