Zerbst l „Da sind rötliche Farbreste erkennbar“, sagt Claudia Böttcher. Mit dem Finger zeigt sie auf die römischen Zahlen der Sonnenuhr. Interessiert betrachtet die Diplom-Restauratorin mit ihrer Kollegin Ulrike Wende den verwitterten Sandsteinquader an Pfeiler 3 der südwestlichen Außenmauer von St. Nicolai. In den kommenden zwei Monaten werden sich die beiden intensiv mit diesem „Baustein“ der Fassade der sakralen Ruine befassen.

Ist-Zustand ermitteln

Zunächst dokumentieren sie den Ist-Zustand, um die folgenden Maßnahmen festzulegen. „Wichtig ist, das Original so gut wie möglich und unbeeinträchtigt zu erhalten“, erklärt Claudia Böttcher. Gerade bei der Polstabuhr gehe es nicht nur um die Optik, sondern vielmehr um die Funktion, erläutert sie. So sei der bronzene Schattenstab verbogen und müsse derart begradigt werden, dass der Schatten wieder richtig fällt. „Das ist eine Herausforderung“, gesteht die Fachfrau.

Neben der noch unscheinbaren Sonnenuhr gibt es eine historische Inschrift, der sich Claudia Böttcher und Ulrike Wende ebenfalls widmen werden: „Anno dni. MCCCCLXXXIIII is angeleth dyt stucke muren“ – also 1484 – steht dort in Stein gemeißelt geschrieben. Unterdessen befindet sich oberhalb des Zeitanzeigers neben einer Kopfkonsole eine Drachenfigur, deren Ursprung etwas rätselhaft ist. Möglicherweise stammt die Plastik noch von der romanischen Basilika, dem Vorgängerbau der gotischen Hallenkirche, wie Walter Tharan erklärt. Allerdings könne ebenfalls ein Zusammenhang mit einer furchtbaren Pestepidemie bestehen, welche Zerbst in dem Jahr heimsuchte, in dem der Pfeiler errichtet wurde, so der bisherige Vorsitzende des Förderkreises St. Nicolai. Als weiteres Vorstandsmitglied begleitet er das Restaurationsprojekt, das dank einer Spende des Geschäftsführers der Zerbster Schraubenwerke, Eckhard Schmidt, realisiert werden kann. Auf 5500 Euro beläuft sich die Kostenschätzung für die nun beginnende Maßnahme.

Bilder

Farbige Gestaltung möglich

„Wir werden die Steinoberfläche mit feinen Sandstrahlgeräten reinigen“, verweist Claudia Böttcher auf die vorhandenen Verkrustungen. Wie sie erläutert, werden die so genannten Verschwärzungen gleichmäßig reduziert. „Reste der Pattellierung lässt man drauf“, bemerkt sie. Sollten sich entsprechende Befunde nachweisen lassen, könnte es zu einer farbigen Ausgestaltung der Stundenlinien und Ziffern der Sonnenuhr kommen. Oder aber die Linien werden nur lasierend in einem Schattenton ausgelegt, wie die Diplom-Restauratorin ausführt. Das konkrete Vorgehen wird sich in den kommenden Wochen herauskristallisieren. Zum Auftakt genießen Claudia Böttcher und Ulrike Wende erst einmal die Führung durch die Nicolaikirche, die beim Luftangriff auf Zerbst am 16. April 1945 stark zerstört wurde.