Heimatgeschichte

Serie: Zerbster Straßen im Wandel der Zeit - Die Breite von der Kneipenmeile zur Geschäftsstraße

Die Geschichte der Straßen sind auch die Geschichten ihrer Bewohner, der ansässigen Firmen und Geschäfte. Deswegen sprechen manche auch von ihrem „Kiez“. Einige dieser Geschichten von Zerbster Straßen wollen wir Ihnen in den kommenden Wochen erzählen.

Heute zeigt sich die Breite als freundliche und lebendige Straße mit zahlreichen Geschäften, Serviceangeboten und Handwerkbetrieben. 1998/99 wurde die Breite für rund zwei Millionen Euro saniert.
Heute zeigt sich die Breite als freundliche und lebendige Straße mit zahlreichen Geschäften, Serviceangeboten und Handwerkbetrieben. 1998/99 wurde die Breite für rund zwei Millionen Euro saniert. Foto: Thomas Kirchner

Zerbst - Von Helmut Hehne und Thomas Kirchner

Bereits im Jahre 1324 begegnet uns der Ausdruck „latitudo“, also „Breite“ – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Eine mit der Landwirtschaft betriebene Ansiedlung, die wohl als Vorburganlage zum heutigen Schlossgarten gedient hat. Bei der Neubebauung der „Klapperbergsiedlung“ konnten durch die damaligen Bodendenkmalpfleger umfangreiche Urnenbestattungen nachgewiesen werden.

Sehr aktiv war hier der Lehrer Max König. Somit kann man annehmen, dass mit der Flurbezeichnung „Breiten Hufen“ vor den Toren der Breite eine frühe landwirtschaftlich geprägte Siedlung bestanden hat. Auch der Handel muss hier geblüht haben, denn bereits im Jahre 1327/28 wird ein „Kaufmannshaus Breite“ genannt.

Am Ende der Breite lag das ehemalige Nonnenkloster St. Marien, das bereits 1298 aus dem Ankuhn umgesiedelt wurde. Später wurde die Toranlage Breitetor, noch 1299 so benannt, allmählich zum Frauentor umbenannt. Woher die Zerbster allerdings den Namen „Kleine Breite“ gezaubert haben, ist nicht überliefert. Mit der Bezeichnung war bis 1945 die heutige Häuserfront der Kreissparkasse bis zum „Gildehaus“ benannt. Die Häuser hatten die Hausnummern 2 bis 22. Die Unterteilung in Kleine Breite und Breite hält sich bei den Zerbstern bis heute hartnäckig.

Auf der anderen Seite, also der „Großen Breite“, ging es von der ehemaligen Gaststätte „C.G.Fischer“, die Zerbster sagten „Cejefischer“, mit erneut geraden Hausnummern los. Bei der Entwicklung der westlichen Breite am Dicken Turm spielten bis 1945 das kleine Karree, wo sich heute die Gedenkstätte „Roter Garten“ befindet, die Bebauung und der Handel in der sogenannten „Scharrengasse“ eine besondere Rolle. Ein Straßenschild erinnerte daran, das wohl bei der Enttrümmerung verloren gegangen ist.

Unmittelbar dem Dicken Turm gegenüber standen drei Häuser, die „Hofapotheke“, der „Naverma“ Verkaufsladen und die Flora Drogerie – parallel im Hinterhof die kleine „Schluppe, eben die Scharrengasse. Die alte Scharrenplumpe (Wasserpumpe), die hier stand, durch ein kleines Gedicht von Gärtnermeister Carl Jünemann bekannt, quietschte einst lustig vor sich hin.

Straße mit vielen Kneipen

Ebenso bemerkenswert ist der einst vorhandene Ziehbrunnen, wie er im Stadtplan von Johann Christoph Beckmann aus dem Jahre 1714 eingezeichnet ist. Der Brunnen stand in etwa auf Höhe der Einmündung zur Mühlenbrücke, dort wo heute in der Vorweihnachtszeit der Tannenbaum steht. Glaubt man den Braumeistern jener Zeit, sei das Wasser aus dem Brunnen das hervorragendste zum Bierbrauen gewesen.

Weiter südlich, das Haus mit der Nummer 12, bei früherer Durchnummerierung war das beispielsweise die Nummer 580, die Fleischerei Wasserberg. Die befand sich gleich eben dem ehemaligen Kino, später auch „Tageskaffee“ – letzter Name „Kammerlichtspiele“, die Zerbster sagten auch „Kali“ oder „Altes Kino“.

