Zerbst l Der Wolf – nächste Runde. Gleich hinter Zerbst. Am Ortsausgang in Richtung Bone links auf der Wiese. Ein Schlachtfeld am Donnerstagvormittag. Elf tote Schafe liegen verstreut auf der weitläufigen Fläche. Vier hatte Schäfer Tino Zufall aus dem Wasser der angrenzenden Boneschen Nuthe gezogen. Etliche verletzte Tiere hat er zu beklagen. Die bluten am Hals vom Kehlbiss.

Rund 200 Tiere – ein Bock, 140 Mutterschafe und ihre Lämmer – hatten Tino Zufall und seine Lebensgefährtin Tina Barucker zu stehen. Seit Anfang September war die Herde dort. Am Mittwochnachmittag war die Welt noch in Ordnung. Am Donnerstagvormittag kam der Anruf „eure Schafe laufen auf der Straße rum“, erzählt Tina Barucker. Die vermutete, dass wieder Rehe durch den Zaun gegangen sind, wie es schon einmal passiert war. An den Wolf dachten die Schafzüchter erst einmal nicht. Schließlich war bei ihnen noch nie etwas gewesen.

Dann der Schock. Die toten Tiere auf der Wiese. Tina Barucker kann die Tränen nicht zurückhalten. Bei ihr tragen viele Schafe Namen. Sie fand Fusselchen und Pemmchen unter den toten Tieren. Fusselchen kam immer und wollte Leckerlies haben. Pemmchen mochte Brotstücken.

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Schockierender Anblick

Ein Stück weiter Karli. „Karli habe ich mit der Flasche groß gezogen“, kann Tina Barucker es nicht fassen, dass der Räuber ausgerechnet ihr Lieblingstier erwischt hat. Vor zehn Jahren wurde es per Kaiserschnitt zu Silvester geholt. Und es gibt noch einige „Flaschenkinder“ in der Herde. Der Verlust für die Schäfer? „Unbezahlbar“, sagt Tina Barucker, deren Herz an den Tieren hängt. „Das kann keiner nachvollziehen, der das nicht selber durchmacht“, sagt sie.

„Ich bin selber Schafhalter und weiß, wie das ans Herz geht“, kann Antje Weber vom Wolfskompetenzzentrum Iden (WZI) nachfühlen, was die Züchterin durchmacht. Die studierte Biologin gehört zu den vier Mitarbeitern des WZI, die zur Nutztierrissbegutachtung rausfahren. Sie war gerade im Feldeinsatz in Gardelegen, als sie nach Zerbst gerufen wurde. Sie musste sich beeilen, um am Nachmittag alle toten Tiere noch vor dem Dunkelwerden anzuschauen.

Von allen Seiten werden die Tiere begutachtet, die Verletzungen registriert, Größe, Alter, Gewicht ins Protokoll aufgenommen, Fotos gemacht und eine DNA-Probe an der Bissstelle entnommen. Bei den Tieren, die im Wasser gelegen haben, wurde keine DNA-Probe genommen. Die Wolfsexpertin kann nicht sagen, „es war der Wolf“. Es bleibt bei: „Ich kann den Wolf nicht ausschließen“. Den Nachweis liefern erst die DNA-Proben. Augenzeugen gibt es schließlich nicht.

DNA-Probe für Täternachweis

Ob das Gemetzel – die Schafe wurden nicht gefressen, sondern nur gerissen – auf einen oder mehrere Wölfe zurückzuführen ist, bleibt ebenfalls bis zur DNA-Analyse offen. Viele tote Tiere gebe es, wenn die Schafe auf der Fläche noch eine Weile kreiseln, so Antje Weber. Wenn sie gleich ausbrechen, bleibe es oft bei einem Opfer. Die Anzahl der Opfer sagt jedoch nichts über die Anzahl der Täter. Dass die Tiere nur getötet und nicht einmal gefressen werden, liegt am Wesen des Raubtieres. Zum eigentlichen Fressen ist der Wolf wahrscheinlich gar nicht gekommen.

„Unsere Schafe haben Respekt vor dem Zaun“, so Tino Zufall. Die seien noch nie ausgebrochen, ergänzt seine Frau. Ein 90 Zentimeter Elektrozaun umgrenzte die Herde, straff gestellt, Strom lag an. Kein Hindernis für Wölfe. „Da kann man den Zaun noch höher und dichter bauen, die machen trotzdem rein“, ist Tino Zufall sauer, dass es so kommen musste. Da muss erst ein Kind angegriffen werden... „Warum nicht die Rehe, die immer nebenan auf der Wiese stehen, warum unsere Schafe?“, fragt sich Tina Barucker.

Selbst Wasser – nicht einmal die Elbe – stellt ein Hindernis für den Wolf dar, macht Antje Weber, die sich seit zehn Jahren mit dem Wolf beschäftigt und in erster Linie im Monitoringbereich tätig ist, deutlich. Einige der versprengten Schafe fanden die Züchter sogar auf der anderen Seite des Wasserlaufes, einige waren in die Vogelweidesiedlung gelaufen, andere standen im Hof der Bebauung an der Straße nach Bone.

Mehrere verletzte Tiere

Zunächst brachte der Schäfer mit Hilfe von Freunden die verletzten Tiere in den Stall, wo sie tierärztlich versorgt werden mussten. Am Nachmittag wurde auch die restliche Herde zur Sicherheit in den Stall gebracht. Eine weitere Herde haben Zufall und Barucker gerade von der Poleymühle nach Kämeritz umgetrieben. Auch in dem Bereich wurden schon Wölfe gesichtet.

Die Entschädigung, die beim ALFF beantragt werden kann, wird den Verlust nicht ausgleichen. Tino Zufall hat da so seine Bedenken. Er befürchtet, wie er es von Berufskollegen gehört hat, ewig auf einen Ausgleich warten zu müssen. Der Wolf beschäftigt die Schafhalter. Das ist Thema Nummer eins, wenn man sich trifft. „Die Schäfer haben so schon zu kämpfen“, so Zufall. Nun noch die Keule vor Weihnachten.