Zerbst l Es gibt rund 30 Tafeln mit 100 Lebensmittelausgabestellen in Sachsen Anhalt, eine davon auch in Zerbst. Sie sammeln längst nicht mehr nur Lebensmittel, um sie dann wieder an Bedürftige zu verteilen – wobei dies alleine oftmals schon eine logistische Herausforderung ist. Sie sind nicht zuletzt auch Anlaufstelle und so manches Mal einziger sozialer Kontakt für Hilfesuchende, Langzeitarbeitslose oder ältere Menschen und tragen nicht selten zur Integration von Flüchtlingen bei.

Verkauf des Geländes

„Wir haben ein bewegtes Jahr hinter uns, mit viel Zuspruch, vielen Menschen und Unternehmen, die uns unterstützen, aber auch mit vielen Unsicherheiten“, blickt die Zerbster Tafelleiterin Ute van Tulden auf die vergangenen zwölf Monate zurück. Allein der Verkauf des Geländes, auf dem sich die Tafel befindet, im vergangenen Jahr habe Nerven gekostet.

„Wie geht es weiter? Finden wir ein Ausweichquartier? Diese Fragen beschäftigen uns bis heute“, sagt van Tulden. Auch wenn sich Tafel und Kindertafel mit der Zerbster Diakonie über den zeitlich begrenzten Verbleib in der Jeverschen Straße einig geworden sind, bleibe doch eine gewisse Zukunftsangst. „Die Diakonie ist uns ein großes Stück entgegenkommen, dafür sind Birgit Brandtscheit (Leiterin der Kindertafel) und ich sehr dankbar, aufatmen können wir aber erst, wenn wir ein neues Domizil gefunden haben“, so van Tulden. Die Suche sei in vollem Gange.

130 Familien sind angewiesen

Ute van Tulden bereitet mit ihren ehrenamtlichen Mitarbeitern die Lebensmittelausgabe vor. „Gut 130 Familien sind derzeit auf Lebensmittel von der Tafel angewiesen“, erklärt sie nebenbei. Die Zahl sei relativ konstant und die Spendenbereitschaft der Supermärkte sei ebenfalls konstant gut. „Auch die produzierenden Unternehmen der Stadt stellen Lebensmittel zur Verfügung. „Mehr als zehn Firmen sind es derzeit insgesamt“, freut sich die Tafel-Chefin. Montags, mittwochs und freitags werden Lebenmittel ausgegeben.

Was Ute van Tulden im Moment Sorge bereitet, ist das „Restaurant mit Herz“. „Es gibt sehr viel Altersarmut. Und diese Armut macht krank und vor allem auch einsam“, erklärt sie. So sollten Senioren mit niedrigen Renten nicht nur kostengünstig bei der Tafel zu Mittag essen, „sondern auch Kontakte knüpfen können und Menschen zum Reden finden“, so van Tulden.

Nur deshalb habe sie das „Restaurant mit Herz“ überhaupt ins Leben gerufen. Doch derzeit kämen immer weniger Gäste. „Wir haben extra den Namen ,Suppenküche‘ vermieden, weil wir wissen, dass gerade auch bei älteren Menschen die Scham groß ist, zur Tafel zu gehen“, weiß Ute van Tulden. Das gelte erst recht, wenn es darum gehe, sich Lebensmittel von der Tafel zu holen.

Einbruch nach Weihnachten

„Ich hoffe sehr, dass sich die Besucherzahlen wieder stabilisieren“, wünscht sich van Tulden und appelliert gerade an die älteren Menschen, ihre Scham zu überwinden und sich bei vorliegender Bedürftigkeit bei der Tafel anzumelden.

Wütend wird die Tafel-Chefin noch immer, wenn sie an den Einbruch Ende vorigen Jahres denkt. „Unbekannte hatten sich zwischen Heiligabend und dem 27. Dezember über ein Fenster auf dem Hof gewaltsam Zutritt zu den Lagerräumen im Keller des Gebäudes verschafft, ordentlich gewütet sowie Lebensmittel und Spielsachen gestohlen. Schaden: mehr als 2000 Euro“, schildert die Tafel-Chefin.

Aber es gebe auch Positives zu berichten. Die Zerbster Tafel verfügt seit 2018 über einen neuen Transporter, inklusive Kühlaufbau. „Finanziert wurde das Fahrzeug von mehreren Firmen, Sponsoren, dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld und von Lotto Sachsen-Anhalt“, freut sich van Tulden und ergänzt: „Überhaupt wäre unsere Arbeit für die Bedürftigen ohne die vielen Menschen, Ehrenamtlichen und Unternehmen, die uns unterstützen, unmöglich.“