Die ehemalige Gaststätte „Zum Goldenen Pflugschar“ hat schon immer die Hausnummer 38 gehabt, ebenso wie eine lange Geschichte. Erbaut hat das Haus der fürstliche Münzmeister Christian Pflug. Die Gründung der Gaststätte geht auf das Jahr 1679 zurück. Die Breite war im Übrigen die Straße mit den meisten Wirtschaften, neun an der Zahl, an jeder Ecke eine Kneipe.

Nach der Zerstörung war das urbane Leben der Menschen gestört. Aus den unzähligen Ruinen entwickelte sich langsam wieder eine gewisse Eigenversorgung. Zwei Bäcker und zwei Fleischer öffneten und wer die Wäsche gemangelt haben möchte, kann das bis heute auf der Breite erledigen. Im April 1949 öffnete auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration auch in Zerbst ein Geschäft der HO – natürlich auf der Breite. Eine Rolle Drops kostete eine Mark. Auch Ärzte siedelten sich an. Bis in die Gegenwart gibt es Praxen auf der Breite.

Auf der Breite hat sich im Laufe der Jahre ein gewisses Eigenleben entwickelt. Sie zählt durchaus zu einer der belebtesten Straßen der Stadt. 1998/99 wurde die Breite für etwa zwei Millionen Euro instandgesetzt und saniert.

Vier DDR-typische Wohnblöcke wurden im Umfeld der Breite abgerissen. Sie wurden damals aus alternativen Baustoffen vom Betonwerk am Fischmarkt gefertigt. Die beiden Flächen liegen bis heute brach, sollen allerdings wieder bebaut werden, so die Grundstückseigentümer.

Institutionen auf der Breite sind unter anderem der Hofladen Bauer Weiß, die Holzofenbäckerei Handrich, das Gildehaus oder der Juwelier Klitsch.

Fortsetzung folgt...

Teil 6 der Serie erscheint am 7. Juli und führt Sie, liebe Leser, auf den Nikoleikirchhof.

Pünktlich zum 1. Advent 2017 zeigte sich die Breite von ihrer schönsten Seite - mit vielen Lichtern und in vorweihnachlichem Weiß gehüllt.
Pünktlich zum 1. Advent 2017 zeigte sich die Breite von ihrer schönsten Seite - mit vielen Lichtern und in vorweihnachlichem Weiß gehüllt.
Foto: Thomas Kirchner
Seit vielen Jahren ist die Holzofenbäckerei eine Institution auf der Breite. Geführt wird sie von Marco Handrich und seiner Frau Jana.
Seit vielen Jahren ist die Holzofenbäckerei eine Institution auf der Breite. Geführt wird sie von Marco Handrich und seiner Frau Jana.
Foto: Thomas Kirchner
Auf dem oberen Teil der Breite prägt der Klosterkomplex seit mehreren hundert Jahren das Bild der Straße und auch der Stadt.
Auf dem oberen Teil der Breite prägt der Klosterkomplex seit mehreren hundert Jahren das Bild der Straße und auch der Stadt.
Foto: Thomas Kirchner
Die Kupferschmiede Theuerkauf mit Zerbster Gesellen auf der kleinen Breite. Bis zur Zerstörung war es das Haus mit der Nummer 9.
Die Kupferschmiede Theuerkauf mit Zerbster Gesellen auf der kleinen Breite. Bis zur Zerstörung war es das Haus mit der Nummer 9.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
Der ehemalige Moltkeplatz, heute Roter Garten, rechts die kleine Breite und in der Mitte die ehemaligen Gebäude des Scharren.
Der ehemalige Moltkeplatz, heute Roter Garten, rechts die kleine Breite und in der Mitte die ehemaligen Gebäude des Scharren.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
Am 16. April 1945 wurden auch große Teile der Breite zerstört, hier mit Blick auf die Alte Brücke und die Schlosskonditorei.
Am 16. April 1945 wurden auch große Teile der Breite zerstört, hier mit Blick auf die Alte Brücke und die Schlosskonditorei.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
Die DDR-Wohnblöcke an der Ecke zur Wolfsbrücke sind hier schon entkernt, dann werden sie abgerissen.
Die DDR-Wohnblöcke an der Ecke zur Wolfsbrücke sind hier schon entkernt, dann werden sie abgerissen.
Foto: Sammlung Helmut Hehne
Die Breite konnte gleich mit zwei Springbrunnen aufwarten, an der Fritz-Brandt-Straße und am Kleinen Klosterhof (Foto).
Die Breite konnte gleich mit zwei Springbrunnen aufwarten, an der Fritz-Brandt-Straße und am Kleinen Klosterhof (Foto).
Foto: Repro/Lydia Kulot