Zerbst l „ISEK“ lautet die Abkürzung auf den Folien, die Christine Freckmann an die Wand der Stadthalle wirft. Die Abkürzung steht für „Integriertes Stadtentwicklungskonzept“. Die Mitarbeiterin der Stadtentwicklungsfirma StadtLandGrün aus Halle stellt den Zerbster Stadträten die Arbeit der vergangenen Monate vor. Es ist eine Bestandsaufnahme der Einheitsgeimeinde. Zum ersten Mal sind in der Stadtentwicklung die 24 Ortschaften berücksichtigt. Diese sind beim Entwurf des letzten Konzeptes noch nicht Teil von Zerbst. Erst 2010 wird aus der Nuthestadt die Einheitsgemeinde.

Die wichtigsten Punkte des Konzeptes fasst die Volksstimme hier zusammen.

Das integrierte Stadtentwicklungskonzept ist eine Vision, eine städtebauliche Zielstellung. Sie legt auch Schwerpunkte für Tätigkeiten fest und gibt Rangfolgen für zu entwickelnde Bereiche vor. Es werden Ziele definiert und daraus Maßnahmen abgeleitet, mit welchen diese Ziele zu erreichen sind. Auch kurzfristig ist ein Stadtentwicklungskonzept von Nutzen. Konkret ist eine hohe Priorität im Stadtentwicklungskonzept mittlerweile Bedingung für Förderprogramme. Ohne Einstufung in so ein Konzept können viele Fördermitteltöpfe nicht mehr angezapft werden. Zerbst gliedert sich in einen ländlichen Teil (Ortschaften) und einen städtischen Teil (Kernstadt). Im Konzept wurden die Bevölkerungsentwicklung, die Wohnsituation und die Daseinsvorsorge erfasst.

Bevölkerungsentwicklung

Zerbst hat seit 1995 rund 18 Prozent an Menschen verloren. Die Zahl sank von 28 400 auf 23 100 Einwohner. Der Verlust verteilt sich nahezu gleichmäßig auf Kernstadt und Ortschaften. Die Stadtplaner stellen eine fortschreitende Überalterung fest. Laut einer Prognose des Statistischen Landesamtes fällt die Bevölkerungszahl weiter gleichmäßig ab. Prognostiziert sind circa 19 000 Einwohner im Jahr 2025.

Das Einwohnermeldeamt Zerbst stellt hingegen in den vergangenen zwei Jahren eine Stabilisierung der Einwohnerzahlen auf einem Niveau um 23 000 Einwohner fest.

Wohnen

In der Kernstadt sind Wohneinheiten zurück gebaut worden, obere Geschosse wurden stillgelegt. Der Leerstand sei jedoch nicht signifikant reduziert worden, so die Planer. Der Leerstand ist bei den teilsanierten Wohneinheiten am höchsten. Die Zahl der sanierten Einheiten wachse. Den Wohnungsunternehmen raten die Planer im Konzept, keine weiteren Rückbauten vorzunehmen, sondern besonders mit Blick auf Barrierefreiheit und altersgerechtem Wohnen beispielsweise mit Fahrstühlen zu sanieren. Für leerstehende Gebäude sollten Nachnutzungen gefunden werden. Innerstädtische Brachflächen sollten revitalisiert werden. Für die Ortschaften konnten die Planer keine verlässlichen Zahlen vorlegen. Ihren persönlichen Eindrücken gebe es in den Ortschaften, die über einen hohen Anteil an privatem Eigentum verfügen, gebe es nur wenig Leerstand, der Sanierungsstand sei gut.

Daseinsvorsorge

 Die Kernstadt erfülle ihre zentralörtliche Funktion als Mittelzentrum. Einkaufen, medizinische Versorgung, Schulen – alles sei in ausreichendem Maße vorhanden. Diese Funktion sollte erhalten und langfristig sogar ausgebaut werden. Auch größere Ortschaften wie Lindau, Walternienburg und Güterglück weisen Ansiedlungen sozialer Infrastruktur und Einrichtungen der Daseinsvorsorge auf. Die Ortschaften seien generell gut an den Verkehr angebunden. Anders sehe es bei der technischen Infrastruktur aus. Diese stehe aber in direktem Zusammenhang für eine wirtschaftliche Entfaltung der Orte.

