Zerbst l „Also den brauch‘ ich noch nicht“, sagt Helmut Behrendt und deutet auf einen Rollator, der im Hausflur seines Hauses steht, und lacht. Der gehöre der Schwiegermutter. Seinen Humor hat Zerbsts Bürgermeister außer Dienst also nicht verloren. Nun ist er 70 Jahre alt und seit sechs Jahren im Ruhestand. Beim Empfang im Restaurant Kamin drängten sich die Gratulanten. Einladungen gab es keine. „Aber es hat sich wohl rumgesprochen“, sagt Behrendt und lacht verschmitzt.

Ruhestand genießen

Seinen Ruhestand genießt er – man sieht es ihm an, dass er sich wohl fühlt. „Ich fahre regelmäßig zu Spielen des FCM und des SCM, mache Kreuzfahrten mit meiner Frau, bin noch bei drei Vereinen Mitglied, dazu kommen Ehrenmitgliedschaften bei anderen Vereinen. Da ist man noch viel in Gange“, erzählt er. Zudem halte sein kleiner Garten ihn fit. Vor drei Jahren lief ihm dann noch eine zusätzliche Wegbegleiterin für den Ruhestand zu: Merle, eine weiße, dunkel gescheckte Katze. Sie folgt ihm zu Hause auf Schritt und Tritt.

Auch auf vielen großen Veranstaltungen in Zerbst sieht man ihn immer wieder – in bester Laune, mit flotten Sprüchen und in Geselligkeit. „Meine Frau sagt immer ‚Keine Feier ohne Meier‘ – das hat sich nicht geändert“, kommentiert er und lacht. Nur an eine kleine Sache hätte er sich gewöhnen müssen. Er schmunzelt. „In den ersten zwei Jahren des Ruhestandes musste ich immer noch kurz schalten, wenn bei solchen Veranstaltungen der Bürgermeister aufgerufen wurde. Damit war ja nicht mehr ich gemeint.“

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Auf das Bauchgefühl hören

Sehnsucht zum Rathaus verspürt er aber nicht – noch nicht einmal am Tag nach seinem Ausscheiden im Juni 2013. „Der erste Tag im Ruhestand fühlte sich an wie ein Urlaubstag. Es hat so zwei, drei Wochen gedauert, bis ich realisiert hatte: Ich muss gar nicht mehr arbeiten gehen. Und als ich dann noch sah, wie viele Termine mein Nachfolger dann so absolvierte, nee, da wollte ich nicht mehr zurück. “

Er denkt gern an die Jahre zurück, die er der Stadtchef war. „Mitgestalten zu können, die Städtepartnerschaften aufzubauen und zu pflegen und zu sehen, wie Neues entsteht und sich die Stadt nach der Wende entwickelte, das hat Freude gemacht“, sagt er.

Dabei war es 1990 gar nicht sein oberstes Anliegen, Bürgermeister zu werden. „Als es hieß, es soll ein Bürgermeister gewählt werden, hatten die CDU und die SPD schnell ein Kandidaten im Auge. Ich war damals Mitglied im Bund freier Demokraten und dachte, dass wir zwar keine Chance hätten, aber zumindest einen Kandidaten mit ins Rennen schicken sollten. Von einer Parteikollegin kam dann der Vorschlag: ‚Na, dann mach du das doch.‘ Da ich mir keine Chancen ausrechnete, sagte ich ‚Ja, klar‘“, erinnert er sich.

Was dann passierte, passiert ansonsten nur in Filmen: Plötzlich wurde der Kandidat der CDU zurückgezogen. Und kurz vor der Wahl klingelte bei Helmut Behrendt zu Hause das Telefon, mit der Nachricht, dass auch der SPD-Kandidat zurückgezogen wurde. „Noch mit dem Telefonhörer in der Hand musste ich ganz laut lachen. Und plötzlich war ich kurze Zeit später Bürgermeister von Zerbst“, erinnert er sich an die fast verrückte Verkettung von Zufällen. Das Amt sollte er dann aber auch die nächsten drei Wahlen von den Bürgern zugesprochen bekommen.

„Das Gefühl vor einer Wahl, diese Anspannung, das kann sich keiner vorstellen. Die Vorbereitungen, der Wahlkampf, Plakate hängen – all das vermisse ich überhaupt nicht.“

Auch an die Zeit des Bürgermeisterdaseins hat er nur gute Erinnerungen. Oder fast nur. „Eine Niederlage werde ich nie vergessen. Die Angliederung an Anhalt-Bitterfeld. Ich empfand uns immer mehr Richtung Magdeburg gerichtet, als Richtung Köthen oder Bitterfeld. Wir gehörten zu DDR-Zeiten zum Bezirk Magdeburg. Ich hätte uns also mehr als Teil vom Jerichower Land gesehen. Aber die Zerbster entschieden sich dagegen. Das tat mir weh, dass Zerbst dann so ein Zipfel vom Anhalt-Landkreis wurde, alle Behörden abgezogen und jenseits der Elbe angesiedelt wurden.“

Spannende Zeit

Doch das ist Geschichte. Und weil das so ist, hat Behrendt das nicht erst im Ruhestand akzeptiert. Dass er als Bürgermeister ansonsten keinen so schlechten Job gemacht hat, kann er nur vermuten. „Zumindest hat mich in den sechs Jahren noch niemand angepöbelt, was ich da mal verzapft habe. Im Gegenteil. Gehe ich einkaufen, dauert es manchmal Stunden, weil ich unterwegs so viele Leute treffe, mit denen ich dann einen netten Schwatz halte, dass meine Frau sich schon wundert.“

Seine Frau Heidi steht nach wie vor an seiner Seite, auch wenn sie – ebenfalls nach wie vor – nicht überall mit hin muss. „Sie war immer eine Stütze – damals wie heute. Ohne sie hätte ich nie 22 Jahre im Amt des Bürgermeisters so absolvieren können“, sagt er. Auch beim Geburtstagsempfang hält sie ihm immer wieder den Rücken frei. Sie sind ein eingespieltes Team.

Bedenken älter zu werden, hat er nicht. „In meiner Jugend waren 70-Jährige auf dem Dorf schon fast abgeschrieben, aber wenn ich sehe, wie fit noch viele 80- oder 85-Jährige sind, dann macht das Mut“, sagt er motiviert. Frei nach dem Motto: 70 ist das neue 50.