Zerbst l Der Weg zur Schule – Glück hat, wer nur ein kurzes Stück laufen muss. Doch das ist heute nicht mehr gegeben. Viele Kinder sind eine Zeit unterwegs, um zur Schule zu kommen. Einige werden von den Eltern chauffiert, andere sind auf den Bus angewiesen. Eltern verlassen sich auf einen sicheren Transport ihrer Kinder, der auch größtenteils gewährleistet wird. Von Zeit zu Zeit aber gibt es Pannen zu Lasten der Kinder. Bislang sind das Ausnahmen. Leidtragende einer dieser Pannen waren Annekatrin Els und ihre Tochter Ruthie aus Dobritz.

Ruthie besucht die 4. Klasse der Förderschule in Güterglück. Statt des Schulbusses nutzt sie den Rufbus, was bis zur 4. Klasse möglich ist. So muss das Mädchen nicht ganz so zeitig los und auch nicht an der Schwimmhalle in Zerbst umsteigen. Der Rufbus fährt bis zum Bahnhof Zerbst. Dort bleibt Ruthie einfach im Bus sitzen, und weiter geht es nach Güterglück. Oft sei ihre Tochter die einzige im Bus, erzählte die Mutter.

Chaos am Pannentag

Die Fahrt zur Schule setzt sich formell aus zwei Fahrten zusammen, die die Familie regelmäßig beim Busunternehmen anmeldet – die erste Tour zum Bahnhof, die zweite Tour vom Bahnhof nach Güterglück.

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An besagtem Pannentag lief nun nichts nach dem bekannten Plan. Ruthie war mit Ranzen, Sporttasche und obendrauf einem Blech Kuchen, das sie für die Klasse gebacken hatte, unterwegs.

Keine Buchung, keine Fahrt

Und gerade an dem Morgen war für das Mädchen Endstation am Zerbster Bahnhof. Sie musste den Bus verlassen. Die Fahrt nach Güterglück sei nicht gebucht, erklärte man ihr. Und das, obwohl sie jeden Tag diese Fahrt zur Schule macht und auch bei den Busfahrern keine Unbekannte ist. Es sei schon vorher mal passiert, dass die Fahrt nicht eingebucht war, aber da habe eine Busfahrerin zugunsten des Kindes reagiert, erzählte die Mutter. In dem Falle aber habe die Kleine nun da mit ihrem ganzen Gepäck gestanden, in morgendlicher Kälte und noch ohne Handy in dem Alter. Zum Glück sei Ruthie cool geblieben, machte sich auf den Weg zu Fuß nach Hause. Kurz vor Bone wurde sie von ihrem Opa zufällig aufgelesen ...

„So etwas darf nicht passieren“, war Annekatrin Els außer sich über den Vorfall. Es hätte ja sonstwas passieren können. Ein anderes Kind wäre vielleicht nicht so orientiert gewesen. Wäre die Busfahrerin da nicht in der Verantwortung gewesen?

Busunternehmen entschuldigt sich bei Familie

„Selbstverständlich bedauern wir den Vorfall zutiefst und entsprechend wurde der Vorgang mit dem Aufgabenträger und der betroffenen Familie ausgewertet“, reagierte der kaufmännische Leiter Fabian Watzke bei den Vetter Verkehrsbetrieben auf Nachfrage der Volksstimme. Auch intern seien entsprechende Konsequenzen und Maßnahmen eingeleitet worden, um zukünftig Vorfälle dieser Art auszuschließen: „Wir haben uns ausdrücklich bei der Familie für den Vorfall entschuldigt.“

Leider sei es zu einer Verkettung gleich mehrerer Fehler beziehungsweise zu Fehlverhalten gekommen. „Es wurde in der Disposition ein grundsätzlicher Fehler bei der Fahrtbeauftragung gemacht, dabei wurden die definierten Vorgaben des Nahverkehrsplans, welche den Mitarbeitern bekannt sind, leider nicht beachtet. In der Folge kam dann noch eine falsche Vorgehensweise der eingesetzten Fahrerin und eine unzureichende Kommunikation zwischen der Fahrerin und der Disposition hinzu“, erklärte Watzke.

Kinder dürfen nicht stehen gelassen werden

„Grundsätzlich existieren klar definierte Arbeitsaufträge/Dienstanweisungen für die Fahrpersonale, welche grundsätzlich auch den Umgang mit solchen Situationen regeln“, informierte der Unternehmenssprecher. In jährlich mindestens vier Fahrerschulungen würden alle Fahrer detailliert diesbezüglich geschult und trainiert. „Dabei gilt Schülern der Grundschulen besondere Aufmerksamkeit, und es gibt die klare Dienstanweisung, dass Kinder natürlich nicht stehen gelassen werden“, erläuterte er weiter.

In der Regel komme das Verkehrsunternehmen seiner Verantwortung für die sichere und zuverlässige Beförderung auch ordnungsgemäß nach, bedauerte Watzke wiederholt den Einzelfall.

Fahrerschulungen für Mitarbeiter

In dem konkreten Fall habe das Unternehmen selbstverständlich intern mit disziplinarischen Maßnahmen reagiert. „In solchen Fällen leben wir grundsätzlich eine Null-Toleranz-Politik“, so Fabian Watzke. Zukünftig würden in den Fahrerschulungen die Mitarbeiter noch stärker für das Thema sensibilisiert und die Kommunikation zwischen Fahrer und Disposition soll gezielt geschult und intensiviert werden, kündigte er an. Der Vorfall sei Anlass, in den nächsten Dienstschulungen das Thema noch einmal intensiv mit den Fahrern zu besprechen.

Auch vom Landkreis Anhalt Bitterfeld, der die Schülerbe- förderung beauftragt, gab es eine Entschuldigung. Man habe den Fall gemeinsam mit dem Busunternehmen geprüft und ausgewertet. Seitens des Unternehmens sei der Beförderungsvertrag nicht eingehalten worden. Bei der Übertragung des Auftrages war höchste Sorgfalt geboten, dem Anspruch sei nicht entsprochen worden.

Verantwortung der Erwachsenen

Bleibt Eltern und Kindern die Hoffnung, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt. Annekatrin Els verweist auf die Verantwortung der Erwachsenen den Kindern gegenüber, egal wie alt sie sind oder welcher Hautfarbe. Jeder sollte ein Auge auf die Kinder haben. „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen“, heißt es in Afrika, wo sie viele Jahre lebte.Sie habe sich zu der Zeit, als ihre Tochter ohne Anschluss war, um andere Kinder gekümmert, ehrenamtlich Nachhilfe an der Dobritzer Grundschule gegeben in dem Bewusstsein, dass ihr Kind in guten Händen ist.