Prioritäten in Zerbst

 Vorrangig haben die Planer drei Gebiete in Zerbst priorisiert. Dort gelte es, die Entwicklungen voran zu treiben. Für die Stadtmitte soll die Rahmenplanung für Schlossgarten und Stadthalle fortgesetzt werden, die Stadtmauer saniert, das ehemalige Frauenkloster stärker genutzt und die innerstädtischen Brachflächen bebaut werden. Das Areal außerhalb der Stadtmauer im Süden nennen die Planer südliche Stadterweiterung. Dort sollte ihrer Meinung nach die Bibliothek und die Feuerwehr erhalten und weiter entwickelt werden, der Park an der Jeverschen Straße sollte aufgewertet werden. Neu im Konzept ist die Fohlenweide. Dort befindet sich ein alter Sportplatz. Die Stadtplaner schlagen vor, dort ein Wohngebiet einzurichten, was das Areal ebenfalls aufwerten würden. Der Sportplatz sei allerdings mit einer Altlast belastet. Die damals verwendete Schlacke müsste zunächst entsorgt werden, um das Gelände nutzbar zu machen. Aus dem Konzept gestrichen werden kann ab dem Jahr 2019 das Areal an der Lepser Straße. Dort entstehe ein Wohngebiet, die Planer erachten dieses bis dato hoch priorisierte Gebiet als konsolidiert.

Des Weiteren führt das Konzept mögliche Schwerpunkte im Ankuhn, im Gebiet der Amtsmühlenwegsiedlung, an der Pulspfordaer Straße und im Altindustriestandort auf. Dort sehen die Planer aber keine Vorrangigkeit.

Ortschaften

Maßgeblich wurden alle Ortschaften als Wohnstandort und Landwirtschaftsstandort eingeordnet. Die Planer erachten es als wichtig, die weiteren Funktionen, welche die Orte haben - beispielsweise als touristisches Ziel oder Versorgungsort - weiter zu schärfen und zu erhalten. Fokus legen sie auch auf das gemeinschaftliche Leben, welches durch den Erhalt von Sportstätten aber auch Gewerbegebieten begünstigt werden soll. Ebenso seien besondere Gebäude schützenswert, wie die Backhäuser und Backöfen oder Jugendclubs in den Orten. Andererseits müsse langfristig ein Bürger- beziehungsweise Gemeindehaus pro Ortschaft reichen, schätzen die Planer ein. Es komme auf die Auslastung an, aber diese seien aus städtischer Sicht ein Kostenfaktor. Zudem schlagen die Planer vor, für das ehemalige Sanatorium in Lindau und das Rittergut in Nutha über eine Nutzung nachzudenken.

Im Stadtrat

Helmut Seidler (FFZ), Ortsbürgermeister von Lindau, fragt: „Diskutieren wir mit Totschlagargument oder ohne Totschlagargument? Ich rede von der finanziellen Seite dieser ganzen Ideen.“ Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) antwortet: „Ich denke, es wird deutlich, dass wir, wenn die Stadtmauer saniert werden soll, das denkmalpflegerische Rahmenkonzept für den Schlossgarten mit aufnehmen, dann gibt es da auch viel Raum nach oben, der natürlich dann in der Umsetzung unter einem Finanzierungsvorbehalt stehen muss. Logisch.“ Es werde ein Spagat bleiben zwischen dem, wo man hinwolle – im Zweifel auch über einen langen Zeitraum – und was man sich leisten könne. Einiges werde am Kreuzungspunkt zwischen dem jüngsten Gericht und dem Sankt-Nimmerleins-Tag stattfinden. Man müsse sich auf das konkret machbare konzentrieren. „Das ist die Kunst jeder Kommune“, antwortete Dittmann.

Das Konzept solle als ausdrückliche Einladung zur Diskussion verstanden werden, so der Bürgermeister. Es wird jetzt in allen Ortschaftsräten behandelt. Schön wäre, wenn es im September beschlossen werden könnte, wünschte sich der Bürgermeister. „Gibt es aber weiteren Diskussionsbedarf, kommt es auf einen weiteren Monat nicht an.“